19. Januar 2016 3 Likes

Wenn dem Wüstenplaneten der Sand ausgeht

Wie Hollywood beinahe an Frank Herberts „Wüstenplanet“ gescheitert wäre

Lesezeit: 20 min.

Oft sind es gerade die ganz großen Geschichten, bei denen sich die Traumfabrik Hollywood lange Zeit schwer daran tut, sie auf die große Leinwand zu bringen. Frank Herberts »Der Wüstenplanet«, dessen fünfzigjähriges Jubiläum der Heyne Verlag gerade mit einer völlig neu übersetzten und farbig illustrierten Prachtausgabe feiert, ist da keine Ausnahme. Der Filmwissenschaftler und Hollywood-Kenner David Hughes wirft in seinem ausführlichen Essay einen Blick auf die turbulente Entstehungsgeschichte der Kinofassung von Dune – eine Geschichte, ohne die andere Meilensteine des Science-Fiction-Films wie etwa Star Wars, Blade Runner oder Alien undenkbar gewesen wären.
 

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Im Jahr 1963 begann das Science-Fiction-Magazin Analog mit der Veröffentlichung von »Dune World«, einer dreiteiligen Erzählung eines Autors namens Frank Herbert, der bis dahin nur einen einzigen Science-Fiction-Roman geschrieben hatte: »Der Drache in der See«, ein im 21. Jahrhundert angesiedeltes U-Boot-Abenteuer, das sieben Jahre zuvor erschienen war. Im folgenden Jahr druckte die Zeitschrift auch »Prophet of Dune«, die dreiteilige Fortsetzung der Saga. 1965 schließlich wurden die beiden Erzählungen unter dem Titel »Dune« (»Der Wüstenplanet«) vereint. Herberts komplexes, viele Jahrtausende in der Zukunft angesiedeltes Epos, das soziologische, ökologische, politische und theo­logische Aspekte umfasst und sich über verschiedenste Welten erstreckt, wurde sowohl mit dem Hugo als auch dem Nebula Award ausgezeichnet – ein neuer, bedeutender Science-Fiction-Visionär war auf den Plan getreten.

»Der Wüstenplanet« (neu übersetzt, im Shop), der seitdem stets im Druck geblieben ist, hat ganze fünf Fortsetzungen hervorgebracht: »Der Herr des Wüstenplaneten« (1969, im Shop), »Die Kinder des Wüstenplaneten« (1976, im Shop), »Der Gottkaiser des Wüstenplaneten« (1981, im Shop), »Die Ketzer des Wüstenplaneten« (1984, im Shop) und »Die Ordensburg des Wüstenplaneten« (1985, im Shop); darüber hinaus haben Frank Herberts Sohn Brian und Kevin J. Anderson etliche Romane geschrieben, die versuchen, die Geschichte in alle Richtungen weiterzuentwickeln (im Shop). Verfilmt wurde der Roman zum einen von Regisseur David Lynch in Form eines Spielfilms (1985), zum anderen als Miniserie (2000), die vom Sci-Fi-Channel produziert und von John Harrison konzipiert wurde. Literarische Moden kommen und gehen, doch Herberts Vermächtnis bleibt – er ist der Tolkien seines Genres, der Architekt der größten Science-Fiction-Saga aller Zeiten.

Die Handlung des Romans setzt im Jahr 10191 ein: Der wertvollste Rohstoff des Universums ist das »Spice«, auch Melange genannt, das nicht nur das Bewusstsein erweitert und das Leben verlängert, sondern auch eine entscheidende Voraussetzung für die Raumfahrt darstellt. Doch das Spice ist nur an einem einzigen Ort zu finden: auf dem Wüstenplaneten Arrakis, der Heimat riesiger Sandwürmer und des mysteriösen Volks der Fremen. Weil Imperator Shaddam IV. einen potenziellen Rivalen um den Thron fürchtet, überträgt er das Recht auf den Gewürzabbau vom Haus Harkonnen, das von einem dahinsiechenden Baron und seinen verblödeten Neffen geführt wird, auf das Haus Atreides, an dessen Spitze Herzog Leto und dessen Konkubine Lady Jessica stehen, ein Mitglied der telepathischen Schwesternschaft der Bene Gesserit. Doch die scheinbar edle Geste ist eine Falle, die das Haus Atreides dem Untergang weihen soll. Derweil kündigt eine Prophezeiung die Ankunft des Kwisatz Haderach an, einer messianischen Figur, die die Bene Gesserit – bislang erfolglos – durch die Manipulation von Stammbäumen hervorbringen wollen. Herzog Letos und Lady Jessicas Sohn Paul könnte der Schlüssel sein. Seine hellseherischen Träume und seine rasante Entwicklung lassen erahnen, dass er mehr ist als nur ein Mensch.

