2. Dezember 2016

Die Vision des Meisters

Eine umfassende Leseprobe von Kim Stanley Robinsons großem neuem Roman „Aurora“

Lesezeit: 18 min.

Der New Yorker nannte Kim Stanley Robinson einen der „besten, weisesten und zukunftsträchtigsten Geschichtenerzähler unserer Zeit.“ Und das zu Recht! Wie kein zweiter verbindet Robinson in seinen Büchern akribische Recherche, atemberaubende Zukunftspanoramen und eine gehörige Portion Fantasie und Vorstellungskraft zu einem großen Epos – und verliert dabei nie das Menschliche aus dem Blick. Ob nun in der preisgekrönten „Mars-Trilogie“ (im Shop) oder in „2312“ (im Shop) Kim Stanley Robinson packt uns Leser an der Hand und führt uns bis an die Grenzen unserer Vorstellungskraft – und darüber hinaus. In seinem jüngsten Werk „Aurora“ (im Shop) nimmt uns der große Visionär der zeitgenössischen amerikanischen Literatur mit auf eine über hundert Jahre dauernde Reise in eine weitentfernte Galaxie, wo uns nichts Geringeres erwartet als die Besiedelung einer neuen Welt …

Für alle, die sich erst mal einen kleinen Einblick in diesen faszinierenden Roman gönnen wollen, gibt es hier eine umfangreiche Leseprobe.

 

 

Erster Teil

Das Raumschiffmädchen

 

Freya und ihr Vater gehen segeln. Ihr neues Zuhause ist eine Wohnung, von der aus man direkt auf die Bucht an der Westseite des Langen Teichs blickt. Dort am Kai liegen ein paar kleine Segelboote, mit denen die Leute rausfahren können, und jeden Nachmittag geht ein steifer, anlandiger Wind. »Darum nennt man diese Stadt Windfang«, sagt Badim auf dem Weg hinunter zu den Booten. »Wir bekommen den größten Teil vom Wind ab, der nachmittags über den See weht.«

Sie müssen also das Boot, das sie nehmen, direkt vom Kai aus in den Wind schieben. Badim springt im letzten Moment an Bord und holt das Segel dicht, bis das Boot sich auf die Seite legt, um es dann auf die kleine Küstenstraße entlang der Uferbiegung auszurichten. Freya hält die Ruderpinne fest im Griff, wie er es ihr gesagt hat. Das Boot neigt sich, und sie fahren direkt auf die hohe Seemauer zu und prallen beinahe dagegen, ehe Badim ruft: »Beidrehen«, genau, wie er es angekündigt hat, worauf Freya das Ruder kräftig herumreißt und sich unter dem vorbeischwingenden Baum wegduckt, und mit einem Mal kreuzen sie in die andere Richtung, quer über den Ausläufer der Bucht. Das kleine Segelboot kann nicht allzu hart am Wind segeln, erklärt Badim, und dabei bezeichnet er es als Nussschale, was aber liebevoll klingt. Es ist gerade groß genug für sie beide, und sein eines großes Segel ist über einen Mast gezogen, der Freya höher vorkommt, als der Rumpf lang ist.

Sie müssen mehrmals kreuzen, um aus der kleinen Bucht hinaus und auf den eigentlichen Langen Teich zu kommen. Dort draußen können sie ganz Nova Scotia sehen: bewaldete Hügel um einen See. Die Aussicht reicht bis ans andere Ende des Langen Teichs, wo der Nachmittagsdunst die Ufermauer verbirgt. Die Bäume auf den Hügeln tragen bereits ihr Herbstkleid, das Grün der Kiefern mischt sich mit Gelb, Orange und leuchtendem Rot. Badim sagt, es sei die schönste Zeit des Jahres.

