4. Juli 2017 3 Likes

Stephen Kings Kosmos und der Dunkle Turm

Ein Streifzug durch beinahe sechstausend Seiten Epos

Lesezeit: 6 min.

„Der Mann in Schwarz floh durch die Wüste, und der Revolvermann folgte ihm.“ Wenn es um berühmte erste Sätze geht, kann es Stephen Kings Einstieg in die Welt seines Dunklen Turms mühelos mit anderen Meilensteinen der Literaturgeschichte aufnehmen.

Der Dunkle Turm (Film)Es ist der Auftakt zu einer epischen Romanserie, die in vielerlei Hinsicht ihresgleichen sucht: 5600 Seiten in acht Bänden umfasst die aktuelle Taschenbuchausgabe, 34 Jahre liegen zwischen der ersten Veröffentlichung und dem (aktuell) letzten Roman Wind. 34 Jahre, in denen aus dem jungen amerikanischen Autor, der Ende der 70er-Jahre gerade mit „Carrie“ und „Shining“ erste Erfolge gefeiert hatte, einer der größten Literaturstars aller Zeiten wurde, in denen er zum King of Horror avancierte und Bestseller um Bestseller veröffentlichte. Und in denen er immer wieder in die Welt von Roland aus Gilead zurückkehrte.

Entscheidend inspiriert von J. R. R. Tolkiens „Der Herr der Ringe“ und Sergio Leones ikonischen Italowestern, entschloss sich der junge Stephen King, einen Roman zu schreiben, der „zwar Tolkiens Gespür für abenteuerliches Suchen und Magie nachvollzog, aber vor Leones fast schon absurd majestätischem Westernhintergrund spielte“. Das geschah dann zunächst in Form eines Fortsetzungsromans, der zwischen 1978 und 1981 in fünf Teilen erschien. Darin erzählt er von Roland, dem letzten Revolvermann (klar orientiert an dem Clint Eastwood aus Filmen wie Zwei glorreiche Halunken), der durch die verdorrte Wüstenlandschaft einer Welt wandert, die „sich weiterbewegt“ hat.

Er ist auf der Spur des Mannes in Schwarz, eines dunklen Magiers, von dem er sich Großes erhofft. Einen Hinweis auf sein eigentliches Ziel, die Erfüllung seiner Sehnsucht. Denn Roland ist auf der Suche nach dem Dunklen Turm, dem Zentrum von Raum und Zeit, dem buchstäblichen Nabel der Welt. Seine Heimat, eine eigentümliche Mischung aus Westernlandschaft und mittelalterlicher Rittergesellschaft, beginnt zu zerfallen. Er ist der letzte aus einer glorreichen Reihe von Ehrenmännern und fühlt sich als solcher verantwortlich für den Fortbestand des Guten. Diese Ehrenmänner erinnern nicht ganz zufällig an die Ritter der Tafelrunde. Denn King bedient sich für seinen Zyklus ausgiebig im Mythenschatz der Weltgeschichte; Roland ist nicht nur Westernheld, sondern ganz klar auch ein Geschöpf der Artus-Sage. Am Ende der ersten fünf Kapitel stellt Roland den Mann in Schwarz – aber das ist erst der Anfang seiner monumentalen Reise.

Stephen King (Foto © Shane Leonard)
Stephen King
© Shane Leonard

Was ursprünglich nicht abzusehen war, denn zunächst zweifelte King am Erfolg der Reihe. Die ersten fünf Kapitel erschienen zwar 1982 gesammelt als „Schwarz“, jedoch nur in kleiner Auflage. Mit wachsender Fangemeinde wuchs jedoch auch das Interesse an dem ungewöhnlichen Fantasy-Stoff des aufstrebenden Horrorstars, und King machte sich an die Fortsetzung, die 1987 unter dem Titel „Drei“ erschien. Bis 1997 kamen noch zwei weitere Bände heraus („tot.“ und „Glas“) in denen immer deutlicher wurde, dass King auf dem Weg war, nach und nach das wichtigste und größte Werk seiner Karriere zu erschaffen.

Roland versammelt darin auf seiner abenteuerlichen Reise eine Gruppe treuer Gefährten um sich, die er aus dem ganz realen Amerika unserer Zeit rekrutiert. Es wird klar: Die fantastische Welt des Revolvermanns ist durchlässig für andere Realitäten. Portale, Schwachstellen und weitere Übergänge ermöglichen es Kings Helden, zwischen den verschiedenen Zeit- und Raumebenen hin und her zu „flitzen“, alles hängt mit allem zusammen, in Rolands Mittwelt kennt man Songs wie „Hey Jude“, dafür finden sich im Amerika der 80er-Jahre klare Hinweise auf seine Verbundenheit mit dem jenseitigen Land des Revolvermanns.

Und mehr noch: In zunehmendem Maße wird deutlich, dass auch Figuren, Schauplätze und Ereignisse anderer King-Romane und -Storys auf rätselhafte Weise Bedeutung für die Suche nach dem Dunklen Turm erlangen. Diese vom Untergang bedrohte Welt ist offenbar ganz buchstäblich das Zentrum seines schriftstellerischen Werks – ein klarer literarischer Vorläufer dessen, was heute als „Cinematic Universe“ von Studios wie Marvel und DC im Kino für Furore sorgt.

