20. August 2014 4 Likes

Monster und Marsianer

Was haben Science-Fiction und Stephen King einander zu sagen? – Ein Essay von Sven-Eric Wehmeyer

Lesezeit: 12 min.

Die Encyclopedia of Science Fiction führt ein Lemma namens »King, Stephen« und ebendiesen Autor darin als »US writer of Horror fiction«. Wenn es im Artikel dann über Kings Kurzgeschichtensammlung »Nachtschicht« (1978) heißt, darin fände sich »some grisly sf in the pulp style« und dort außerdem Kings 1987 veröffentlichter Roman »Das Monstrum – Tommyknockers« als »gothic horror dressed in sf clothes« klassifiziert wird, dann ist, wie es sich für eine ordentliche Enzyklopädie gehört, der Nagel auf den Kopf getroffen und die Pointe komplett verraten.


Stephen King am Set
von Under the Dome

Wer im Umgang mit Erzählkunst keinen stur wirkungs- bzw. rezeptionsästhetischen Ansatz pflegt (Horror macht Angst, Science Fiction sorgt für das – in entsprechenden englischsprachigen Theoriedebatten terminologisch fest installierte – Gefühl des Staunens [»sense of wonder«], Western machen staubig und topseriöse Arthouse-Dramen schlechte Laune), sondern Genreliteratur in erster Linie stofflich und motivisch kategorisiert, wird in etlichen von Kings Werken mindestens eine deutliche Science-Fiction-Schlagseite, wenn auch der softeren bzw. pragmatisch-technischen Art, ausmachen können. Das Motivregister umfasst dabei im groben Wesentlichen fünf Haupteinträge: unfreundlich gesonnene Außerirdische (wie eben »Das Monstrum – Tommyknockers«, die Kurzgeschichte »Ich bin das Tor« von 1971, »Duddits – Dream catcher« von 2001 oder »Die Arena« von 2009), parawissenschaftliche und -psychologische Phänomene (wie »Dead Zone – Das Attentat« von 1979, »Feuerkind« von 1980 oder »Doctor Sleep« von 2013), Apokalypsen und Postapokalypsen (wie »The Stand – Das letzte Gefecht« von 1978 bzw. 1990 in der ungekürzten Fassung, die Novelle »Der Nebel« von 1980 oder »Puls« von 2006), negative Utopien (wie vor allem die unter dem Pseudonym Richard Bachman publizierten Dystopien der späten 1970er bis mittleren 1980er Jahre, also etwa »Todesmarsch« von 1979 oder »Menschenjagd« von 1982) sowie schließlich das weite Feld der Zeitreisen, Dimensionstore und Parallelwelten (wie die Erzählung »Die Langoliers « von 1990, »Der Buick« von 2002, »Der Anschlag« von 2011 oder – ein in vielerlei Hinsicht wahrlich besonderer Fall – der 1982 begonnene, 2004 abgeschlossene und 2012 um den Nachschlagroman »Wind« ergänzte achtbändige Zyklus vom Dunklen Turm).

Bei Letzterem handelt es sich zugegebenermaßen um eine reichlich provisorische Kategorie, was aber gar nichts macht, da man King, so man überhaupt bereit ist, sich seinem Schaffen wohlwollend zu nähern, mit derartigem Werkzeug schlecht beikommen kann: Feinst ziselierte und sich immer weiter verästelte Subgenreklassifikationen mögen einen chirurgischen Eindruck erwecken, funktionieren jedoch eher wie Faustkeile. Lieber lasse man King selbst, zwei seiner Figuren und einen, der King gar nicht mag, kurz zu Wort kommen bezüglich dessen, was die Science Fiction und Stephen King einander an Gutem, Schlechtem und Gleichgültigem zu sagen haben:

1.

Ich weiß, es klingt recht unwissenschaftlich, aber ich hatte eine panische Angst.