Ihr Segel fängt den stärkeren Wind über der Mitte des Sees ein, wo das Wasser unter den Böen silberblau glitzert. Sie lehnen sich auf der Windseite des Bootes hinaus, um die Krängung auszugleichen. Badim kennt sich mit dem Segeln aus. Immer wieder verändert sich die Windrichtung, und sie lehnen sich entsprechend in Richtung Boot oder Wasser; Badim nennt das »mit dem Wind tanzen.« »Ich bin guter Ballast«, sagt er und lässt das Boot mit seinen Bewegungen etwas schwanken. »Siehst du, der Mast soll nicht gerade nach oben zeigen, er muss ein bisschen zur Seite geneigt sein. Das Gleiche gilt für das Segel, man zieht es nicht so dicht ran wie möglich, sondern lässt es ein wenig locker, damit der Wind gut daran entlangstreichen kann. Man spürt, ob man es richtig macht.«

»Schau mal, Badim, siehst du diese Katzenpfote im Wasser?«

»Du hast einen guten Blick. Das ist eine Kapillarwelle. Mach dich bereit, wir werden nass!«

Eine spiegelglitzernde Erhebung im Wasser bewegt sich schnell auf sie zu, und als die Bö, die die Welle vor sich hertreibt, das Boot trifft, krängt es stark zur Seite. Sie müssen sich dagegenstemmen. Gurgelnd klatscht das Boot mit dem Bug voran durch die entgegenkommenden Wogen und peitscht Gischt auf, die ihnen ins Gesicht geweht wird. Badim sagt, das Wasser des Langen Teichs würde wie Pasta schmecken.

Nachdem sie vierzig Mal gekreuzt sind (Badim behauptet, dass er mitzählen würde, aber sein Lächeln dabei verrät ihr, dass das nicht stimmt), haben sie es erst etwa einen Kilometer auf den Langen Teich hinausgeschafft. Es ist an der Zeit umzukehren und in gerade Linie zurück zum Kai zu fahren. Sie drehen das Boot herum, und mit einem Mal scheint überhaupt kein Wind mehr zu wehen. Es wird still, das Segel bauscht sich seitlich nach vorne aus, als Badim ihm Spiel gibt, und die Nussschale schaukelt in kleinen Schüben voran und scheint langsamer zu werden. Wellenrücken ziehen an ihnen vorbei. Das Wasser ist jetzt blauer, und man kann tiefer hineinsehen; manchmal erhascht man einen Blick auf den Grund des Sees. Das Wasser wirft Blasen und gluckert, das Boot schwankt ungut, und alles in allem macht es den Eindruck, als kämen sie nur unter Mühen voran, und trotzdem sind sie in null Komma nichts wieder in ihrer Bucht, und daran, wie sie an den anderen Kais und der Küstenstraße vorbeiziehen, sieht man deutlich, dass sie einen Riesenzahn draufhaben. Sie können zusehen, wie ihr Kai näher rückt, und in der Bucht spüren sie auch wieder das Rauschen des Windes und hören, wie die Wellen am Rumpf entlangstreichen und glucksend zu kleinen Schaumkronen brechen.

»Oh-oh«, sagt Badim, als er sich hinausbeugt und ihr ausgebeultes Segel begutachtet. »Ich hätte das Segel für die Fahrt zum Kai auf die andere Seite holen sollen! Ob ich wohl noch umkehren kann, um den Baum umzulegen und richtig reinzukommen?«

Aber sie sind schon fast am Kai. »Haben wir die Zeit dafür?«, fragt Freya.

»Nein! Na schön, halt dich fest, nimm das Ruder und halt es genau in der jetzigen Position. Ich gehe nach vorne, springe auf den Kai und halte das Boot fest, bevor du vorbeisaust! Halt den Kopf unten, damit der Baum dich nicht trifft!«

Und dann halten sie genau auf die Ecke des Kais zu. Freya duckt sich auf die Bank und hält das Ruder fest, der Bug kracht gegen die Ecke, als Badim mitten im Sprung ist, er landet lang hingestreckt auf dem Kai, das Verbindungsstück von Baum und Mast gibt ein lautes Knirschen von sich, das Boot kippt zur Seite und schwingt mit dem Heck um den Kai herum, während das Segel straff vor dem Mast knattert und der lose Baum hin und her schwingt. Badim kommt taumelnd auf die Beine und beugt sich vor, um nach dem Bug zu greifen, den er gerade erreichen kann, und um sich halten zu können, muss er sich flach auf den Kai legen. Das Boot schwingt weiter herum und dreht sich in den Wind, das Segel flattert wild hin und her, und Freya duckt sich darunter weg, aber weil der Baum nicht am Mast befestigt ist, muss sie sich platt auf den Boden legen, um nicht von ihm getroffen zu werden.

»Hast du dir wehgetan?«, ruft Badim. Ihre Gesichter sind nur ein oder zwei Meter voneinander entfernt, und seine entsetzte Miene bringt sie zum Lachen.