Während die Harkonnen planen, ihre Feinde mittels eines Verräters zu Fall zu bringen, trifft die Familie Atreides auf Arrakis ein. Bei einem ersten Besuch bei den Spice-Ernte­maschinen greift prompt ein Sandwurm an. Zurück im Palast deaktiviert der doppelzüngige Dr. Yueh den Schutzschild und erpresst den Herzog – nur wenn dieser den Baron (der Yuehs Frau auf dem Gewissen hat) tötet, werden Jessica und Paul verschont. Die Harkonnen überrennen den bloßlie­genden Palast, ermorden Yueh und setzen Paul und Jessica in der tödlichen Wüste aus. Doch durch Pauls wachsende Kräfte können sich Mutter und Sohn zu den Fremen retten, wo sie enorme unterirdische Wasservorräte entdecken. Bei seinem erfolglosen Anschlag auf den Baron kommt der Herzog ums Leben. Jessica steigt zur neuen spirituellen Anführerin der Fremen auf und bringt eine Tochter zur Welt, die ebenfalls mit großen Kräften gesegnete Alia. Unterdessen steigern sich Pauls Fähigkeiten immer weiter – bis er die Fremen zum Sieg über die Truppen des Barons führt und schließlich den bösen Imperator stürzt, den Frieden im Universum wiederherstellt und die Prophezeiung erfüllt: Er ist der Kwisatz Haderach, der Messias, der Arrakis’ Antlitz verändern wird.

»Der Wüstenplanet«, der kurz vor dem Durchbruch der Hippie-Kultur der Sechzigerjahre in die Buchhandlungen kam, wurde fast sofort zum Erfolg. Selbst Frank Herbert tat sich schwer zu erklären, woran das lag: »Ich hatte mir nicht vorgenommen, einen Klassiker oder Bestseller zu schreiben«, erzählte er Ed Naha, dem Autor von »The Making of Dune«.

Frank Herbert
Frank Herbert

»Offen gestanden, habe ich mich kaum noch darum gekümmert, wie es mit dem Buch weiterging, nachdem es veröffentlicht war. Für mich war das alles Schnee von gestern. Das hatte ich hinter mir, jetzt wollte ich etwas anderes machen.« Offenbar wollte er fünf Fortsetzungen schreiben, eine umfangreicher und epischer angelegt als die letzte. »Der Verlag hat nicht damit gerechnet, dass das Buch so groß rauskommen würde«, fügte der Autor hinzu. »Sie wussten nicht, womit sie es zu tun hatten. Und als es dann einschlug, lief das vor allem über Mundpropaganda. Sie konnten gar nicht schnell genug nachdrucken.«

Schon allein aufgrund der Verkaufszahlen des Romans schien es nur eine Frage der Zeit zu sein, bis Hollywood sich für den Überraschungserfolg interessieren würde, auch wenn sich die ausufernde Erzählung auf den ersten Blick kaum für eine Verfilmung anbot. Doch durch den Evolutionsschub, den Stanley Kubricks 2001 – Odyssee im Weltraum (1968) dem Science-Fiction-Kino verlieh, rückten die Spe­zial­effekte, die nötig waren, um den Wüstenplaneten auf die große Leinwand zu bringen, in greifbare Nähe. Im Jahr 1972 erwarb zunächst Arthur P. Jacobs, der Produzent von Planet der Affen, eine Option auf den Stoff. Frank Herbert erinnerte sich: »Er hat sich eine Option für neun Jahre gesichert, aber daraus ist nichts Richtiges geworden. Als Jacobs dann 1973 starb, hing das Projekt längere Zeit in seinem Nachlass fest.« Doch 1975 kaufte ein französisches Konsortium um Michael Seydoux, einen reichen Pariser, der im Filmgeschäft Fuß fassen wollte, die Rechte aus Jacobs’ Nachlass. Die ursprüngliche Option galt noch für sechs Jahre. Seydoux bot das Projekt dem chilenischstämmigen Regisseur Alejandro Jodorowsky an, dem so bewunderten wie geschmähten Macher des Kultfilms El Topo. Und so startete Jodorowsky einen neuen Versuch, den überaus unhandlichen Roman zu verfilmen.