Der Astronaut und Alien-Wirtskörper Arthur, Ich-Erzähler in Stephen Kings Kurzgeschichte »Ich bin das Tor« von 1971

»Ich bin das Tor« gehört zur von der Encyclopedia of Science Fiction identifizierten garstigen SF im Pulp-Stil, die King vor allem in früheren Werkphasen gern und häufig in die Form einer an sogenannte Herrenmagazine verkauften Kurzgeschichte gießt. Der Raumfahrer Arthur erlebt – zunächst ohne es zu wissen – bei einer Venus-Expedition eine Begegnung der dritten Art und muss in der Folge erdulden, dass sein Körper von einer monströsen außerirdischen Lebensform okkupiert wird. Der finstere Schlusstwist sowie die sorglose, pulpminiaturenhafte Kürze der Erzählung sind nicht zuletzt einem der prägendsten Leseerlebnisse Kings geschuldet: den populären und fröhlichskrupellosen Exploitation feiernden Genre-Comics der 1950er Jahre wie Tales from the Crypt, Shock Suspen-Stories oder Weird Science, schwarzhumorigen knalleffekthascherischen Gemeinheiten, denen Science-Fiction-Motive ein Mittel zum Zweck unter vielen sind. Auf Wissenschaftlichkeit wird laut gepfiffen – Hauptsache, irgendwas macht irgendwem panische Angst.

2.

Wie Bradbury hat auch Matheson kein Interesse an Hard-Science-Fiction.

Stephen King in »Danse Macabre«, seinem Buch über die Welt des Horrors in Literatur und Film

Ray Bradbury (»Die Mars-Chroniken«, »Fahrenheit 451«, »Das Böse kommt auf leisen Sohlen«) und Richard Matheson (»Ich bin Legende«, »Die seltsame Geschichte des Mr. C.«) gehören zu Kings großen Helden. Seine technologieskeptische Semi-Zombie-Romanapokalypse »Puls«, in dem ein Mobiltelefonsignal telefonierende Menschen in rasende Bestien verwandelt, widmet King neben der Untoten-Großchoreografen-Legende George A. Romero auch Matheson, der in »Ich bin Legende« (1954) postapokalyptische SF mit horrorszenarischen und vampirischen Elementen verbindet. Das interessiert King. Was ihn (ebenso wenig wie Matheson oder Ray Bradbury) nicht interessiert, sind für Hard-SF typische Dinge wie Glaubwürdigkeit, Logik, wissenschaftliche Details oder naturwissenschaftliche Faktizität. Denn:

3.

Tatsache ist, dass er [Stephen King] das Übernatürliche als eine austauschbare Requisite benutzt, um auf den konventionalisierten Emotionen seiner nicht gerade aufregenden Charaktere herumzureiten. Kein Wunder, dass King so wenig Gedanken an die Logik seiner übernatürlichen Szenarios verschwendet: Sie sind tatsächlich gar nicht der Fokus seines Werks.

S. T. Joshi im Stephen-King-Essay des ersten Bandes seiner Studie »Moderne Horrorautoren«

Sunand Tryambak Joshi, geboren 1958, ist ein amerikanischer Literaturwissenschaftler und Rezensent, zu dessen scharfem Profil nicht nur eine ausgezeichnete Kennerschaft des Fantastischen und ein sehr entschiedenen und scharfen Wertungen verpflichtetes Kritikerethos gehören, sondern auch eine ausgeprägte und mal gut, mal nicht so gut begründete Abneigung gegen das Werk Stephen Kings. Abgesehen von den dann doch eher behaupteten Konventionen, nicht gerade aufregenden Charakteren und Logikschwächen ist der von Joshi gemachte (und zunächst einmal grundsätzlich wertungsfreie) Punkt ein sehr guter. Kings übernatürliche Szenarien, mögen sie der Science Fiction, der Fantasy, dem Horror oder irgendetwas dazwischen entlehnt sein, sind Anschübe, Ausstattungsrequisiten, Kulissen, Kulminationen und außerdem – bei aller Liebe – selten originell, was sie auch gar nicht sein wollen. Nimmt er sie, wie die extraterrestrische Sporen-Invasion in »Duddits – Dreamcatcher«, zu sehr in den Fokus, geht es mehr oder weniger in die Hose. Anders gesagt:

4.

