26. November 2016 2 Likes

Fly me to the Moon …

Die besten Romane und Erzählungen, die auf dem Mond spielen, nicht nur für „Moonatics“

Lesezeit: 10 min.

Der Mond ist retro, eine „Ikone der 60er Jahre“, wie Moonatics-Autor Arne Ahlert ihn nennt (im Shop). Bis zur Mondlandung 1969 war er das Ziel schlechthin, im Osten wie im Westen. Dementsprechend erlebte der Mond in den Jahrzehnten vor Apollo 11 sein goldenes Zeitalter in der Science-Fiction. Arthur C. Clarke, Robert A. Heinlein, Jack Williamson – alle wollten auf den Mond, und manche erreichten ihn noch vor Neil Armstrong und Buzz Aldrin. Moonatics greift auf vielfache Weise diesen Retro-Charme wieder auf, und wem die 576 Seiten „Lunarer Zauberberg“ wieder Lust auf Luna gemacht haben, blickt auf der Suche nach Nachschub besser in die 50er und 60er. Aber auch nach dem letzten Mondflug 1972 und in den kommenden Jahrzehnten, in denen der Mars zusehends in den Fokus der Aufmerksamkeit rückte, geriet der Mond nie ganz in Vergessenheit. Hier sind meine liebsten Mond-Geschichten und –Romane aus den letzten sechzig SF-Jahren in chronologischer Reihenfolge:

Robert A. Heinlein: Der Mann, der den Mond verkaufte (1949)

Robert A. Heinlein hat den Mond so oft besucht wie kein zweiter, und viele von uns dürften mit ihm zum ersten Mal zu unserem Erdtrabanten geflogen sei, ob mit Mondspuren (im Shop), Suchscheinwerfer (gratis im Shop) oder Die schwarzen Klüfte Lunas (im Shop), um nur ein paar Beispiele zu nennen. Doch die erste Geschichte, die einem zu Heinlein und Mond immer einfällt, ist der Kurzroman Der Mann, der den Mond verkaufte aus dem Jahr 1949, zwanzig Jahre vor Apollo 11. Delos David Harriman ist besessen davon, als erster Mensch auf dem Mond zu landen – und ihn so in seinen Besitz zu bringen. Doch chemischer Raketentreibstoff wurde noch nicht entwickelt, und das bisher einzige atombetriebene Raumschiff, das die Menschen je gebaut haben, explodierte. Die Finanzierung der nötigen Forschung und der Expedition selbst ist schwierig, zumal der Gewinn, den die Reise abwerfen könnte, ziemlich fragwürdig ist. Das schreckt Harriman jedoch nicht davon ab, mit allen Mitteln für die Finanzierung seines Projekts zu kämpfen – auch wenn das bedeutet, dass er seine Partner mit Versprechen lockt, die er nicht einhalten kann …

Robert A. Heinlein: Der Mann, der den Mond verkaufte • Kurzroman • Aus dem Amerikanischen von Rosemarie Hundertmarck • Wilhelm Heyne Verlag, München 2015 • E-Book • ca. 127 Buchseiten • € 1,99 im Shop

 

Arthur C. Clarke: Aufbruch zu den Sternen (1951)

Auch Arthur C. Clarke war von der Reise zum Mond fasziniert, aber auf eine andere Art als Heinlein. Clarke ging es in seinen zahllosen Mond-Romanen und Stories vor allem darum, Begeisterung s für den Flug zum Mond zu wecken, indem er zeigte, dass er technisch möglich war. 1951 schrieb er den Roman Aufbruch zu den Sternen, der einige bemerkenswerte Parallelen mit den realen Apollo-Missionen fast zwanzig Jahre später aufwies: Die Prometheus ist das erste Raumschiff, das in der Lage ist, Astronauten zum Mond und wieder zurück zur Erde zu bringen. Dr. Dirk Alexson ist Historiker, und er soll dem Aufbruch der Prometheus 1978 beiwohnen und zugleich das wichtigste Ereignis der Menschheitsgeschichte für die Nachwelt dokumentieren. En détail erfährt er die technischen Hintergründe der Mission, die er ebenso in seinen Bericht einfließen lässt wie die Aufbruchsstimmung vor dem Abflug und seinen eigenen Wandel vom bloßen objektiven Beobachter zu einem enthusiastischen Befürworter der Raumfahrt. Clarke ließ es nicht bei einem Flug zum Mond bewenden: in seinem Roman Erdlicht (im Shop) von 1955 werden angeblich auf dem Mond gefundene Schwermetalle beinahe zum Auslöser eines Krieges unter den Menschen; in Im Mondstaub versunken (im Shop) dreht sich alles um die Gefahren des Mond-Tourismus; und in seiner wohl berühmtesten Geschichte „Der Wächter“ (im Shop) von 1951 wird auf dem Mond ein seltsames Artefakt gefunden, das schließlich in abgewandelter Form eine zentrale Rolle in 2001 – Odyssee im Weltraum (im Shop) spielen sollte. Doch nie wieder wurde so enthusiastisch über die nahe Zukunft geschrieben wie in Aufbruch zu den Sternen, und auch wenn die Technik inzwischen überholt ist, bleibt dennoch die Begeisterung für das größte Abenteuer der Menschheit.