Alejandor Jodorowsky, Jean Giraud (Moebius) und ein Darsteller

»›Der Wüstenplanet‹ ist so viel mehr als ein Science-Fiction-Roman«, sagte Jodorowsky. »Er beschäftigt sich mit Themen wie der Entstehung eines Messias und dem Fortschreiten durch verschiedene Stufen, die vollzogen werden müssen, um den lebensfeindlichen Umständen Herr zu werden. Außerdem geht es um das Streben nach Unendlichkeit und überlegenen Geisteskräften, um Drogenabhängigkeit und letztlich um Einsamkeit. Der Roman erzählt von einem Mann, der seinen Geist weiterentwickelt, bis er einen Gipfel erreicht hat – doch auf diesem Gipfel hat er jeglichen Kontakt zu anderen Menschen verloren. Um diesen Kontakt wiederherzustellen, muss er versuchen, die restliche Menschheit auf sein Niveau zu heben.« Wie Jodorowsky anmerkte, standen sämtliche Messiasfiguren, von Buddha über Jesus Christus bis zu Mohammed, vor demselben Problem. Und bezüglich der bösartigen Harkonnen fügte er hinzu: »Ich betrachte sie als Abbild der gegenwärtigen Menschheit. Als Verweis auf eine Welt, in der nichts heilig ist, in der der Mensch im Staub geboren wird, in der die gesamte Welt als Abfall gilt.« (»Das Ganze war ziemlich anti-katholisch«, sagte Herbert über Jodorowskys Herangehensweise an seine Geschichte. »Ich habe Alejandro deswegen öfter auf den Arm genommen. Deine größte Enttäuschung beim Drehbuchschreiben, habe ich zu ihm gesagt, war sicher, dass du keine Szene reinmogeln konntest, in der der Papst ausgepeitscht wird.«)


Entwurf des Filmplakats

Jodorowskys erster Schritt war, Konzepte für die verschiedenen visuellen Elemente des Romans zu erstellen. Dafür engagierte er drei sehr unterschiedliche Künstler. Zuerst den französischen Comiczeichner Jean Giraud, besser bekannt als Moebius; Giraud sollte an Designs von Kreaturen und Figuren arbeiten, um »das Drehbuch Zeichnung für Zeichnung nachzubilden«, wie Jodorowsky es ausdrückte. In der Dokumentation Moebius Redux: A Life in Pictures erzählt Giraud von seiner Begegnung mit dem Regisseur: »Es war beeindruckend, neben Jodorowsky zu stehen. Ich hatte seine Filme gesehen. Damals war er einfach der Größte.« Als zweites Talent holte Jodorowsky den künstlerisch begabten Spezialeffektetechniker und aufstrebenden Drehbuchautor Dan O’Bannon mit ins Boot, der entscheidend an John Carpenters Science-Fiction-Parodie Dark Star mitgewirkt hatte und sich bald im Verbund mit Ronald D. Shusett als Koautor von Alien hervortun sollte. »Alejandro hat ein großes Büro in Paris angemietet«, erinnerte sich O’Bannon. »Er hat uns alle zusammen in ein Riesenzimmer gesetzt und uns mit der Ausrüstung versorgt, die wir wollten.«


Entwurf von Chris Foss

Dritter im Bunde war der britische Illustrator Chris Foss. Foss war in erster Linie durch Gemälde für Science-Fiction-Buchumschläge bekannt geworden, die zuvor erstmals gesammelt in »21st Century Foss« erschienen waren. »Jodorowsky war äußerst angetan von meinem Buch«, sagte Foss gegenüber Cine­fantastique. »Deshalb hat er mich aus heiterem Himmel angerufen und gefragt, ob ich Lust hätte, in Paris zu ar­beiten. Er hatte mir eine bestimmte Aufgabe zugedacht: die Maschinen. Dazu muss man sagen, dass in ›Der Wüs­tenplanet‹ eigentlich kaum Maschinen auftauchen. Aber als Jodorowsky und ich damit fertig waren, gab es plötzlich einen ganzen Haufen ziemlich exotischer Gerätschaften.« Bereits das frühe PR-Material für den Film wies auf die jeweiligen Wirkungsfelder der Künstler hin: »Design: Jean Giraud – Maschinen: Chris Foss – Spezialeffekte: Dan O’Bannon«.

Vier Monate lang, von August bis Dezember 1975, erstellte das Team um Jodorowsky zahllose Designs für Gemächer und Spice-Ernter, Charaktere und Kreaturen, Raumschiffe und Requisiten. »Es war eine phänomenal kreative Phase«, schrieb Chris Foss im Magazin Skeleton Crew. »Unser Quasi-Guru Alejandro trieb uns so hartnäckig an, dass mir einige meiner originellsten Arbeiten gelangen. Wir waren eine richtige Dreiergang, die unter der Führung ihres Meisters an einem millionenschweren Film bastelte, in einem palast­artigen Bürogebäude, in dem keine Kosten und Mühen gescheut und sämtliche Materialien umgehend geliefert wurden, und – was am allerwichtigsten war – unter einem Regisseur, der wusste, was er wollte.«