»Nichts passiert«, beruhigt sie ihn. »Was soll ich machen?«

»Komm in den Bug, und spring auf den Kai. Ich halte das Boot fest.«

Was er auch muss, weil das Boot immer noch versucht, dem Wind in die seichten Gewässer zu folgen, aber jetzt rückwärts. Die Leute auf der Küstenstraße sehen ihnen zu.

Sie springt neben Badim auf den Kai. Als sie sich vom Boot abstößt, zieht es ihn beinahe ins Wasser; er stemmt das Knie gegen eine Klampe, was für Freya schmerzhaft aussieht, und tatsächlich hat er die Zähne zusammengebissen. Sie streckt die Arme aus, um ihm dabei zu helfen, das Boot heranzuziehen, und er sagt: »Klemm dir nicht die Finger zwischen Boot und Kai!«

»Ich passe auf«, sagt sie.

»Kommst du an das Seil unten im Bug heran?«

»Ich glaube schon.«

Mit Kraft zieht er das Boot heran, und sie beugt sich weit vor und greift nach dem Seil, das ganz vorne im Bug durch einen Metallring läuft. Sie zieht es aus dem Boot und wickelt es einmal um die Klampe an der gegenüberliegenden Ecke des Kais, und Badim greift es und hilft ihr dabei, es noch mehrmals herumzuschlingen.

Sie legen sich auf die Planken und sehen einander aus aufgerissenen Augen an.

»Wir haben das Boot kaputt gemacht!«, sagt Freya.

»Ich weiß. Geht es dir gut?«, fragt er.

»Ja. Und dir?«

»Mir auch. Aber peinlich ist mir das. Jetzt muss ich dabei helfen, den Baum zu reparieren. Ich muss aber auch sagen, dass das eine echte Schwachstelle ist.«

»Können wir trotzdem wieder segeln gehen?«

»Ja!« Er umarmt sie, und sie lachen. »Beim nächsten Mal machen wir es besser. Man muss einfach mit dem Segel auf der anderen Bootsseite hereinkommen, damit man im Bogen an den Kai heranfahren und sich einfach seitlich vor dem Wind herantreiben lassen kann, und in letzter Sekunde dreht man sich dann in den Wind und greift nach dem Kai, wenn man langsamer wird. Daran hätte ich vorher denken sollen.«

»Wird Devi wütend sein?«

»Nein. Sie wird froh sein, dass uns beiden nichts passiert ist. Sie wird mich auslachen. Und sicher weiß sie, wie man das Verbindungsstück zwischen Baum und Mast verstärkt. Wahrscheinlich sollte ich mal nachschlagen, wie dieses Ding heißt. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es einen Namen hat.«

»Alles hat einen Namen!«

»Ja, da hast du wohl recht.«

»Und weil das Ding kaputt ist, wird sie wohl schon ein bisschen wütend sein.«

Dazu sagt Badim nichts.

 

In Wahrheit ist ihre Mutter immer wütend. Vor den meisten Menschen verbirgt sie es ziemlich gut, aber Freya entgeht es nie. Man merkt es daran, wie sie den Kiefer hält; außerdem stößt sie oft kleine, ungeduldige Laute aus, nur für sich, als könnten die andern sie nicht hören. »Was denn?«, fragt sie den Boden oder eine Wand, und dann geht sie einfach weiter, als hätte sie überhaupt nichts gesagt. Und sie kann ganz schnell auch nach außen hin sauer werden, von einer Sekunde auf die andere. Und wie sie dann abends zusammengesunken in ihrem Sessel sitzt und grimmig auf den Nachrichtenstrom von der Erde starrt.

Warum siehst du dir das an?, hat Freya sie eines Abends gefragt.

Ich weiß nicht, hat ihre Mutter gesagt. Irgendjemand muss es sich ansehen.

Wieso?

Ein angespannter Ausdruck trat auf die Lippen ihrer Mutter, und sie legte Freya einen Arm um die Schultern, atmete schwer durch die Nase ein und stieß einen Seufzer aus.

Ich weiß es nicht.

Dann begann sie zu zittern und sogar zu weinen, und dann zwang sie sich, damit aufzuhören. Freya starrte verwirrt auf den Bildschirm mit den geschäftigen kleinen Gestalten darauf. Devi und Freya, die einen Bildschirm betrachteten, auf dem das Leben auf der Erde vor zehn Jahren zu sehen war.

