22. Dezember 2017

Anti-Blockbuster

„Orbiter 9“ – Ein kleiner Film über große Fragen

Lesezeit: 3 min.

Schon irre. Da freut man sich wie Bolle, weil in einem kleinen spanischen Science-Fiction-Film ohne viel Gedöns, ohne großes Spektakel einfach ein paar Szenen funktionieren und ein bisschen Stimmung aufkommt – mehr als in den letzten sechs Star-Wars-Filmen zusammen. Und das einfach nur, weil da eine junge Frau, die eben einer ziemlich gruseligen Situation entkommen ist, kurz zurückzuckt, weil ein Magnet seine Arbeit tut, weil Regen irgendwie cool ist und es doch tatsächlich Dinge zum Anziehen gibt, die nicht alle gleich aussehen. Sagt das mehr aus über Hatem Khraiches „Orbiter 9“ oder mehr über „Star Wars“?

Irgendwie beides.

Denn „Orbiter 9“ ist gewiss kein großes Meisterwerk und mitunter knirscht es gewaltig im Gebälk, aber wenigstens spürt man die Handschrift eines Autoren, kann die Handlung nachvollziehen, leidet ein bisschen gemeinsam mit den Figuren und freut sich punktuell über gelungene Sequenzen, weil sie einfach und schlicht das transportieren, was sie transportieren sollen. Wohlbemerkt, wir reden hier von Handwerk, nicht von großer Kunst. Selbstverständlichkeiten, eigentlich.

„Orbiter 9“ beginnt an Bord eines Raumschiffs, das unterwegs zu einem fernen Kolonialplaneten ist. Helena (Clara Lago) ist seit 20 Jahren auf der Reise. Sie wurde auf dem Schiff geboren und ist allein, denn ihre Eltern haben vor einigen Jahren nach einer Fehlfunktion das Schiff verlassen, damit Helena mit dem verbleibenden Sauerstoff überleben kann – bis ein Ingenieur, der mit seinem Schiff auf Rendezvouskurs ist, das Problem reparieren kann. Die junge Frau hatte seit Jahren keinen Kontakt mit einem menschlichen Wesen, da ist es wohl kein Wunder, dass sie dem nicht gerade unknackigen Álex (Álex González) sofort auf die Pelle rückt.

Klingt leicht seltsam? Wie eine Variation von „Passengers“? Ja. Aber in „Orbiter 9“ ist so ziemlich nichts das, was es zu sein scheint. Denn Hatem Khraiche, der zuvor die Drehbücher für die mehr als anständigen Filme „Das verborgene Gesicht“ (2011) und „The Returned“ (2013) geschrieben hat, hat zwei Twists im Ärmel, die der Story jeweils eine andere Richtung geben. Und der erste dieser Twists kommt so überraschend, dass man fast vom Stuhl fällt, wenn man – wie ich – keinen Schimmer hat, dass er kommt. Vielleicht wird der eine oder andere sagen: „Nee, da mache ich nicht mit, da fühle ich mich verarscht.“ Aber ich empfand es als wohltuend, dass Khraiche das Risiko eingeht, sein Publikum zu verlieren. Denn wer sich auf die Figuren – und speziell das Schicksal von Helena – eingelassen hat, wird wissen wollen, wie es weitergeht. Denn die Tragik der Situation wird durch den ersten Twist noch einmal erhöht. Und durch den zweiten nochmals.

„Orbiter 9“ ist dabei aber nicht der Versuch, das Kino eines M. Night Shyamalan („The Sixth Sense“) zu adaptieren, denn die Twists sind keine bloßen Gags, die dem Zuschauer kurz vor Verlassen des Kinos noch einmal einen Adrenalinschub verpassen sollen. Alles, was Khraiche da macht, ergibt Sinn und dient der Story und dem, was er erzählen und sagen möchte. Und das ist letztlich eine einfache und sehr menschliche Geschichte über die Grenzen der Wissenschaft und die Frage, ob das Wohl von Vielen wirklich wichtiger ist als das Wohl von Einzelnen.

Der Film hat seine Schwächen, darüber sollte man nicht hinwegtäuschen. Aber er unterscheidet sich wohltuend vom Blockbuster-SF-Kino, ohne gleich im Arthouse-Terrain zu landen. „Orbiter 9“ ist kein Grund sich zu ärgern. Wenn überhaupt, dann hätte man Khraiche höchstens gewünscht, alles ein bisschen stilsicherer und strenger zu inszenieren. Aber es ist seine erste Regiearbeit – da kann ja noch was kommen.

„Orbiter 9“ ist bei Koch Media als Blu-ray, DVD und Digital erschienen.

Orbiter 9 - Das letzte Experiment (Orbita 9; Spanien/Kolumbien 2017) • Regie: Hatem Khraiche • Darsteller: Clara Lago, Álex González, Belén Rueda, Andrés Parra

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