17. Juli 2017 1 Likes

Ausflug in die Psychotropen

Was die Science-Fiction mit Drogen anzufangen weiß – und was nicht

Lesezeit: 5 min.

„Sometimes I wish I knew how to go crazy. I forget how.“ – „It’s a lost art“, Hank said. „Maybe there’s an instruction manual on it.“

In der überbordenden Bibliothek drogenthematisierender Science-Fiction-Romane ist Philip K. Dicks „Der dunkle Schirm“ (A Scanner Darkly), aus dem dieses Zitat stammt, vielleicht der konsequenteste. Nicht, weil er so völlig unglamourös Paranoia, Witz und Elend eines auf sich selbst zurückgeworfenen Junkie-Milieus beschreibt, samt der völlig überzogenen Bemühungen eines repressiven Staats, dieses Milieu zu unterwandern. Sondern weil er etwas tut, das eigentlich keinem anderen Roman des Genres bis dahin eingefallen ist: Drogen als Setting zu benutzen, nicht als Plot-Werkzeug. Und das ist so merkwürdig, dass die Frage nach dem Grund dafür zumindest mal gestellt werden sollte.

Drogen sind eines der am meisten benutzten und durchbuchstabierten, wenn nicht gar abgegriffensten SF-Motive. Das beginnt bei Robert Louis Stevensons „Seltsamem Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ von 1886, geht weiter mit Frank Herberts „Wüstenplanet“ (im Shop) von 1965 und endet noch lange nicht bei David Foster Wallaces „Unendlicher Spaß“ von 1996. Von Aldous Huxleys „Schöne Neue Welt“bis Ohne Limit (Limitless) wird eingeschmissen, gedrückt, geraucht und gesoffen, als ob es kein Morgen gäbe. (Für Fantasy gilt das übrigens genauso: Lembas, anyone?) Wer sich ein Bild davon machen möchte, wie viel Drogen-SF allein in den Jahren zwischen 1900 und 1970 erschienen ist, möge sich die Zusammenstellung des amerikanischen National Institute on Drug Abuse anschauen: Der Bericht „Drug Themes in Science Fiction“ stammt aus dem Jahr 1974, und seine angehängte Bibliografie ist deutlich beeindruckender als der eigentliche Text.

So häufig die Verwendung von Drogen als literarisches Motiv ist, so zahlreich sind die Wirkungen: Sie erhöhen die geistige Leistungsfähigkeit ebenso wie die körperliche, sie werden als Waffen eingesetzt und als Mittel der Unterdrückung, sie verlängern (oder verkürzen) das Leben und verändern Stoffwechsel, sie dienen als Wege in andere Dimensionen, sie ermöglichen sogar Zeitreisen, und und und … Drogen sind dramaturgisch ungemein praktisch, weil sie – mit ein bisschen pseudo-wissenschaftlichem Zuckerguss versehen – komplett glaubwürdige Alleskönner sind. Anders ausgedrückt: Drogen sind in der Science-Fiction Mittel zum Zweck. Sie werden als Plotwerkzeug benutzt, um Handlung zu erzeugen.

Interessanterweise funktioniert ihre literarische Verwendung damit fundamental anders als ihre tatsächliche. Natürlich sollen Drogen auch im realen Leben etwas bewirken (nur ausgesprochene Trottel würden Geld und Gesundheit für buchstäblich nichts investieren …). Aber dieser Zweck wird schon durch den Konsum selbst erfüllt: Drogenkonsumenten konsumieren Drogen in aller Regel, um sich gut zu fühlen, nicht um die Welt zu retten. Drogen beziehungsweise der durch sie erzeugte Rausch sind demnach also Selbstzweck – und damit das ziemliche Gegenteil von irgendwelchen Plot-Triggern.

Wie wenig davon finden sich in der Science-Fiction wieder! Wie gesagt, da ist „Der dunkle Schirm“. Und vielleicht auch noch „Die drei Stigmata des Palmer Eldritch“, auch das von Dick. Aber die Zahl ähnlicher Romane bleibt überraschend klein für ein so sehr von Drogen durchzogenes Genre. Das „how to go crazy“ scheint für SF-Autoren aus irgendeinem Grund ziemlich uninteressant zu sein. Bemerkenswert, weil das Bedürfnis nach Exzess und Rausch schließlich so alt ist wie die Menschheit selbst, und Science-Fiction im Grunde ja nichts anderes ist als ein Beschäftigen mit der Conditio humana.