Und noch einen Künstler wollte Jodorowsky für sein mehrstündiges Siebzig-Millimeter-Epos gewinnen: Der spanische Surrealist Salvador Dalí sollte den Imperator Shaddam IV. spielen. Überraschenderweise willigte Dalí ein, aller­dings nur gegen eine bisher nie dagewesene Gage von 100000 Dollar pro Stunde. Bei einem Treffen in Dalís Haus, dem auch der amerikanische Maler Bob Venosa beiwohnte, entdeckte Jodorowsky das Werk des Schweizer Surrealisten H. R. Giger. »Bob Venosa rief mich an und meinte, der Regisseur Alejandro Jodorowsky würde sich für meine Arbeit interessieren«, schrieb Giger in seinem Buch »H. R. Giger’s Filmdesign«. Kurz entschlossen brach der Künstler mit seinem Portfolio im Gepäck aus der Schweiz nach Cadaques auf, wo er auf Dalí traf, doch zu seiner Enttäuschung feststellen musste, dass Jodorowsky bereits wieder nach Paris abgereist war. Aber im Dezember 1975, als Foss, O’Bannon und Giraud für die Weihnachtsfeiertage schon in ihre jeweilige Heimat zurückgekehrt waren, besuchte Giger Paris und ging bei Jodorowskys Studio vorbei, um seine Kon­taktdaten zu hinterlassen. »Daraufhin«, so Giger, »rief mich Jodorowsky an, und später führte er mich durch sein Studio, um mir die Vorarbeiten zum Wüstenplanet-Film zu zeigen.«


H.R. Gigers Entwurf für Schloss Harkonnen

»Diese Science-Fiction-Künstler entwarfen Raumschiffe, Satelliten, ganze Planeten«, erinnerte Giger sich. Ihm fiel auch auf, dass Kopien einiger seiner eigenen Werke als In­spirationsquelle dienten. »Jodorowsky meinte, dass es ihn sehr freuen würde, wenn ich am Design des Films mitwirken würde. Ich könnte einen ganzen Planeten erschaffen und hätte dabei absolut freie Hand. Nach meinen Entwürfen würde man dreidimensionale Modelle herstellen, in die man die Schauspieler einbetten könnte. Außerdem hätte ich die Möglichkeit, eigene Ideen zu Kostümen, Masken und so weiter umzusetzen.« Gigers Planet sollte Giedi Prime sein, die Heimatwelt der Harkonnen, auf der schwarze Magie, Gewalt und Perversion herrschen. »Kurz gesagt«, meinte Giger, »es ging um mein Spezialgebiet. Nur eines konnten wir nicht zeigen: Sex. Deshalb sollte ich an den Film herangehen wie an einen Kinderfilm. Jodorowsky hatte die Nase voll davon, dass seine Filme jedes Mal zensiert wurden.«

Ein dreißigköpfiges Team aus Spezialisten würde seine Vorstellungen in die dritte Dimension umsetzen, erklärte Jodorowsky dem Schweizer Künstler. Der Regisseur bestand darauf, dass Giger dasselbe Gehalt erhalten sollte wie Foss, also 4000 Schweizer Franken im Monat. Doch die Aufmerksamkeit, die der Film Giger zweifellos bescheren würde, wäre ohnehin unbezahlbar. »Beim Abschied waren wir uns einig, dass wir noch einmal telefonisch über das Geld sprechen würden«, meinte Giger. »Er gab mir das Drehbuch mit, damit ich mich gleich in die Arbeit stürzen könnte.« Zurück in der Schweiz überraschte Jodorowskys Agent den Künstler jedoch mit der Bitte, ein Gemälde der geplanten Landschaft anzufertigen und nach Paris zu bringen, um sicherzugehen, dass es auch zum Film passte. »So springt man eben mit les petits Suisses um«, ärgerte Giger sich darüber – und legte trotzdem sofort los. Er skizzierte und sprayte mehrere Ansichten von Schloss Harkonnen, das er nach dem Bilde des absurd fettleibigen, beinahe Buddha-artigen Baron Wladimir Harkonnen gestaltete.

In der Zwischenzeit bereiteten die potenziellen Ausmaße des Films zunehmend Sorgen. »Alejandros Drehbuch hätte ohne Übertreibung für einen Elf- oder Zwölf-Stunden-Film gereicht«, spekulierte Frank Herbert. »Es war dick wie ein Telefonbuch.« Auch Moebius hatte trotz seiner Begeisterung für den Film so seine Zweifel, ob er jemals Realität werden würde. »Es war ein gigantisches Projekt«, sagte er. »Mit riesigen Sets und riesigen Einstellungen und riesigen Armeen, die in der Wüste Schlachten austrugen. Im Stillen sagte ich mir oft, dass das alles unmöglich war, unvorstellbar. Ich musste erst gewisse Schwellen überwinden. Doch am Ende wurde mir klar, dass ich Alejandro vertrauen konnte, weil ihm die Sache sehr ernst war.« Der Verwirklichung des Projekts stand vor allen Dingen die Finanzierung im Wege. »Aus Frankreich kam genügend Geld, um den Film zu produzieren«, erklärte Jodorowsky. »Doch der amerikanische Verleih machte Probleme. Um unsere Kosten zu decken, hätte der Film in mindestens eintausend Kinos laufen müssen, aber die großen Firmen wollten ihn nicht zeigen.«


