8. Oktober 2017 1 Likes

Alles auf Anfang

„Wenn du stirbst…“ – eine Variation des Zeitschleife-Motivs

Lesezeit: 3 min.

Zeitschleifen-Geschichten haben in der Regel einen sehr moralischen Kern, denn meistens muss sich der in der Schleife Gefangene ändern, um dem tückischen Teufelskreis zu entkommen. „Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie“ (der im Original etwas schlichter „Before I Fall“ heißt), bildet da keine Ausnahme. Aber Ry Russo-Youngs Verfilmung des Bestsellers von Lauren Oliver drückt einem die Moral nicht unterschwellig rein. „Wenn du stirbst…“ ist ganz ungerührt und offen eine Geschichte über Selbsterkenntnis und Läuterung, und das ist gar nicht so schrecklich, wie es zunächst klingt.

Es ist ein Highschool-Drama um eine Gruppe von Mädchen, die zu den „Populars“ zählen und keine Gelegenheit auslassen, um anderen Mitschülern ihre (begrenzte und befristete) Macht zu demonstrieren. Die Ereignisse vor Beginn der Zeitschleife zeigen glasklar: die Mistkühe haben es nicht besser verdient, was immer ihnen auch zustößt. Als Samantha (Zoey Deutch, angenehm wandlungsfähig) dann nach einem „Carrie“-würdigen Partydrama vom Gott des Schicksals gestraft wird und denselben Tag immer wieder und wieder erlebt, wird ihr schnell klar, dass sie etwas ändern muss. Vielleicht, weil sie mal das „Murmeltier“ gesehen hat. Vielleicht aber auch einfach, weil man sich ja nicht jeden Tag scheiße benehmen kann.

„Wenn du stirbst…“ wirft dann alles in den Topf, was dazugehört. Etwas Comedy, etwas Grauen, viel Sentimentalität. Aber Russo-Young beweist dabei einiges narrative Geschick. Denn es gelingt ihr tatsächlich, nach und nach den Mädchen und ihren Satelliten durch prägnant eingebaute Details so viel Hintergrund zu verleihen, dass man einen Hauch Verständnis für sie bekommt. Und stößt so zum angesprochenen moralischen Kern vor: Sam muss sich nicht ändern, sie muss nur wieder die sein, die sie eigentlich immer war. Nämlich ein netter Mensch, den nur das Umfeld in ein Miststück verwandelt hat. Die Zeitschleife ist für sie nicht unbedingt Fegefeuer, sondern Denkpause. Banal, klar, aber auch charmant, weil so viel positives Menschenbild eher selten geworden ist.


Sam (Zoey Deutch) lernt auf der Toilette der Highschool mehr als im Unterricht

Erst in den letzten fünf Minuten verlassen Russo-Young alle guten Geister und jedes Stilgefühl – was seltsam anmutet, da sie bis zu diesem Zeitpunkt die meisten fiesen Fallstricke vermieden und ein paar genuin rührende Momente inszeniert hat, bei denen man nicht vor Pein in die Fernbedienung beißen musste. Das Problem ist nicht einmal, was da passiert (aber auch), sondern vor allem wie und mit welcher Hektik es präsentiert wird. Das nimmt dem Film in letzter Sekunde etwas von seiner Wirkung und lässt einen fast ratlos zurück.

Aber gut, „Wenn du stirbst…“ mag nicht perfekt sein, ist aber ein interessanter Beitrag zum Sub-Genre und tatsächlich so etwas wie eine Diskussionsgrundlage. Denn streiten kann man sich herrlich über die Frage, wie seicht oder tief das nun eigentlich ist. Und möglicherweise lernt man seine Diskussionspartner dabei ein kleines Stück besser kennen, als einem lieb ist.

Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie“ ist gerade bei Capelight auf Blu-ray, DVD und als VOD erschienen.

Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie“ (Before I Fall) • USA 2016 • Regie: Ry Russo-Young • Darsteller: Zoey Deutch, Halston Sage, Medalion Rahimi, Cynthy Wu, Logan Miller, Elena Kampouris, Jennifer Beals

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