31. Juli 2017 1 Likes

Wiederentdeckt: „Anderland“ von Jens Lien

oder: Leben in einer Muzak-Welt

Lesezeit: 3 min.

Manchmal gibt es Romane, Filme oder Musik, die in der Zeit ihrer Entstehung durchs Raster fallen. Die veröffentlicht werden und dann einfach – verschwinden. Manchmal lohnt sich aber ein zweiten Blick. Wie im Fall von „Anderland“ (Den brysomme mannen), einem norwegisch-isländischen Film, den Jens Lien 2006 in die Kinos brachte.

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Andreas kommt mit dem Bus in einer staubigen Einöde an. Ein improvisiertes Willkommensplakat wird rasch wieder eingewickelt, und das einköpfige Empfangskomitee bringt ihn höflich, aber gleichmütig in die Stadt. Sein möbliertes Apartment ist so unpersönlich wie eine billige Ferienwohnung. Man bringt ihn zu seinem Job, wo er genauso höflich und gleichmütig begrüßt wird. Er addiert Zahlen auf und schneidet Ausdrucke. Andreas versucht Kontakt zu knüpfen, was erstaunlich leicht funktioniert. Man unterhält sich bevorzugt über Wohnungseinrichtungen, alle anderen Themen werden ausgeklammert. Alles bleibt unverfänglich; der Alkohol wirkt nicht, das Essen schmeckt fade und Sex ist rein mechanisch. Nichts, aber auch gar nichts verlässt eine Zone unverbindlicher Oberflächigkeit. Leichen werden rasch und ohne jedes Aufsehen von dezenten Ordnungskräften entfernt; Ordnungskräften in grauen Overalls, die für alles zuständig sind, was den Ablauf stört. So auch bald für Andreas, der als scheinbar einziger in dieser Welt nicht zufrieden ist.

Andreas ist in einer Muzak-Welt gelandet, in der nichts von Bedeutung ist, nicht einmal Liebe oder Tod. Eine Welt im Schnittpunkt zwischen The Prisoner, Le locataire, Dawn of the Dead, The Truman Show und All About Love, zwischen Kafka, Orwell, Beckett und Dick. Ist Andreas in der Hölle, im Himmel, in einem Alptraum oder einem VR-Game gelandet? Wer Den brysomme mannen zwanghaft auf eine solche Pointe abklopft, wird enttäuscht werden. Denn Lien gibt keinerlei Hinweise, wieso diese Welt so ist wie sie ist. Es ist eine reine Zustandsbeschreibung, nach außen gekehrte Innerlichkeit, eine Formsache. Eine Versuchsanordnung möglicherweise, in der Lien auch zwei weitere Ebenen – eine vermeintlich bessere Welt und eine vermeintlich noch schlechtere – einbaut. Aber auch diese Alternativen sind bestenfalls Klischees.

Kann man den Humor noch trocken oder schwarz nennen? Ist das überhaupt noch Humor? Schwer zu sagen. Sicher gibt es Momente, die zum Lachen einladen, aber eher ist Den brysomme mannen ein Film, der ein Kino oder ein Wohnzimmer zu geisterhafter Ruhe zwingt. Zu einer bleiernen Ruhe, in der man kaum wagt, den/die Mitschauenden zu stören, weil einen der Film in ebensolche Isolation treibt wie den Hauptdarsteller. Ein Film, der Unbehagen auslöst, egal ob man ihn allein, zu zweit oder in einer Gruppe sieht – ein Film, den man leicht hassen kann, weil er auf der einen Seite völlig zugänglich, aber auf der anderen auch völlig hermetisch ist. Natürlich geht es um (mangelnde) Kommunikation, gesellschaftliche Kälte, Konsum als Ersatz, aber diese Feststellung ist kaum mehr als Beschreibung, völlig banal, als würde man Messi sagen, dass das Spiel mit den 22 Akteuren auf zwei Tore Fußball heißt.

Es ist auch ein Horrorfilm, dessen wenige Schockmomente jedes Torture-Porn-Movie zur albernen Lachnummer degradiert. Sie kommen tatsächlich völlig unvorbereitet und sind daher besonders grausam – im Gegensatz zum herkömmlichen Horrorfilm, dessen Dramaturgie zwangsläufig auf die grauenhaften Höhepunkte abgestellt ist.

Den brysomme mannen ist ein fantastischer Film, der sich engeren Genre-Grenzen entzieht und damit in der Tendenz natürlich zwischen allen Stühlen sitzt. Eine Entdeckung allemal, möglicherweise sogar ein Meisterwerk.

Anderland • Norwegen/Island 2006 • Regie: Jens Lien • Darsteller: Trond Fausa Aurvaag, Petronella Barker, Per Schaaning, Birgitte Larsen • Nach dem Hörspiel von Per Schreiner

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