An mangelnden handwerklichen Möglichkeiten kann es jedenfalls nicht liegen, dass aus Drogen nicht mehr gemacht wird als bloße Plotwerkzeuge: Die Weltliteratur ist schließlich voll von Drogenromanen, erbaulichen wie erschütternden. Die Lücke, die da im Genre klafft, mag unter den ganzen Wunderdrogen, die es erschaffen hat, nicht sofort auffallen, aber sie ist da, ohne Zweifel. Selbst in Aldous Huxleys „Schöne Neue Welt“ ist das allgegenwärtige Soma ja nur ein Produkt der es nutzenden Gesellschaft, nicht ihre konstituierende Vorbedingung und schon gar nicht die der Geschichte. Warum also hat es nur Philip K. Dick (im Shop), der alte Oberjunkie der SF, geschafft, Drogenkonsum zu mehr zu verarbeiten als zu gefälligen und wundersamen Story-Vehikeln? Haben wir es hier wirklich mit einer „verloren gegangenen Kunst“ zu tun? Um es vorweg zu nehmen: Auch diese Kolumne wird keine abschließende Antwort darauf finden. Sie will vor allem Aufmerksamkeit auf die Frage lenken.

Ist das Genre vielleicht selbst schon eskapistisch genug? Sind die Visionen, die es uns vorsetzt, an sich schon so abgehoben, dass es keine anderen Visionen braucht? Oder andersherum: Deutet es Drogenräusche einfach um und fabriziert aus ihnen phantastische Geschichten? Herberts „Wüstenplanet“ etwa wäre ohne Magic Mushrooms nie entstanden (was ein echter Jammer wäre), und Philip K. Dick – ach, Philip K. Dick …

Da mag also was dran sein. Aber reicht das?

Lassen sich Drogen denn nur unter den zwei Aspekten „schräge Wirkung“ und „schräge Vision“ verarbeiten? Und warum ist das überhaupt von Relevanz?

Es ist relevant, weil Drogen auch heute – immer noch und immer wieder – eine extrem hohe gesellschaftliche Relevanz besitzen. In den USA etwa ist die Häftlingspopulation seit 1980 um mehr als 700 Prozent gewachsen, und mehr als die Hälfte dieser Insassen sitzt wegen Drogenvergehen. Mit Mexiko steht eine ehemals funktionierende Demokratie vor dem Scheitern, weil gegen die Drogenkartelle kein Kraut gewachsen ist (pun intended), und wenn der Krieg in Afghanistan eines geschafft hat, dann einen ordentlichen Anstieg der Heroinproduktion. Glückwunsch! Wer die gesellschaftlichen Kosten unserer Drogenpolitik vor Augen geführt bekommen möchte, braucht nur „drug epidemic“ bei Google News einzugeben, oder „Drogentote Bayern“. Der „World Drug Report“ der Uno, der im Juni erschien, gibt eine Mindestschätzung von 190.900 Drogentoten weltweit für das Jahr 2015 an – mit neuen Rekordzahlen für Nordamerika und Europa.

Da haben wir sie dann, die Relevanz. Zugegeben, es ist eine, die ziemlich marginalisiert wird und die seit Jahrzehnten beinahe ausschließlich aus einer Perspektive betrachtet wird, aus der strafrechtlichen nämlich. Und vielleicht ist das Schweigen des Genres auch genau darauf zurückführen: dass nämlich, seit Nixon 1972 den „War on Drugs“ ausrief, das Thema im Prinzip gesellschaftlich durch ist, eingeordnet, verräumt, abgehakt, zumindest für den Mainstream. Wen interessieren heute schon noch Drogenmilieus? Die mögen für Gegenwartsliteraten wie David Simon („The Corner“, „The Wire“) triste Gesellschaftsporträtlieferanten sein – für futuristische, fordernde Entwürfe scheinen sie nicht zu taugen.

Das Thema ist schlichtweg keins, war es vielleicht nie.

Matthias Oden: JunktownAber ist es nicht Aufgabe der Science-Fiction, Themen (wieder) zu entdecken, die nicht (mehr) im Blickwinkel der Mehrheit sind? Kühnen Mutes dorthin zu gehen, wo noch niemand gewesen ist? Und was bedeutet das, wenn das visionärste Genre der Literatur im Prinzip nichts zu einem der größten Themen der Menschheit zu sagen hat?

Robert Silberberg, der Verfasser der besagten Drogenbestandsaufnahme im Genre und selbst SF-Autor (im Shop), schrieb in dem Bericht: „Science fiction is as much a guide to where we are as it is a vision of where we are going.“ Wenn das stimmt, dann wird sich an den Zahlen des UNO-Drogenberichts auf absehbare Zeit nichts ändern.
 

Matthias Oden studierte Geschichte, Politikwissenschaft und Ethnologie. Er arbeitete als Journalist und Redakteur unter anderem bei der Financial Times Deutschland, dem Magazin Business Punk sowie der Zeitschrift Werben und Verkaufen und ist jetzt bei der Marketingagentur C3 tätig. Mit „Junktown“ (im Shop) hat er seinen aufsehenerregenden Debütroman veröffentlicht, der von Kritikern und Lesern gleichermaßen gefeiert wird.

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