Ich kann wirklich nur eines machen, nämlich über die gewöhnlichen Dinge schreiben und sie mit dem Fantasy-Element aufpolieren – das sich in meinem Fall allzu häufig als morbid erweist.

Stephen King im Interview mit Mat Schaffer

Das ist dann vielleicht doch ein wenig zu bescheiden. Die höchst spekulative, weil ihrerseits von der klassischen bis altmodischen SF-Angst vor dem Kontakt mit fremden Wesen gespeiste Erklärung dafür, warum in »Die Arena« die Kleinstadt Chester’s Mill durch eine gigantische transparente Kuppel von der Außenwelt abgeschnitten wird und sich in die Hölle, das heißt einen faschistischen Polizeiministaat verwandelt, verpasst der treffsicheren Parabelhaftigkeit des Erzählten einen zusätzlichen Dreh. Die Schöpfer der Kuppel sind außerirdische Kinder, und ihr Blick auf ihre Schöpfung und deren Auswirkungen ist der Blick des römischen Spielarena-Publikums, dem Gladiatorenkämpfe und Tierhetzen geboten werden. Es ist der emotionslose, aber neugierige Blick des Verhaltensforschers auf seine Versuchsanordnung. Es ist der grinsende Blick der Kinder, die am Anfang von Sam Peckinpahs Western The Wild Bunch (1969) Skorpione mit Ameisen kämpfen lassen und die Tiere schließlich bei lebendigem Leib verbrennen. Es ist ebenso der fetischistische Blick des Aquariumbesitzers, der ein paar Piranhas hineinwirft, um seine friedliche, gemächlich vor sich hin dümpelnde, künstliche kleine Wasserwelt ein wenig aufzumischen. Und schließlich ist es der mit hohem Auflösungsvermögen ausgestattete Blick des Autors Stephen King auf die ihm zwar heimelige, aber offenbar zunehmend unheimlicher werdende eigene literarische Weltschöpfung, in diesem Fall mal wieder der des vor die Alien-Hunde gehenden Durchschnittsstädtchens. Das kann man gern morbid nennen. Plausibilität – eh eine schwierige Angelegenheit, wenn es um fantastische Kunst geht – und ein höheren SF-Connaisseursansprüchen genügendes motivisches Konstruktionsniveau spielen demgegenüber eine ziemlich geringe Rolle. Kings SF-Bausteine sind funktionale Sockenpuppen.

5.

Das war die beste Metapher für Drogen und Alkohol, die mein müdes, überspanntes Hirn ersinnen konnte.

Stephen King in »Das Leben und Schreiben« über »Das Monstrum – Tommyknockers«

Dieses Mal ist Kings Bescheidenheit nicht unbedingt fehl am Platz. In »Das Monstrum – Tommyknockers«, seinem ersten und eher subtil geführten Krieg der Welten, lässt der Autor eine Kleinstadteinwohnerschaft dank eines ausgegrabenen Raumschiffs zu Wesen mutieren, die zunehmend den lange verstorbenen Raumschiffpiloten zu ähneln beginnen, wobei die von der Alien-Technologie Infizierten ihre zunächst als geistige und körperliche Verbesserungen auf tretende Verwandlung größtenteils begrüßen. Es ist für das, was Drogen und Alkohol aus Menschen machen können, keine imaginationsrevolutionäre, aber auch keine ganz schlechte Old-School-SF-Metapher, die dem seinerzeit drogen- und alkoholkranken King hier einfällt. Allerdings führen seine fortschrittsskeptisch getönten Technikspielereien dazu, dass die in seinen zahlreichen gekonnten Momenten alles miteinander in Fluss bringende erzählerische Grundentspanntheit einer beinahe eklektizistischen Zähigkeit weicht. Das belegt auch sein zweiter, ähnlich kruder Welten-Krieg. »Duddits – Dreamcatcher« ist unmittelbar an H. G. Wells, aber auch an Alarm im Weltall (1956) und die vom Romancier Jack Finney erdachten, sich durch etliche filmische Adaptionen und Anlehnungen gestaltwandelnde Körperfresser-Invasoren angelehnte Paranoia-SF und unverkennbar Kings angestrengter Versuch einer Hommage an die amerikanischen SF-Katastrophenfantasien der Fünfziger- und Sechzigerjahre. Es hat den Anschein, als lenke die SF, so sie sich zu offensiv in den Vordergrund drängelt, King von den wichtigen Dingen ab.