Arrakis (Bild: John Schoenherr)

Angesichts des drohenden Scheiterns der Verleihstrategie – eines entscheidenden Elements des Finanzierungsplans – zog Seydoux’ Konsortium Geldmittel zurück. »Kurz vor Weihnachten 1975 sind der Produzent und, wenn ich mich recht erinnere, Jodorowsky selbst nach Los Angeles geflogen, um das Interesse der Amerikaner an unserem Film anzufachen und eine Koproduktion zu vereinbaren«, sagte Foss in Cinefantastique. »Soweit ich weiß, ist es in Los Angeles zu Meinungsverschiedenheiten über die Realisierung des Films gekommen. Und weil das Budget schon so weit angewachsen war, war die französische Firma nicht mehr in der Lage und vielleicht auch nicht gewillt, die Finanzierung komplett allein zu übernehmen.« Und so wurde Jodorowskys ambitio­nierte Verfilmung von Frank Herberts Monumentalwerk zu den Akten gelegt, sehr zum Bedauern der beteiligten Künstler. »Als ich erfahren habe, dass das Projekt abgebrochen wird, war ich absolut schockiert«, erinnerte sich O’Bannon später. »Schließlich hatte ich meine Pläne für die nächsten paar Jahre an diesem Projekt und an der Zusammenarbeit mit meinen wundervollen Kollegen ausgerichtet. Es hätte ein wirklich bemerkenswerter Film werden sollen – und plötzlich war alles aus. Ich musste weinen. Das war meine erste Reaktion: Tränen.« Foss konnte die Gefühle seines Freundes nachvollziehen: »Dan und ich, wir standen beide unter Alejandros Bann. Deshalb war Dan genauso enttäuscht wie ich, als das Projekt eine Million Pfund, vier Monate und eine Menge Arbeit später nach den Weihnachtsferien nicht fortgesetzt wurde.« Stattdessen wandte sich Jodorowsky seinem dritten Spielfilm Tusk zu, offenbar ohne je zurückzuschauen. »Als leidenschaftlicher Anhänger des Karma-Yoga interessiere ich mich nur für meine gegenwärtige Arbeit und nicht für die Ergebnisse meiner Arbeit, ob sie nun gut oder schlecht sein mögen«, sinnierte er. »Ich habe die Arbeit an ›Der Wüstenplanet‹ jedenfalls sehr genossen – und in meinen Augen wurde der Film verwirklicht.«

Das Projekt befand sich nun also abermals in der Schwebe, was sich erst durch Star Wars änderte – einen Film, der durchaus von Herberts Roman beeinflusst sein könnte, tauchen darin doch ein Wüstenplanet, eine quasi-religiöse Vereinigung und ein jugendlicher Held mit mystischen Kräften auf. Die Science Fiction insgesamt erfreute sich neuer Beliebtheit, und »Der Wüstenplanet« rückte abermals ins Zentrum des Interesses mehrerer Filmproduzenten, darunter auch Dino De Laurentiis. »Beim Wüstenplaneten hatte ich ein besonderes Gefühl«, erzählte der Kinoveteran im Gespräch mit Ed Naha. »Ich hatte das Buch schon auf dem Radar, bevor ich mein Hauptquartier von Italien nach Amerika verlegt habe, also seit den späten Sechzigern. Als ich mir dann in Amerika einen Namen gemacht hatte, haben mir etliche Produzenten vorgeschlagen, das Projekt mit ihnen anzugehen. Aber ich hatte Bedenken. Bei einem so großen Film hätte ich wirklich die Zügel in der Hand haben wollen. Wenn ich mich schon darauf einließ, müsste ich auch das Sagen haben. An den ganzen Angeboten war bereits ein anderer Produzent beteiligt, und das hätte meinen Einfluss begrenzt. Deswegen habe ich mich zurückgehalten.« Doch als die verbleibenden vier Jahre der Option zum Verkauf standen, witterte De Laurentiis die Chance, das Projekt gemeinsam mit seiner Tochter Raffaella zu verwirklichen, und erwarb die Filmrechte an Herberts Roman und seinen Fortsetzungen für insgesamt zwei Millionen Dollar.