Arthur C. Clarke: Aufbruch zu den Sternen • Roman • aus dem Englischen von Herbert Roch • Wilhelm Heyne Verlag, München 2014 • E-Book • € 4,99 im Shop

 

Algis Budrys: Projekt Luna (1958)

Zehn Jahre vor der Mondlandung schickt Algis Budrys die ersten Menschen nach Luna, aber die ganze Mission ist streng geheim. Satelliten entdeckten nämlich ein rätselhaftes Gebilde auf dem Mond, das jetzt unter strengster Geheimhaltung untersucht wird. Es scheint ein gewaltiges Labyrinth zu sein, das offenbar von einer außerirdischen Zivilisation errichtet wurde. Als die Wissenschaftler, neugierig geworden, das Bauwerk betreten, erwartet sie dort ein grauenvoller Tod. Der Physiker Dr. Edward Hawks und der todesmutige Abenteurer Al Barker wollen das Rätsel des Labyrinths lösen, doch so leicht gibt der Mond seine Geheimnisse nicht preis … In Projekt Luna dreht es sich nicht so sehr um die technische Machbarkeit einer Mondlandung (obwohl er eine sehr interessante Lösung für das Problem findet), sondern um den Mond als Chiffre für das Andere, das Dunkle, Abgründige in uns selbst. Heinlein macht das an seinem gewieften Geschäftsmann fest, der letzten Endes scheitern muss, weil er ein verlogenes System verkörpert. Bei Budrys ist die ganze Sache nicht ganz so einfach: seine Mond-Pioniere Hawks und Barker reisen nicht nur ins All, sondern auch in die Abgründe ihrer Seelen, wohl wissend, dass sie danach nie wieder so sein werden, wie sie einmal waren, egal, wie sehr sie sich das auch wünschen mögen. Das wiederum macht Projekt Luna zu einem zeitlosen Klassiker, den man immer wieder zur Hand nehmen kann.

Algis Budrys: Projekt Luna • Roman • Aus dem Amerikanischen von Wulf Bergner • Wilhelm Heyne Verlag, München 2016 • Taschenbuch • 272 Seiten • € 8,99 im Shop

 

Jack Williamson: Die Mondkinder (1972)

1972 war die Menschheit bereits an Mondlandungen gewöhnt. Bis Ende des Jahres waren zwölf Astronauten – alles weiße amerikanische Männer, nebenbei bemerkt – auf Luna spazieren gegangen. Der NASA war, im Gegensatz zur Öffentlichkeit, die Apollo 13 bereits vergessen hatte – sehr wohl bewusst, dass die bemannte Raumfahrt nach wie vor ein Risiko und es alles andere als selbstverständlich war, dass jeder Astronaut den Mond überhaupt erreichte. Clarkes Begeisterung war verraucht, Heinleins gewiefter Geschäftsmann durch den Weltraumvertrag hinfällig. Deswegen machte sich Jack Williamson 1972 in Die Mondkinder Gedanken, was wir vom Mond alles mit zur Erde bringen könnten, und seinem wenig sonnigen Naturell entsprechend sind diese „Souvenirs“ eher furchteinflößend: Bei einer Mondumkreisung glauben die Astronauten, einen Turm entdeckt zu haben, der nicht von Menschen gebaut wurde. Entgegen den Anweisungen setzen sie zur Landung an. Doch nach ihrer dramatischen Rettung weichen ihre Aussagen voneinander ab. Jeder glaubt, im letzten Augenblick vor der Landung etwas anderes gesehen zu haben. Tatsache aber ist, dass sie alle mit einer rätselhaften, grobkörnigen Substanz in Berührung gekommen sind. Zunächst misst man dem wenig Bedeutung bei – bis Monate später die Frauen der Astronauten Kinder zur Welt bringen, die allesamt missgebildet und geistig verändert sind. Diese Kinder bilden ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl aus, und langsam wird klar, dass in ihnen eine Saat aufgeht …

