17. Februar 2017

Kompliziertere Wesen als Vögel in dünner Luft

Fesselnd und vielschichtig: China Miéville schreibt eine ganz eigene Form von Science-Fiction

Lesezeit: 4 min.

Ein Junge rennt schreiend einen Bergpfad hinunter, um den Bewohnern des Tals von einer Bluttat zu erzählen: Seine Mutter, so erzählt er, habe soeben seinen Vater ermordet. Oder war es sein Vater, der die Mutter umgebracht hat? Der Junge ist verwirrt. Wie sich kurz darauf herausstellt, ist der Vater durchaus am Leben, nur die Mutter kann angeblich niemand finden. Was genau hat sich abgespielt? So beginnt die in archaischer Landschaft angesiedelte Novelle „Dieser Volkszähler“ des britischen Autoren China Miéville, dessen 2000 veröffentlichter Roman „Perdido Street Station“ (im Shop) bereits als moderner Klassiker gehandelt wird.

China Miéville: Dieser VolkszählerDie rätselhafte und beunruhigende Geschichte, die „Dieser Volkszähler“ erzählt, spielt vor einer ländlichen Kulisse. Der namenlose Junge, dessen älteres Ich als Erzähler fungiert, lebt mit seinen Eltern in einem abgelegenen Haus und hat wenig Kontakt zu den Kindern im Dorf. Sein Vater arbeitet als Schlüsselmacher, aber es sind seltsame Werkzeuge, die er herstellt; sie erlauben es beispielsweise, Tiere zu heilen, Sachen zu reparieren oder jemanden zu verletzen. Ob die Werkzeuge funktionieren, bleibt unklar. Doch der Vater hat eine verstörende Angewohnheit – er erschlägt bisweilen kleine Tiere und wirft sie in eine bodenlos erscheinende Abfallgrube. Könnte es sein, dass dort auch die Mutter liegt? Zwar hat sie dem Jungen einen Abschiedsbrief geschrieben, in dem es heißt, dass sie fortgehen müsse, aber der Junge misstraut dem Papier. Erst als ein Mann auftaucht, der sich als Volkszähler bezeichnet und in die Grube hinabsteigt, beginnen die Dinge in Bewegung zu geraten … allerdings in eine völlig andere Richtung, als vorher absehbar war.

Der 1972 geborene Schriftsteller und Politiker China Miéville gehört seit Jahren zu den Hoffnungen der phantastischen Literatur, die er in seinen Büchern umgestülpt und gegen den Strich gebürstet hat. In der von Andeutungen und feinen Realitätsverschiebungen lebenden Novelle „Dieser Volkszähler“ erzählt er mehrere Geschichten auf einmal, und es spricht für die Qualität der komplexen Novelle, dass sich das Ergebnis zunächst einmal als fesselnde Spannungsliteratur lesen lässt. Doch wer das Buch zum zweiten Mal in die Hand nimmt, merkt, dass hier noch andere Dinge verhandelt werden als das Erwachsenwerden unter mörderischen Umständen: Es geht um die Heimat des Vaters, die er aufgrund von Unruhen verlassen hat, und die sich hieraus ergebenden Konsequenzen. Denn „dieser Volkszähler“ ist keineswegs nur der harmlose Sammler von Daten, für den er sich ausgibt – ganz offensichtlich verfolgt er auch einen politischen Auftrag.

China Miéville
China Miéville

China Miéville lässt in seiner Novelle vieles offen, was normalerweise (und nicht selten zum Schaden der Fabel) restlos auserklärt wird, womit er die suggestive Wirkung des Buches enorm erhöht. Bereits der Handlungsort – an sich eine karge Gebirgslandschaft mit einem zweigeteilten Dorf – steckt voller Geheimnisse, wenn „größere, kompliziertere Wesen als Vögel durch die dünne Luft“ ziehen oder „ein Baum“ ins Wandern gerät. Der Text belässt es mit Andeutungen, die nicht weiter erklärt werden, hinter denen man aber bisweilen Anspielungen auf andere Bücher des Autors entdecken kann. Grundsätzlich scheint sich vor einiger Zeit eine Katastrophe abgespielt zu haben, die in der Zerstörung von „beweglichen Statuen“ endete; später folgten zwei Kriege. Die Folgen sind nicht zuletzt an den zahlreichen Kindern abzusehen, die auf jener Brücke leben, die die zwei Teile des Dorfs miteinander verbindet. „Dieser Volkszähler“ ist trotz mehrerer Horrormotive weit weniger Phantastik als eine subtile Science-Fiction-Erzählung, die typische Genreelemente so weit wie möglich zurücknimmt, aber noch durchscheinen lässt.

Auch der Erzähler gibt Rätsel auf. Man erfährt früh, dass er der „Famulus“ des Volkszählers geworden ist und seine Erlebnisse zu dem vorliegenden Buch verarbeitet, wobei er sich auch mit den Hinterlassenschaften einer Vorgängerin auseinandersetzt. Dass ihn diese auf versteckte, aber letztlich unübersehbare Weise warnt, ist in der ansonsten sehr gelungenen deutschen Übersetzung von Peter Torberg leider verlorengegangen – das literarische Mittel des Akrostichons ist nun einmal schwer zu übertragen. Dem Textverständnis tut dies wenig Abbruch. Tatsächlich ist „Dieser Volkszähler“ (der ungelenk wirkende Titel hat seinen Sinn) neben den Erzählungen von Ted Chiang ein weiteres Beispiel dafür, wie gut sich Genremotive mit den Ansprüchen ernsthafter Literatur vertragen – immer vorausgesetzt, es findet sich ein Autor, der beide Sphären ernst nimmt und mit ihnen gleichermaßen virtuos umzugehen vermag. Bei China Miéville ist dies der Fall. Seine unlängst erschienene Alternativweltnovelle „The Last Days of New Paris“ würde sich daher ebenfalls sehr gut bei Liebeskind machen.

China Miéville: Dieser Volkszähler Aus dem Englischen übersetzt von Peter Torberg Liebeskind Verlag 173 Seiten € 18,-

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