 

An diesem Abend kehren Freya und Badim polternd in ihre neue Wohnung heim. »Wir haben einen Unfall mit dem Boot gebaut! Es ist kaputt!«

»Es war der Lümmelbeschlag«, fügt Badim mit einem kurzen Lächeln in Freyas Richtung hinzu. »Das Verbindungsstück zwischen Baum und Mast. Hält aber nicht besonders viel aus.«

Devi hört ihnen mit halbem Ohr zu und schüttelt den Kopf über ihre wilde Geschichte. Sie kaut vor dem Bildschirm auf ihrem Salat herum. Auch als sie mit dem Essen fertig ist, bleiben ihre hinteren Kiefermuskeln angespannt. »Ich bin froh, dass es euch gut geht«, sagt sie. »Ich muss wieder an die Arbeit. Im Labor läuft gerade so eine Sache.«

»Die hat doch sicher einen Namen«, sagt Freya spitzfindig.

Ihrem Blick nach zu urteilen findet Devi das gar nicht lustig, und Freya rutscht das Herz in die Hose. Dann ist Devi auch schon auf dem Weg zurück ins Labor, und Badim und Freya schlagen ein und kramen in der Küche Frühstücksflocken und Milch heraus.

»Das mit dem Namen hätte ich nicht sagen sollen«, sagt Freya.

»Ist ja nichts Neues, dass deine Mutter ihre Ecken und Kanten hat«, erwidert ihr Vater und hebt dabei vielsagend die Brauen.

Wie Freya nur zu gut weiß, hat Badim selbst keine Ecken und Kanten. Er ist ein kleiner, rundlicher Mann mit beginnender Glatze, Hundeaugen und einer schönen, tiefen Stimme, die weich und interessiert klingt. Badim ist immer da, immer gutherzig. Er ist einer der besten Ärzte an Bord. Freya liebt ihren Vater und klammert sich an ihn wie an einen Fels auf hoher See. Auch jetzt tut sie das.

Er wuschelt ihr durchs unordentliche Haar, das so sehr an das von Devi erinnert, und sagt – wie schon so viele Male – zu ihr: »Sie hat viel Verantwortung, und es fällt ihr schwer, an anderes zu denken und sich zu entspannen.«

»Aber es läuft doch alles gut, oder, Badim? Wir sind fast da.«

»Ja, wir sind fast da.«

»Und es läuft alles gut.«

»Ja, natürlich. Wir schaffen es.«

»Warum macht Devi sich dann solche Sorgen?«

Badim sieht ihr mit einem kleinen Lächeln in die Augen. »Tja«, sagt er, »so wie ich das sehe, hat das zwei Gründe. Zuerst einmal gibt es durchaus Dinge, um die man sich Sorgen machen muss. Und zweitens gehört sie zu der Sorte Menschen, die sich Sorgen machen. Es hilft ihr, Dinge aufs Tapet zu bringen und durchzusprechen, sie rauszulassen. Sie ist nicht gut darin, etwas für sich zu behalten.«

Freya ist sich da nicht so sicher, weil anscheinend nur wenige Leute bemerken, wie wütend Devi ist. Sie ist jedenfalls gut darin, das für sich zu behalten.

Das sagt Freya, und Badim nickt.

»Gut, da hast du recht. Sie ist gut darin, Sachen für sich zu behalten oder Sachen zu ignorieren, aber nur bis zu einem gewissen Punkt, und dann muss sie sie auf die eine oder andere Art rauslassen. Das geht uns allen so. Und wir sind ihre Familie, sie vertraut uns, sie liebt uns, also lässt sie uns sehen, wie es ihr wirklich geht. Und wir müssen sie das machen lassen, sie über alles reden lassen, damit sie sagen kann, wie es ihr wirklich geht, und sein kann, wie sie wirklich ist. So hält sie durch. Was gut ist, weil wir sie brauchen. Nicht nur wir beide, obwohl wir sie natürlich auch brauchen. Aber alle brauchen sie.«

»Alle?«

»Ja. Wir brauchen sie, weil das Schiff sie braucht.« Er hält inne und seufzt. »Deshalb ist sie so wütend.«

 

Es ist Donnerstag, weshalb Freya mit Devi zur Arbeit geht, anstatt den Tag bei den kleinen Kindern im Hort zu verbringen. Donnerstags hilft sie Devi immer. Freya füttert die Enten und wendet den Kompost, und manchmal wechselt sie die Batterien und Glühlampen, wenn es Zeit dafür ist. Devi macht alles Mögliche, eigentlich macht Devi sogar alles. Oft heißt das, dass sie mit Leuten redet, die in den Biomen oder an den Maschinen im Rückgrat arbeiten, zusammen mit ihnen auf Bildschirme starrt und dann weiterredet. Wenn sie fertig ist, nimmt sie Freya bei der Hand und zieht sie weiter zur nächsten Konferenz.