Der Dunkle Turm (Film)
Der Dunkle Turm – „… und der Revolvermann folgte ihm.“

Oder wie Stephen King selbst sagt:

„Meine bisher erschienenen Romane und Kurzgeschichten reichen aus, ein ganzes Sonnensystem mit Fantasie zu füllen, aber Rolands Geschichte ist mein Jupiter – ein Planet, der alle anderen zu Zwergen macht.“

Eine Entwicklung, die in den nächsten Bänden auf die Spitze getrieben wird. 1999 fällt King einem schlimmen Autounfall zum Opfer, der ihn fast das Leben kostet. Ein traumatisches Erlebnis, das ihn nicht nur dazu veranlasst, in schneller Abfolge die letzten drei Bände zu schreiben – „Wolfsmond“ (2003), „Susannah“ (2004) und „Der Turm“ (2004) – und damit seinen Zyklus zu beenden, sondern auch sich selbst und die eigene Biografie zum Gegenstand der Geschichte zu machen.

Hier erreicht „Der Dunkle Turm“ endgültig die Ebene des Metafiktionalen: Der Autor Stephen King wird höchstselbst eine Figur der Handlung und greift als schöpferische Hand in das Geschehen ein. Auch die Hinweise auf popkulturelle Ursprünge vieler Details dieser Fantasy-Welt – Star Wars, Harry Potter, Marvel-Comics – werden immer deutlicher und lassen in Roland und seinen Gefährten die Ahnung wachsen, dass sie Teil einer erfunden Geschichte sind.

Stephen King: Story Selection

Ein Kunstgriff, der aus dem Epos um den Dunklen Turm viel mehr macht als nur eine weitere mythologisch inspirierte Fantasy-Saga. Obwohl sich diese monumentale Geschichte dank der gewohnten erzählerischen Brillanz des Autors von Bestsellern wie „Es“, „Friedhof der Kuscheltiere“ oder „The Stand – Das letzte Gefecht“ wunderbar spannend liest und einen grandiosen Sog entwickelt, wird es nämlich erst dann richtig spaßig, wenn man sich auch nur ansatzweise mit Kings anderen Romanen und Kurzgeschichten auskennt. Denn der Dunkle Turm des Romans ist nicht nur Nabel dieser fiktionalen Welt, sondern auch eine Art Zusammenfassung des kingschen Schaffens. Hier tummeln sich Figuren wie Pater Callahan aus „Brennen muss Salem“, finden sich Orte wie das Hotel Overlook aus „Shining“ – und sogar der Autounfall des Autors wird entscheidender Teil der Story.

Das alles ist mehr als postmodernde Spielerei, mehr als das Streuen von Easter Eggs und lustigen kleinen Querverweisen. Nein, es ist die Essenz eines 40-jährigen Schreibens, die sich in einem Romanzyklus bündelt, dessen Fülle an Fantasie und erzählerischem Spieltrieb schlicht atemberaubend ist. Mit anderen Worten: Als King-Fan muss man den Dunklen Turm lesen, das ist man sich selbst und dem eigenen Lesevergnügen einfach schuldig.

Der Dunkle Turm (Film)
Der Dunkle Turm – „Größe, Revolvermann … Größe …“

Doch auch für den unbedarften Besucher hält Rolands Welt alles bereit, was das Herz des leidenschaftlichen Lesers begehrt. Denn dieser ganz spezielle Mix hat es in sich: Westernmotive stehen gleichberechtigt neben klassischen Fantasy-Elementen, blutiger Horror verschmilzt mit Science-Fiction-Themen, mittelalterliche Ritterromantik, zarte Liebesgeschichte, emotionales Drama und nicht zuletzt auch jede Menge Humor sowie ein gewisser Hang zur Albernheit bilden das Rückgrat eines im Grunde einzigen, beinahe sechstausendseitigen Romans, von dessen Größe man sich nicht abschrecken lassen sollte. Schließlich verrät der Mann in Schwarz seinem Verfolger schon am Ende des ersten Bandes, worauf es wirklich ankommt: „Größe, Revolvermann … Größe …

King schloss den Zyklus 2004 mit dem letzten Band „Der Turm“ ab. Doch ein Werk von solcher Durchlässigkeit für die Kraft der Fantasie ist niemals wirklich beendet; 2012 folgte mit „Wind“ ein weiterer Roman, dessen Handlung zeitlich zwischen Band 4 und 5 angesiedelt ist. Und da Zeit und Raum in der Welt des Dunklen Turms keine wirkliche Rolle spielen, wird es sicherlich auch in künftigen King-Stoffen immer wieder Bezüge zu Rolands mythischer Mission geben.

Die reine Romanform hat er jedenfalls schon verlassen – in einer Reihe von Graphic Novels sind mittlerweile zahlreiche weitere Abenteuer zu erleben. Dass der letzte Revolvermann sich nun endlich auch im Kino auf die Suche nach dem Dunklen Turm macht, ist da nur konsequent. Denn seine Reise, die vor fast 40 Jahren begann, geht immer weiter. „Der Mann in Schwarz floh durch die Wüste, und der Revolvermann folgte ihm.“
 

Stephen King: Der Dunkle Turm - Schwarz (Filmausgabe)Die Verfilmung Der Dunkle Turm kommt am 10. August 2017 in die deutschen Kinos. In den Hauptrollen sind Idris Elba als der Revolermann und Matthew McConaughey als der Mann in Schwarz zu sehen; Regie führte Nikolaj Arcel. Mehr Infos dazu hier und unter www.DerDunkleTurm-Film.de.
 

Stephen King: Der Dunkle Turm – Schwarz ∙ Roman ∙ Originaltitel: The Dark Tower – The Gunslinger ∙ Aus dem Amerikanischen von Joachim Körber ∙ 352 Seiten ∙ Wilhelm Heyne Verlag ∙ Filmausgabe 9,99 Euro (hier erhältlich)

 

THE DARK TOWER Motion Picture Artwork © 2017 CTMG. All rights reserved.

 

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