17. März 2014 2

Weniger Seriosität, bitte!

Was die Science-Fiction nötig hat und was nicht – eine Kolumne von Hartmut Kasper

Lesezeit: 3 min.

Vor einem halben Jahrhundert, im Jahr 1964 nämlich, inspizierte der SF-Autor Isaac Asimov auf Einladung der New York  Times eine potentielle Weltausstellung des Jahres 2014. Was würde da und dann zu sehen sein?

Der Schriftsteller legte sich ins Zeug und prophezeite („I don’t know, but I can guess…“) unter anderem: „Gadgetry will continue to relieve mankind of tedious jobs. “ („Technische Geräte werden  den Menschen zunehmend mühsame Arbeiten entlasten.“) Treffer! Die Kommunikation, so Asimov, werde sich dahingehend verändern, dass die Gesprächspartner einander sowohl sehen als auch seine Stimme hören können. Auch diese Prognose: mitten ins Schwarze. Skype doch selbst ich heute mit meiner Tochter in den fernen Vereinigten Staaten wie weiland Captain Kirk mit dem Oberkommando der Schnellen Raumverbände.

Roboter – sah Asimov ferner voraus –  würden im Jahr 2014 weder verbreitet noch sehr gut sein, aber sie würden existieren. Beinahe! Roboter existieren durchaus, allerdings machen sie sich nicht rar, sondern es gibt sie, beispielsweise in Autofabriken, massenhaft, und anders als gedacht funktionieren sie tadellos. Da wir von Autos reden: Asimov weissagte, dass Automobile mittels „Jets“ über Land gleiten würden; Straßen wären anno 2014 deswegen weitgehend aus der Mode gekommen; Brücken verzichtbar. Nun ja.

Auch in Sachen Arbeitswelt lag Asimov eher daneben: Die meisten Routinearbeiten, so seine Vorahnung, würden 2014 von Maschinen erledigt; die Menschheit werde infolgedessen an krankhafter Langeweile leiden, weswegen „psychiatry will be far and away the most important medical specialty in 2014“.

Wie auch immer: Asimov wird für diesen kecken Visionen in den einschlägigen Foren gefeiert – als wäre es erste Autorenpflicht für Science-Fiction-Schriftsteller, in die Zukunft zu schauen. Nun muss man nicht unbedingt in der utopischen Literatur bewandert sein, um zu erahnen, dass technische Geräte – „Gadgetry“ – auch schon in der Vergangenheit meist nicht ersonnen worden sind, um das Los des Menschen vollends in Müh und Plage zu verwandeln, sondern um das Leben zu erleichtern. Und seit der Erfindung des Fernsehens konnte der Kenner ahnen, dass eine Bildübertragung möglich ist.

Aber dass es ein Science-Fiction-Experte ist, der diese Voraussagen trifft, lässt die ganze Sache noch spektakulärer erscheinen. Hat nicht auch Arthur C. Clarke (Bilanzprüfer, Physiker und Science-Fiction-Autor) schon im Jahr 1945 den stationären Satelliten prophezeit – und gereicht das nicht bis heute dem Genre zur Ehre? Wahrscheinlich wollen solche Lobliedsänger auf Asimov, Clarke & Co. der Science-Fiction Gutes tun, als müssten sie einem eher dubiosen Genre einen Hauch von Seriosität verleihen. Leider ein weit verbreitetes Missverständnis.

Wer SF-Autoren als Technikpropheten lobt, denunziert in Wahrheit ihre Texte als literarisch verbrämte Rechthaberei. Wer glaubt, dass die SF ihrem Wesen nach Zukunft beschreiben sollte, das Morgen erraten oder besser noch (weil im Technosound gesagt:) extrapolieren, der glaubt auch, dass Horrorliteratur über die Natur von Vampiren aufklärt oder Fantasy-Romane Lücken in unseren historischen Aufzeichnungen füllen.

Science-Fiction – das sind Hirngespinste, und wie alle Gespinste dienen sie nicht als Informationsbüro, sondern zum Beutefang: hier der Fliegen, dort der Leser. Und wenn Science-Fiction den Leser anlockt, fesselt und einwickelt, hat sie (wie alle Kunst) ihren Zweck erfüllt. Den seriösen Blick in die Zukunft sollten die SF-Autoren denen überlassen, die etwas davon verstehen: Wahrsagerinnen, Endzeitpropheten und Steuerschätzern.