»Was ist los, Devi?«

Großer Seufzer. »Das habe ich dir doch schon erzählt. Seit ein paar Jahren werden wir langsamer, und dadurch kommt es zu Veränderungen im Schiffsinnern. Unsere Schwerkraft kommt daher, dass das Schiff sich ums Rückgrat dreht, was eine Corioliskraft erzeugt, einen kleinen, spiralförmigen Seitwärtsschub. Aber jetzt werden wir langsamer, was eine andere Kraft ins Spiel bringt, die in mancher Hinsicht der Corioliskraft ähnelt, aber quer zu ihr verläuft und sie so verringert. Eigentlich sollte man meinen, dass das nicht weiter ins Gewicht fällt, aber wir beobachten hier unvorhergesehene Auswirkungen. Es gibt so vieles, was man nicht bedacht hat und was wir jetzt selbst herausfinden müssen.«

»Das ist doch etwas Gutes, oder?«

Ein kurzes Lachen. Devi macht immer die gleichen Geräusche. Manchmal kann Freya sie sogar bewusst dazu bringen, ein bestimmtes Geräusch zu machen. »Kann sein. Erst ist es gut, und irgendwann ist es dann schlecht. Wir sind an einem Punkt, an dem wir nicht wissen, wie es weitergeht, also müssen wir es nach und nach lernen. Vielleicht ist das immer so. Aber wir haben nur dieses eine Schiff, und deshalb muss es einfach klappen. Und es ist zwölf Größenordnungen kleiner als die Erde, was Unterschiede mit sich bringt, die sie nie ganz durchdacht haben. Sagst du mir noch mal, was eine Größenordnung ist?«

»Wenn etwas zehnmal größer ist. Oder kleiner!« Sie erinnert sich noch rechtzeitig, bevor Devi es sagen kann.

»Richtig. Also ist selbst eine Größenordnung schon ziemlich viel, stimmt’s? Und zwölf, das heißt, dass man zwölf Nullen dranhängt. Eine Billion. So eine Zahl können wir uns nicht besonders gut vorstellen, sie ist einfach zu groß. Hier sitzen wir also in diesem Ding.«

»Und es muss funktionieren.«

»Ja. Es tut mir leid. Ich sollte dir das nicht aufbürden. Ich will nicht, dass du Angst bekommst.«

»Ich habe keine Angst.«

»Gut. Aber du solltest Angst haben. Da habe ich mein Problem.«

»Dann sag mir warum.«

»Das will ich nicht.«

»Sag mir nur ein bisschen was.«

»Ach, das habe ich dir doch schon erzählt, es ist immer dasselbe. Alles hier muss im Gleichgewicht bleiben. Wie bei den Wippen auf dem Spielplatz. Es muss ein Gleichgewicht im Wechselspiel zwischen den Pflanzen und dem Kohlenstoffdioxid in der Luft geben. Es muss nicht völlig ausgeglichen sein, aber wenn eine Seite auf dem Boden landet, braucht man Beine, mit denen man sie wieder hochdrücken kann. Und es gibt so viele Wippen, die alle mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten auf- und abschwingen. Es darf nie dazu kommen, dass zufällig einmal alle auf einmal nach unten schwingen. Also muss man aufpassen, ob sich so etwas ankündigt, und wenn ja, muss man frühzeitig etwas dagegen unternehmen. Ob wir das vorhersehen können, hängt von unseren Modellen ab, aber eigentlich ist das Ganze zu komplex, um Modelle davon zu entwickeln.« Bei diesem Gedanken verzieht sie das Gesicht. »Also versuchen wir alles in kleinen Schritten zu machen und warten ab, was passiert. Weil wir es eigentlich nicht verstehen.«