Frank Herbert und Produzent Dino De Laurentiis

De Laurentiis, der mit der Bibel-Verfilmung bereits ein ähnlich sperriges theologisch-soziologisches Werk auf die Leinwand gebracht hatte, schreckte vor den Ausmaßen des Projekts keineswegs zurück. »Ich weiß nicht, warum andere Leute am Wüstenplaneten gescheitert sind«, sagte er. »Dafür gibt es keinen logischen Grund. Vielleicht hat ihnen das Drehbuch Angst eingejagt. Vielleicht hat ihnen das Geld Angst eingejagt. Vielleicht haben ihnen die vielen großen Rollen Angst eingejagt. Aber ich bin schon so lange im Geschäft, dass mir selbst Dinge, die mir Angst einjagen sollten, keine Angst mehr einjagen. Jeder Film ist ein Risiko. Mir war natürlich klar, dass ich mit diesem Projekt ein sehr großes Risiko einging, ein echtes Wagnis. Es ging um sehr viel Geld. Aber über Geld zerbreche ich mir nie den Kopf, wenn ich einen Film mache. Wenn die Idee stimmt, kommt das Geld schon zusammen. Man muss sich nur in Geduld üben.«

Frank Herbert selbst wurde mit dem Schreiben des Drehbuchs beauftragt, doch sein 176 Seiten langer Entwurf erwies sich als unrealisierbar. Daraufhin versuchte De Lau­rentiis es mit einem anderen Ansatz: Er engagierte Ridley Scott, der gerade erst mit Alien einen großen Erfolg gefeiert hatte, als Regisseur des Films. Scott, der bei Alien mit drei Mitgliedern aus Jodorowskys Team zusammengearbeitet hatte – mit Dan O’Bannon und den Konzeptkünstlern Jean Giraud und H. R. Giger –, betraute den Roman- und Drehbuchautor Rudolph Wurlitzer (Pat Garrett jagt Billy the Kid) mit dem Entwurf eines neuen Skripts. »Die Adaption von ›Der Wüstenplanet‹ war mit das Schwierigste, was ich je gemacht habe«, räumte Wurlitzer später ein. »Erst nach drei Entwürfen war ich auch nur annähernd zufrieden mit der Struktur, und selbst das war eher ein vorläufiger Entwurf als ein echtes Skript. Doch acht Monaten später war ich der Ansicht, dass Ridley und ich ein sehr starkes, funk­tionierendes ›Wüstenplanet‹-Drehbuch hatten, das dem Geist der Vorlage treu blieb. Andererseits ist es natürlich richtig, dass wir die Geschichte verfeinert und ihr ein Gefühl eingehaucht hatten, das sich von dem des Romans unterschied.«


Baron Harkonnen (Bild: John Schoenherr)

Das war nicht übertrieben: Wurlitzers berüchtigte erste Fassung spielte die messianischen Impulse des Paul Atreides herunter, schwächte die Fremen und Baron Harkonnen und – die umstrittenste Entscheidung überhaupt – fügte eine Inzestbeziehung zwischen Paul und seiner Mutter hinzu. Demnach wäre Alia, die überirdische Kindfrau, die mit der geistigen Reife eines Erwachsenen zur Welt kommt, nicht nur Pauls Schwester, sondern auch seine Tochter gewesen. »Da ich schon immer das Gefühl hatte, dass zwischen Paul und seiner Mutter Jessica eine sehr starke ödipale Anziehung besteht, habe ich mich entschieden, einen Schritt weiter zu gehen«, erklärte Wurlitzer. »Ich habe eine Liebesszene zwischen den beiden eingearbeitet. Der sexuelle Akt sollte ein Akt der kategorischen Ablehnung bestimmter Grenzlinien sein. Dadurch hätte Paul vielleicht noch heldenhafter gewirkt, weil er das Tabu zwar bewusst, aber aus Liebe gebrochen hätte.« Die Neuerung sagte allerdings weder Herbert noch De Laurentiis zu und wurde folglich aus späteren Fassungen gestrichen.

Während Wurlitzer sein Drehbuch weiter überarbeitete, richtete Scott in den Pinewood Studios ein Büro für die Vorproduktion ein und fragte bei seinem Alien-Mitstreiter H. R. Giger an, ob dieser erneut als Production Designer an Bord kommen wollte. Giger, der zu jener Zeit darüber nachdachte, eine Reihe von Möbelstücken in seinem un­verwechselbaren Skelett-Stil zu produzieren, sah im Wie­deraufleben der »Wüstenplanet«-Verfilmung eine Chance, seine Vision in die Tat umzusetzen. »Mein Einstieg in das neue Wüstenplanet-Projekt war eine Gelegenheit, meine Entwürfe als Harkonnen-Möbel zu verwirklichen und im Film zu platzieren«, sagte er. »Wir einigten uns darauf, dass die Rechte an meinen Designs bei mir verbleiben würden und die Modelle später zu meiner freien Verfügung stehen sollten.«