Seriosität war in der Kunst noch nie gefragt und sollte es auch in der Science-Fiction nicht sein. Deswegen wünscht sich Doctor When von den SF-Schriftstellern: mehr atemberaubende Unterhaltung, mehr wahnwitzige Weltbilder bitte.

Und weniger Seriosität.

Isaac Asimov

Isaac Asimov / Bild © privat

Kommentare

Bild des Benutzers KingLouie

Sieh an, der Herr Vandemaan ;-)

Der Forderung kann ich mich zwar anschließen. Den Anlaß dazu halte ich allerdings für ein wneig an den Haaren herbeigezogen. Immerhin sollte der angesprochene Artikel ja keine SF-Geschichte sein, sondern der Versuch einer Wahrsagerei. Die mehr oder wneiger gelungen ist.
Ich hab die Links im Text nicht weiter verfolgt. Sollten sie tatsächlich diesen Artikel als Beweis für das "Gut sein" von SF ansehen, wäre das eine ebensolche Fehlleitung...

Abgesehen davon liebe ich Kolumnen und harre der Fortsetzung (in der Hoffnung, dass gewisse Exposes nicht darunter leiden...;-)...)

Ad astra

Bild des Benutzers Ledzep

Steckt ja schon im Begriff: Das Genre hat´s mit Science & Fiction gleichermaßen - so geschrieben auch im Slogan dieser Website. Und je nach Gewichtung produziert die Spannung zwischen den beiden Polen den ganzen wunderbaren Zoo der Subgenres, den sicher keiner missen möchte.
An beiden Enden des „Spannungsbogens“ kann man Hard-SF und Social-SF verorten. Hier liefern zwei aktuelle Romane Diskussionsstoff für die doch steile These.
Quer durch die Medienlandschaft rezensiert und gefeiert hat sich „Der Marsianer“ als Buch und Film zu einem echten Bestseller entwickelt. Ein echtes und als solches gelungenes Stück Hard-SF. Und liefert doch für meine Begriffe reichlich Belege für den Grundtenor der Kolumne.
Das Buch ist ein echter Pageturner, ganz ohne Zweifel. Sicher, es ist spannend, aber ist es auch ergreifend, bewegend? Die Story vom wackeren Amerikaner, der sich unbeirrt durch alle Fährnisse hindurch kämpft, ist hinlänglich erzählt. Auf den lebensfeindlichen Mars verlegt, hangelt sie sich von einem technischen Gadget zur nächsten, meist wissenschaftlich akkurat recherchierten Erleuchtung. Und das extrem eindimensional: Es fehlt jede persönlich-menschliche Tiefenschärfe oder gesellschaftlich-politische Relevanz.
Die Frage, was die Science-Fiction nötig habe, lässt sich daher für einen modernen Sciencefiction-Roman beantworten: erheblich mehr als einen technophilen, omnipotenten Astronauten.
Andererseits gehört Wissenschaft, Technik und Extrapolation zum Profil der Science Fiction. Reicht es, eine gute Mainstream-Geschichte ein paar Jahre in die Zukunft zu verlegen um sie zu Science Fiction werden zu lassen? Die Ausdehnung des orthodoxen Begriffs „Science“ auf die „weichen“ Wissenschaften wie Biologie oder Soziologie spätestens durch die New Wave hat die Ränder zu anderen Literaturgattungen unschärfer werden lassen.
In dieser Grauzone bewegt sich der Roman „Die Brücke“. Ich habe den Roman mit wirklich großem Genuss gelesen, aber eigentlich nicht als Science-Fiction Roman rezipiert. Die Story könnte problemlos und ohne Abstriche im Hier und Jetzt funktionieren, der großartige „Sense of wonder“ der Geschichte beruht auf anderen literarischen Traditionen als der der SF.
Auch wenn der „Trail“ ein innovatives Kraftwerk ist und politische Umbrüche die Landkarte verändert haben: Ein bisschen mehr technisch-wissenschaftliche „Seriosität“ braucht es für einen Science-Fiction Roman vielleicht doch.

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