6.

»Dracula« war ein Triumph von Wissenschaft und Rationalismus über Aberglauben, daher sollte mein Buch [»Brennen muss Salem«] ein Triumph von Aberglauben über Vernunft und Rationalismus werden.

Stephen King im Gespräch mit Marty Ketchum, Pat Cadigan und Lewis Shiner

Bram Stokers »Dracula« ist ein quasi fortschrittsfreudiger, aufschreibesystematischer Roman, in dem datenkommunizierende technische Einrichtungen über die böse Magie der aus gutem Grunde abergläubischen alten Welt triumphieren. Nicht nur in seinem Vampirroman »Brennen muss Salem« (1975) zeigt King, dass ihn dieses Thema allerhöchstens in umgekehrter Richtung interessiert. Die Welt bewegt sich weiter, aber nicht in eine utopisch verheißungsvolle Zukunft, denn wie sagen die Liebenden Sadie Dunhill und Jake Epping im Zeitreise-Kennedy-Attentat-Roman »Der Anschlag« einander:

»Wird sie mir gefallen, Jake? Deine Welt?«
»Das hoffe ich, Schatz.«
»Ist sie sehr anders?«
Ich lächelte. »Die Leute zahlen mehr für Benzin und haben mehr Knöpfe zu drücken. Sonst ist sie ziemlich gleich.«

Ein waschechter SF-Autor zeigt mehr Enthusiasmus.

7.

Frage: Was hat Ihnen als Kind Angst gemacht?
Stephen King: Monster, Marsianer. Ray-Bradbury-Marsianer und H.-G.-Wells-Marsianer.

Stephen King im Interview mit Edwin Pouncey

Monster, Marsianer – es ist egal, welchen genregenetischen Ursprungs die hässlichen Viecher sind, die einem Angst einjagen. Hässliche Viecher sind sie alle gleichermaßen. King ist ein nach wie vor so begeistertes wie bekennendes Kind der populären Genre-Künste der Fünfziger- und Sechzigerjahre, der Comics, Pulp-Magazine und in Double Features präsentierten Monsterfilme. Seine Science Fiction ist eine besonders weiche.

8.

Stephen King macht sich Sorgen um die Zukunft.

S. T. Joshi gegen Ende seines King-Essays

In der Tat. Apokalyptische und postapokalyptische Fiktionen lassen sich bei King zu einer ganzen (und nicht gerade schmalen) Werkgruppe subsumieren. Den knackig-trockenen B-Movie-Dystopien wie »Todesmarsch« oder »Menschenjagd«, die sein Alter Ego Richard Bachman verantwortet, stehen ein Endzeit-Epos wie »The Stand – Das letzte Gefecht« und der in Grünewald- oder Bosch-tauglicher eschatologischer Monstervielfalt schwelgende Kurzroman »Der Nebel« zur Seite. Dem Science-Fiction-Schriftsteller Stephen King macht es Spaß, sich das Ende der Menschheit auszumalen.

9.

In Alien muss man das konstante Motiv der Dunkelheit nicht eigens erwähnen. »Im Weltraum hört dich niemand schreien«, lautete ein Werbeslogan; er hätte auch lauten können: »Im Weltraum ist es immer eine Minute nach Mitternacht.« In diesem lovecraftschen Abgrund zwischen den Sternen dämmert es niemals.