Heute sind es die Algen. Sie züchten viele Algen in großen Glasschalen. Freya hat sie sich durch ein Mikroskop angesehen. Viele kleine grüne Klümpchen. Devi sagt, dass manche davon in ihrem Essen sind. Fleisch züchten sie genauso wie die Algen, in großen, flachen Behältern, und aus diesen Behältern bekommen sie fast genauso viel Essen wie von den Feldern in den Landwirtschaftsbiomen. Was ein Glück ist, weil auf den Feldern die Tiere krank werden oder die Ernten ausfallen können. Aber mit den Algentanks kann auch etwas schiefgehen. Und sie brauchen die darin produzierten Rohmaterialien, um etwas zu haben, woraus man Essen machen kann. Aber die Tanks sind eine gute Sache. Sie haben viele Tanks in beiden Ringen, die alle voneinander isoliert gehalten werden. Es geht ihnen also gut.

Die Algentanks sind grün oder braun oder grün-braun gemischt. Welche Farbe etwas hat, hängt davon ab, in welchem Biom man sich befindet, weil das Licht der Sonnenstreifen in den verschiedenen Biomen unterschiedlich ist. Freya beobachtet gerne, wie die Farben sich verändern, wenn man von Biom zu Biom geht, von Gewächshaus zu Gewächshaus, von Labor zu Labor. Was in der Steppe goldfarben aussieht, wird in der Prärie gelb. Die Algen in den Laboren haben viele verschiedene Braungrüntöne.

In den Algenlaboren ist es warm und riecht nach Brot. Wenn man Brot backen will, muss man fünf Schritte befolgen. Jemand hat gesagt, dass sie dieser Tage mehr essen und weniger anbauen. Das bedeutet, dass sie wenigstens eine Stunde damit verbringen werden, darüber zu reden, und Freya setzt sich hin, um in der Ecke des Labors mit den Farben zu malen, die man dort für sie und andere Kinder hingestellt hat.

Dann geht es weiter. »Wohin jetzt?«

»Zu den Salzminen«, verkündet Devi, wohl wissend, dass Freya sich freuen wird; sie werden bei der Molkerei in der Nähe der Abfallverwertung haltmachen und sich Eis holen.

»Worum geht es diesmal?«, fragt Freya. »Um mehr Salz im Salzkaramell?«

»Ja, um mehr Salz im Salzkaramell.«

Wenn sie dort haltmachen, tritt Devis Zorn manchmal voll zutage. Der Salzsumpf, die Giftfabrik, der Blinddarm, der Abtritt, die Sackgasse, der Friedhof, das schwarze Loch. Devi hat noch schlimmere Bezeichnungen dafür, die sie nur halblaut ausspricht, wenn sie denkt, dass niemand sie hört. Manchmal nennt sie die Salzminen sogar das verschissene Dreckloch!

Die Leute dort mögen sie auch nicht. Es gibt zu viel Salz an Bord des Schiffs. Nichts außer den Menschen will Salz, und die Menschen wollen mehr davon, als gut für sie ist, aber sie sind die Einzigen, die es vertragen, ohne davon krank zu werden. Deshalb müssen sie alle so viel Salz wie möglich essen, dürfen es aber nicht übertreiben, und letztendlich hilft das auch nicht, weil das Salz sich in einem sehr engen Kreislauf bewegt und sie es wieder ins umgebende System ausscheiden. Devi möchte immer große Kreisläufe. Alles muss sich in weiten Kreisen bewegen, und es darf niemals aufhören, sich im Kreis zu bewegen. Man darf die Sachen niemals zwischendurch in einen Blinddarm stopfen, in eine giftige kranke eklige dumme Jauchegrube, in einen Pfuhl der Verzweiflung, in ein verschissenes Drecksloch. Manchmal hat Devi Angst davor, selbst in einem Pfuhl der Verzweiflung zu versinken. Freya verspricht ihr, sie dann rauszuziehen.

Sie mögen also keine Dinge wie Chlor, Kreatinin oder Hippursäure. Ein bisschen was davon können die Einzeller essen und etwas anderes daraus machen. Aber die Einzeller sterben, und keiner weiß, warum. Außerdem glaubt Devi, dass das Brom an Bord knapp wird, was Freya nicht versteht.