Jack Williamson: Die Mondkinder • Roman • Aus dem Amerikanischen von Sylvia Pukallus • Wilhelm Heyne Verlag, München 2015 • E-Book • € 3,99 im Shop

 

Dan Simmons: Monde (1989)

Der Mond als ein Ort, an dem man etwas Unheimlichem, Unmenschlichem, Unbekanntem ausgesetzt wird, spielt auch eine Rolle bei Dan Simmons. Hier sind es jedoch nicht die Kinder der Astronauten, die für Gänsehaut sorgen, sondern die Astronauten selbst, die nach ihrer Reise ins All irgendwie verändert zurückkommen: Als Teilnehmer einer Mondexpedition erlebt der Astronaut Richard Baedecker einen unvergesslichen Spaziergang auf dem Erdtrabanten. Doch Jahre später, nach der Rückkehr zur Erde, gerät sein Leben völlig aus den Fugen, ja scheint die Wirklichkeit plötzlich ihre Substanz zu verlieren. Und all das hängt offenbar auf geheimnisvolle Weise mit dem Flug zum Mond zusammen. Was ist damals tatsächlich dort geschehen? Ist der Mond wirklich nur ein leerer, verlassener Ort? Auf der Suche nach einer Antwort macht sich Richard auf eine fantastische Reise … Wie soll man wieder ins irdische Leben zurückfinden, nachdem man etwas absolut außergewöhnliches geleistet hat? Mit diesem Problem schlägt sich Richard Baedecker im Laufe dieses Romans herum, der irgendwo zwischen Science-Fiction, Horror und Sinnsuche schwebt. Die eigentliche Mond-Mission ist dabei lediglich der Hintergrund – und doch ist Luna allgegenwärtig. Der Mond scheint einen nicht mehr loszulassen, auch wenn man schon lange wieder zurück auf der Erde ist.

Dan Simmons: Monde • Roman • Aus dem Amerikanischen von Joachim Körber • Wilhelm Heyne Verlag, München 2009 • E-Book • € 7,99 im Shop

 

Michael Swanwick: Eines Greifen Ei (1990)

In den Neunzigern schließlich kehrte Michael Swanwick mit dem kurzen Roman Eines Greifen Ei zu den Mondkolonien Heinleins und Clarkes zurück, aber nicht ohne dem „Ärger in der Mondbasis“-Topos eine neue, moderne Note zu geben. Gunther Weil arbeitet als Wissenschaftler auf dem Mond. Als auf der Erde ein Atomkrieg ausbricht, werden auch die Mondbewohner in den Konflikt mit hineingezogen: zum einen ist die Basis auf Nachschublieferungen von der Erde angewiesen, zum anderen setzt ein Terrorist ein Kampfgas frei, das fast die gesamte Besatzung verrückt werden lässt. Gunther ist einer der wenigen, die von dem Gas verschont geblieben sind, weil er zum Zeitpunkt des Anschlags auf der Mondoberfläche unterwegs war. Zusammen mit seinen Kollegen sucht er nach einem Gegenmittel – und findet es auch. Doch dieses Mittel könnte jeden, der es einnimmt, radikal verändern … Swanwicks Mondkolonie ist keine Utopie, und trotz ihrer Entfernung zur Erde wird sie stärker in deren Probleme hineingezogen, als das bei vielen der anderen Mond-Geschichten der Fall ist. Einer der gängigsten Motive in der Mond-Literatur (und der Science-Fiction überhaupt, vor allem, wenn sie sich um die bemannte Raumfahrt dreht) ist die Betonung, dass alle an einem Strang ziehen müssen, um am Leben zu bleiben. Swanwick kontert das mit einem terroristischen Angriff, der auch noch ganz exakt auf die Lebensumstände auf dem Mond zugeschnitten ist. Die Auswirkungen dieses Kampfgases auf die Besatzung der Mondbasis ist schlicht erschreckend, und die vielen, vielen menschlichen Schwächen, die Swanwick im Laufe der Geschichte abhandelt, geben Eines Greifen Ei einen zumeist eher unangenehmen Realismus.