Stephen King in »Danse Macabre«

Ridley Scotts Alien (1979) ist inhaltlich-technisch ein Science-Fiction-Film, formal-motivisch jedoch ein Horror-Film, in dem ein Monster im Raumschiff den Spuk im verfallenen Schloss ersetzt und die Möglichkeiten der Expansion des Terrestrischen mit eher pessimistischen, angsterfüllt aufgerissenen Augen betrachtet werden. Der Weltraum ist unendliche Geisterstunde, der Raum zwischen den Sternen ein ewig dunkler Abgrund. Howard Phillips Lovecraft ist der wahrscheinlich größte unter Stephen Kings Großen Alten Hausgöttern (und, wie man weiß, nicht nur unter seinen). Lovecraft nennt den von ihm evozierten bzw. vertretenen bzw. angestrebten literarischen Horror nicht umsonst einen kosmischen, was sowohl im buchstäblichen als auch im philosophischen Sinne einen Platzhalter für ein sehr emphatisches Morbides bildet. So ist auch Kings »Es«, die titelgebende Kreatur seines trotz seiner Schwächen und wegen seiner evidenten Stärken vielleicht konsensfähigsten Romans, »eine SPINNE aus einem Jenseits von Zeit und Raum«, ein einem »Makroversum« entstammender »Vertilger von Welten« und damit ein Beispiel für SF als Chiffre des Fremden, Anderen, Monströsen, Bedrohlichen, schlicht: eine außerirdische Lebensform. Außerirdische Lebensformen kümmern sich, wie schon Lovecraft wusste, im Zweifelsfall weniger um menschliche Moral. Was bedeutet das genau?

10.

Specifically, this meant … the depiction of vast gulfs of time and space by the creation of huge monsters who rule the universe and who, far from being hostile to human beings, are utterly indifferent to them and occasionally destroy them as we might heedlessly destroy ants underfoot. These entities … are worshipped as »gods« by their human followers, but in reality most of them are mere extraterrestrials who are guided by their own motives and purposes.

S. T. Joshi über H. P. Lovecrafts Monstergötter-Pantheon

In der ihm eigenen erbarmungslosen Art erledigt King-Hasser und Lovecraft-Liebhaber Joshi damit die Rede vom Cthulhu-Mythos. Die (imaginäre) Quasi-Mythologie, deren Erfindung Lovecraft zugeschrieben wird, beruht auf einem Missverständnis. Die »Götter« sind Außerirdische. Das macht sie nicht weniger monströs und damit das Lagerdenken »SF versus Horror« obsolet.

11.

Ein Film, den ich mit Sicherheit nie vergessen werde, ist Earth vs. the Flying Saucers (dt: Fliegende Untertassen greifen an) mit Hugh Marlowe in der Hauptrolle; es war grundsätzlich ein Horror-Film, der sich als Science Fiction verkleidet hatte.

Stephen King im Interview mit dem Playboy

King bringt seine von der SF-Enzyklopädie beobachtete Poetik, Schauergeschichten in SF-Klamotten zu kleiden, um eine Ecke selbst auf den Punkt. Seine Science-Fiction-Motive sind so etwas wie Science-Fiction-MacGuffins. Wobei es (siehe oben) ja sowieso keine entscheidenden ästhetischen Fragen berührt, welches Genre sich wie dick oder dünn als welches andere Genre verkleidet und wie viele Kostümlagen dabei zusammenkommen.

12.

Wir haben es hier mit einem genialen Geist-im-Computer-Einschienenzug zu tun, der Rätsel mag und mit Überschallgeschwindigkeit fährt. Herzlich willkommen in der Fantasy-Version von Einer flog über das Kuckucksnest.