Und sie bekommen den Stickstoff einfach nicht wieder hin. Warum lässt sich Stickstoff nur so schwer fixieren? Weil er so fix wieder abhaut. Haha! Phosphor und Schwefel sind genauso schlimm. Dafür brauchen sie unbedingt ihre Einzeller. Deshalb müssen die auch gesund bleiben. Auch wenn es nicht genug sind. Damit überhaupt jemand gesund bleiben kann, müssen alle gesund bleiben. Sogar die Einzeller. Niemand ist zufrieden, solange nicht alles für alle sicher ist. Aber nichts ist sicher. Das scheint Freya ein Problem zu sein. Anabaena variabilis ist unser Freund!

Man braucht Maschinen, und man braucht Einzeller. Man verbrennt Sachen, um die Asche dann an die Einzeller zu verfüttern. Sie sind so klein, dass man sie nur sieht, wenn Zigmillionen von ihnen aufeinandersitzen. Dann sehen sie aus wie Schimmel auf Brot. Was nur logisch ist, weil Schimmel ja auch aus Fäden von einzelnen Zellen besteht. Aber keine von den guten; na ja, er ist schlecht, aber auch gut. Man soll ihn jedenfalls nicht essen. Devi will nicht, dass sie schimmeliges Brot isst, bäh! Das will ja wohl auch keiner.

Aus einem Liter Schwebealgen kann man bei der richtigen Beleuchtung zweihundert Liter Sauerstoff pro Woche herausholen. Mit zwei Liter Algen hat man genug Sauerstoff für einen Menschen. Aber sie haben 2122 Menschen an Bord. Also brauchen sie auch andere Arten, Sauerstoff zu machen. Ein Teil davon wird sogar in Tanks in den Schiffswänden aufbewahrt. Er ist eiskalt, aber trotzdem flüssig wie Wasser.

Die Algenflaschen haben die gleiche Form wie ihre Biome. Sie sind also selbst wie Algen in einer Flasche! Bei dem Gedanken stößt Devi ihr kurzes Lachen aus. Sie bräuchten also nur einen besseren Autorecycler! Zwischen den Algen leben immer auch andere Einzeller, die die Algen essen, wenn sie sich vermehren. Bei den Menschen ist es genauso, aber anders. Um nur ein Gramm Chlorella zu produzieren, braucht man einen Liter Kohlenstoffdioxid und bekommt dafür 1,2 Liter Sauerstoff. Das ist gut für die Chlorella, aber die Fotosynthese der Algen und die Atmung der Menschen sind nicht im Gleichgewicht. Sie müssen die Algen genau richtig füttern, um sie auf einen Wert zwischen acht und zehn zu bringen, wo sich die Menschen bewegen. Hin und her gehen die Gase, in die Menschen rein und aus ihnen raus, in die Pflanzen rein und aus ihnen raus. Man isst die Pflanzen, man kackt die Pflanzen aus, man düngt den Boden, man zieht die Pflanzen, man isst die Pflanzen. Sie alle atmen sich gegenseitig in die Münder. Kreisläufe, die im Kreis laufen. Lauter wippende Wippen in einer langen Reihe, die aber nicht alle im gleichen Moment auf der gleichen Seite unten aufkommen dürfen. Obwohl sie unsichtbar sind!

Die Kühe in der Molkerei sind so groß wie Hunde, und Devi sagt, dass das früher nicht so war. Sie haben die Kühe so hergestellt. Sie geben so viel Milch wie die großen Kühe zu Hause auf der Erde, die so groß waren wie Rentiere. Devi stellt zwar auch Sachen her, aber eine Kuh hat sie noch nie hergestellt. Sie arbeitet eigentlich mehr an dem Schiff selbst als an irgendwelchen Tieren im Schiff.

Sie ziehen Kohl und Salat und Rüben, bäh! Und Karotten und Kartoffeln und Süßkartoffeln, und Bohnen, die so gut darin sind, den Stickstoff wieder hinzubekommen, und Weizen und Reis und Zwiebeln und Yams und Taro und Maniok und Erdnüsse und Jerusalemartischocken, die keine Artischocken sind und auch nicht aus Jerusalem kommen. Weil Namen einfach dummes Zeug sind. Man kann alles irgendwie nennen, aber deshalb ist es das noch lange nicht.

 

Kim Stanley Robinson: „Aurora“ ∙ Roman ∙ Aus dem Amerikanischen von Jakob Schmidt ∙Heyne Verlag, München 2016 ∙ 560 Seiten ∙ E-Book € 11,99 (im Shop)

 

 

 

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