Michael Swanwick: Eines Greifen Ei • Roman • Aus dem Amerikanischen von Irene Bonhorst • Wilhelm Heyne Verlag, München 2016 • E-Book • € 2,99 im Heyne-Shop

 

Neal Stephenson: Amalthea (2015)

Wir waren auf dem Mond; wir diskutieren darüber, auf den Mond zurückzukehren – aber was wäre, wenn es den Mond plötzlich nicht mehr gäbe? Dieser Frage geht Neal Stephenson in Amalthea nach, und obwohl der Mond in diesem Roman durch Abwesenheit glänzt, ist er doch omnipräsent. Nach der Explosion des Mondes wütet über Jahrtausende ein Meteoritensturm, der die Erdoberfläche in eine unbewohnbare Wüstenei verwandelt. Um die Menschheit vor der Auslöschung zu bewahren, schickten die Nationen der Erde eine Flotte von Archen ins All. Der Asteroid Amalthea, der ursprünglich zu Forschungszwecken an eine internationale Raumstation angedockt worden war, soll der Kolonie als Schutzschild dienen. Doch das Leben im Weltraum fordert einen hohen Tribut, und die meisten Menschen sterben, bis schließlich nur noch sieben Frauen übrig sind, um eine neue Zivilisation zu begründen. 5000 Jahre später existieren zwei Völker: die Nachfahren derer, die die Katastrophe auf der Erde überlebt haben, sind primitive Siedler; die sieben Stämme der Nachkommen der Sieben Urmütter von der Raumstation hingegen hochkultiviert — und sie machen sich auf, die Erde zu kolonialisieren … Neben dem gewaltigen Zukunftsentwurf, der sich über Tausende von Jahren erstreckt und nichts geringeres thematisiert als die Frage nach der menschlichen Natur an sich, ist es doch der Mond, der am Anfang von Neal Stephensons aktuellem SF-Epos steht. Diesmal ist er für den Untergang des Lebens auf der Erde, wie wir es kennen, verantwortlich – und das ist eine sehr erschreckende Vision.

Neal Stephenson: Amalthea • Roman • Aus dem Amerikanischen von Nikolaus Stingl und Juliane Gräbener-Müller • Manhattan Verlag, München 2015 • Gebundenes Buch • 1056 Seiten •€ 29,99 im Shop

 

Ian McDonald: Luna (2015)

Im selben Jahr veröffentlichte auch Ian McDonald seinen Mond-Roman Luna, den Auftakt zu einer Trilogie. Anders als bei Stephenson bleibt und der Mond hier erhalten, aber ob McDonalds Zukunftsentwurf deswegen rosiger ist? Schon lange ist der Mond den Menschen zu einer zweiten Heimat geworden. Doch auf dem Erdtrabanten geschieht nichts, ohne dass die dort ansässigen, rivalisierenden Wirtschaftsgiganten – die sogenannten Fünf Drachen – davon erfahren. Einer davon ist die Corta Helio Corporation unter dem Vorsitz der Patriarchin Adriana Corta. Als junge Frau musste sich Adriana in der brutalen Mondgesellschaft nach oben kämpfen – und hat sich dabei eine Menge Feinde gemacht. Feinde, die Adriana und ihren Clan nun zu Fall bringen wollen … Wirtschaftsbosse dominieren das All – nichts Neues bis hierhin. Doch aus der kommerziellen Nutzbarmachung des Mondes ist eine neue Feudalherrschaft entstanden, und die Lebensgrundlagen – Luft, Wasser, Kohlenstoff und Daten – müssen sich verdient werden. Die Firmen, die den Mond unter sich aufgeteilt haben, stammen alle aus verschiedenen Ländern der Erde, dementsprechend ist die Mond-Kultur und –Sprache nicht aus einer bestimmten Leitkultur hervorgegangen. Dazu kommt, dass die Menschen, die sich dazu entschlossen haben, für immer auf dem Mond zu bleiben, von ihrer Umwelt, der Wirtschaft und den herrschenden Verhältnissen stark geprägt werden, sodass wir es mit Figuren zu tun bekommen, die irgendwie vertraut, aber auch irgendwie fremd sind. Und genau dieser frische Blick eines der interessantesten zeitgenössischen SF-Autoren auf das Thema Mondbasis macht Luna so spannend, dass der Roman bereits vor Erscheinen für eine TV-Serie optioniert wurde.

Ian McDonald: Luna • Roman • Aus dem Englischen von Friedrich Mader • Wilhelm Heyne Verlag, München 2016 • Paperback • 512 Seiten • ab 12.12.2016 im Shop

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