Blaine der Mono aus »tot.«, dem dritten Band des Dunkler-Turm-Zyklus, in der Charakterisierung Eddie Deans

Diese seltsame, an den emotional instabilen Supercomputer HAL 9000 aus Stanley Kubricks 2001: Odyssee im Weltraum erinnernde künstliche, »wahnsinnige und nicht menschliche Intelligenz« (wie es in »tot.« heißt) in Zug-Gestalt ist nur eine von unzähligen aberwitzigen Kreaturen, Erfindungen, Ideen und populärkulturindustriell vorgefertigten Zu- und Zitaten, die Kings als Massenschwerpunkt seines Gesamtwerks gedachte Überlangerzählung von der Suche des letzten Mittwelt-Revolvermannes Roland Deschain nach dem Dunklen Turm bevölkern und antreiben. Der achtbändige Zyklus mischt Fantasy, Horror, Science Fiction, Western, Märchen, Mythen, Chanson de geste, gar Autobiografisches und einiges mehr hemmungs-, aber alles andere als geistlos durcheinander, sodass es nun wirklich egal ist, welches Genre sich wie verkleidet. Auch die schrägeren, grotesken, der Kante zum Albernen, Grobgezimmerten und Überkonstruierten nahen Einfälle wie eben der der rätselsüchtigen, verquasselten und manisch-depressiv-suizidalen Einschienenbahn funktionieren und verfugen sich dank Kings lesbar befreit blühender Erzähllust auf bemerkenswert eklektizismusfreie Weise. King will die Genres nicht hinter sich, sondern miteinander tanzen lassen, alle Geschichten erzählen, die in Genres erzählt werden und die Gründe dafür, warum sie in Genres erzählt werden, gleich mitliefern. Vielleicht ist das kein schlechter Entwurf für eine Literatur der Zukunft.

13.

Die Geschichte, von der ich hier spreche, handelte vom Bergbau im Asteroidengürtel und gehörte zu seinen [gemeint ist der Pulp-Schreiber Murray Leinster] weniger erfolgreichen Versuchen. Das ist noch höflich ausgedrückt. In Wirklichkeit war es eine furchtbare, mit eindimensionalen Figuren bevölkerte Geschichte, deren Handlung die seltsamsten Volten schlug … »Bergbau im Asteroidengürtel« (so hieß das Buch nicht, aber es käme hin) war ein wichtiges Buch für mich als Leser.

Stephen King in »Das Leben und Schreiben« über ein frühes und prägendes Leseerlebnis

Die Literatur der Zukunft (und eine andere gibt es ab sofort schließlich gar nicht mehr) wird nicht nur von der guten, sondern auch der schlechten Literatur der Vergangenheit geprägt. King pflegt nicht nur eine Liebe zum Schund, sondern auch eine Liebe zum Lehrreichtum von Schund. Und eigentlich ist es eine seltsame Volte, dass die Nennung von Genrenamen meist nach einem Respektabilität missenden Akkord tönt – es ist keine Literatur, sondern Science-Fiction. Das könnte mit von genrekünstlerischen Popularitätsphänomenen inspirierter Denkfaulheit zusammenhängen; in Kings Worten: »Kritiker und Literaturwissenschaftler haben bei Publikumserfolgen schon immer Verdacht geschöpft. Oft ist diese Vorsicht gerechtfertigt. Ebenso oft ist sie nur ein Vorwand, um nicht denken zu müssen. Es gibt nichts Fauleres als wirklich intelligente Menschen; sobald sie die geringste Möglichkeit sehen, legen sie die Riemen ein und lassen sich treiben, oder besser: dösen nach Byzanz.«

14.

Gute Werke sind nicht Western, Krimis, Horror oder Science Fiction. Gute Werke sind eben gute Werke.

Stephen King im Interview mit Joyce Lynch Dewes Moore

 

Dieser Essay erscheint zusammen mit vielen anderen interessanten Texten im SCIENCE FICTION JAHR 2014.

Sven-Eric Wehmeyer, Fantastik-Experte und Redakteur, hatte im vergangenen Jahr ebenfalls eine Begegnung der anderen Art: Er traf Stephen King persönlich.

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