Skizze von H.R. Giger für Schloss Harkonnen

Wie bestellt entwarf Giger einen Harkonnen-Stuhl und modellierte mit Unterstützung seiner Mitarbeiter Cornelius de Fries, Dino Zerbini, Bruno Reithaar und Bettina Roost einen Prototypen in Originalgröße. Außerdem fertigte er zwei neue Gemälde an: Auf einem war der Harkonnen-Stuhl vor einem aufwendig gesprayten Hintergrund zu sehen, auf dem anderen ein Sandwurm. Doch noch bevor es zum Abschluss eines offiziellen Vertrags mit De Laurentiis kam, wurde Giger von Ridley Scott telefonisch darüber informiert, dass De Laurentiis die Produktion an seine Tochter Raffaella abgegeben und Scott selbst beschlossen hatte, aus dem Projekt auszuscheiden. »Nach sieben Monaten verabschiedete ich mich vom Wüstenplaneten«, sagte der Regisseur später zu Paul M. Sammon. »Zu diesem Zeitpunkt hatte Rudy Wurlitzer einen ersten Drehbuchentwurf erarbeitet, der die Essenz von Frank Herberts Roman meiner Meinung nach angemessen einfing. Aber gleichzeitig war mir klargeworden, dass ›Der Wüstenplanet‹ noch sehr viel Arbeit machen würde – mindestens zweieinhalb Jahre Arbeit. Und ich brachte es nicht über mich, diese Arbeit in Angriff zu nehmen, weil mein älterer Bruder Frank überraschend an Krebs gestorben war, als ich mit den Vorbereitungen zu De Laurentiis’ Film beschäftigt war. Das hat mich einfach fertiggemacht. Deshalb bin ich zu Dino gegangen, um ihm zu sagen, dass das Wüstenplanet-Drehbuch ihm gehört.«

Frank Herbert sah das neuerliche Misslingen eines Versuchs, sein Epos ins Kino zu bringen, von der philosophischen Seite. »Für mich war das alles Wasser auf die Mühlen«, erklärte er Ed Naha. »Aber mit der Zeit habe ich wirklich nicht mehr daran geglaubt, dass jemals ein Film zustande kommen würde. Die neun Jahre waren beinahe abgelaufen.« Als Ersatz für Scott schlug Raffaella den jungen amerikanischen Regisseur David Lynch vor, dem nach dem Kulterfolg seines Erstlings Eraserhead mit The Elephant Man ein Mainstream-Film gelungen war, der acht Oscar-Nominierungen einheimste.


Dune (1984), mit Kyle MacLachlan in der Rolle des Paul Atreides

Lynch, der es abgelehnt hatte, bei Die Rückkehr der Jedi-Ritter Regie zu führen, hatte zuvor vergeblich versucht, sein eigenes Science-Fiction-Projekt Ronnie Rocket bei Francis Ford Coppolas Produktionsgesellschaft Zoetrope unterzubringen. Den Regieposten bei der Verfilmung von »Der Wüstenplanet« akzeptierte er, doch er verwarf sofort sämtliche Konzepte, die bislang im Rahmen der Vorproduktion entstanden waren, darunter auch H. R. Gigers Entwürfe. »Sein Ansatz hat mir nicht gefallen«, meinte Lynch dazu. »Das Design im Buch hat mir auch nicht gefallen. Mir hat überhaupt kein Design gefallen, das ich bisher gesehen hatte. Das war ein Problem.« Also zog Lynch zwei neue Konzeptkünstler, die 2001-Veteranen Tony Masters und Ron Miller, sowie den Kostümdesigner Bob Underwood (Excalibur) hinzu und machte sich mit Eric Bergren und Christopher De Vore, die als Koautoren an The Elephant Man mitgewirkt hatten, an die Ausarbeitung eines eigenen Drehbuchs.


David Lynch mit Frank Herbert am ersten Drehtag (30.3.1983)

Der erste Entwurf umfasste 200 Seiten, mehr noch als Frank Herberts Version, und erst ein Jahr später erhielt Lynchs sechste Fassung schließlich grünes Licht, doch auch diese sollte sich im Lauf der Produktion stetig weiterentwickeln. »Nur David war fähig, die Zauberformel zu finden, mit der man dieses Buch in einen Film verwandeln kann«, schwärmte Raffaella De Laurentiis gegenüber American Film. Chris Foss, der an Jodorowskys nie realisierter Wüstenplanet-Vision mitgewirkt hatte, war weniger begeistert. »Verglichen mit Alejandros Vorstellungen war die Version, die es am Ende in die Kinos schaffte, wirklich armselig.« Frank Herbert drückte sich diplomatischer aus: »Viele Menschen haben versucht, ›Der Wüstenplanet‹ zu verfilmen«, sagte er nach der Premiere von Lynchs Interpretation seines Romans. »Sie sind alle gescheitert.«

Lynchs Verfilmung konnte weder die Fans noch die Geldgeber noch das Kinopublikum zufriedenstellen – ja, nicht einmal den Regisseur selbst, der seinen Namen aus der erweiterten Fernsehfassung entfernen ließ. Doch ein Vierteljahrhundert später nahm sich der Sci-Fi-Channel des Romans an: Er produzierte eine groß angelegte, dreiteilige Prime-Time-Miniserie, die geschätzte 20 Millionen Dollar verschlang. Für Drehbuch und Regie zeichnete John Harrison verantwortlich, den man bisher in erster Linie als Drehbuchautor von Disneys Dinosaurier kannte. Zu den vertrauteren Gesichtern der internationalen Besetzung zählten William Hurt, Saskia Reeves, Ian McNeice und Giancarlo Gian­nini; in die Rolle des Paul Atreides schlüpfte der bri­tische Newcomer Alec Newman. Die Miniserie, die erstmals am 3. Dezember 2000 ausgestrahlt wurde, erzielte die höchsten Einschaltquoten, die der Sci-Fi-Channel bis dato erreicht hatte, und wurde mit zwei Emmys ausgezeichnet. 2003 folgte die Fortsetzung Dune – Die Trilogie, eine weitere Miniserie mit dem jungen James McAvoy als Leto Atreides II., die Elemente der beiden Romanfortsetzungen »Der Herr des Wüstenplaneten« und »Die Kinder des Wüstenplaneten« miteinander verwob.

Während unter den Fans weiter über das Für und Wider der beiden Miniserien diskutiert wurde, war im Januar 2007 in einem Online-Forum zu Herberts Roman ein Hinweis auf eine weitere Kinoversion zu lesen: Gerüchteweise planten Agenten einen neuen Film, der womöglich unter der Leitung eines bekannten Regisseurs und erklärten Verehrers der Romanvorlage entstehen sollte. Und tatsächlich – im März des folgenden Jahres verkündete Variety, dass Paramount Peter Berg, der soeben Operation: Kingdom gedreht hatte, als Regisseur eines Wüstenplanet-Kinofilms mit großem Budget angeheuert hatte. »Das Projekt liegt in den Händen der Drehbuchautoren. Die Produzenten hoffen auf eine originalgetreue Umsetzung«, hieß es in dem Bericht. Und weiter: »Als besonders zeitgemäß betrachten die Macher das Motiv der begrenzten Rohstoffe.« Doch die Beteiligten waren sich uneins, und im Oktober 2009 stieg Berg zugunsten von Battleship, einem anderen Science-Fiction-Blockbuster, aus dem Projekt aus. Zur Erklärung sagte er lediglich, es sei »aus diversen Gründen nicht das Richtige« für ihn gewesen. Inzwischen hatte Drehbuchautor Joshua Zetumer, Autor des RoboCop-Neustarts, offenbar einen 175 Seiten langen Entwurf vorgelegt, dessen Umsetzung rund eine Million Dollar pro Seite kosten würde. Diese Version sollte mit Pierre Morel, dem französischen Regisseur des Überraschungshits 96 Hours (2008), realisiert werden. Morel engagierte jedoch zusätzlich den Drehbuchautor Chase Palmer (der derzeit an einer neuen zweiteiligen Verfilmung von Stephen Kings Es schreibt), um seine eigene Vision in Zetumers Skript einfließen zu lassen. Im November 2010 hatte Morel dem Projekt allerdings schon wieder den Rücken gekehrt, und sechs Monate später ließ Paramount die Pläne, Frank Herberts Roman ein zweites Mal auf die große Leinwand zu bringen, offiziell fallen.

Es bleibt abzuwarten, wohin all diese Entwicklungen führen – sofern sie überhaupt irgendwohin führen. Der kühnste Traum von einer »Wüstenplanet«-Verfilmung ist und bleibt wohl Alejandro Jodorowskys Vision – eine Vision, die vielleicht unwiederbringlich verlorengegangen wäre, hätte sich der Filmemacher Frank Pavich nicht entschlossen, Interviews mit etlichen der damals Beteiligten zu sammeln. Jodo­rowsky’s Dune, Pavichs Dokumentation über den nie verwirklichten Film des chilenischen Regisseurs, soll 2013 in die Kinos kommen, also gerade rechtzeitig zum fünfzigsten Geburtstag der allerersten Wüstenplanet-Erzählung »Dune World«.
 

Der Engländer David Hughes ist Journalist und Drehbuchautor. Dieser Essay erschien zuerst im SCIENCE FICTION JAHR 2013 und wird zum Erscheinen der Neuübersetzung von »Der Wüstenplanet« (im Shop) neu gepostet. 
 

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