18. Juli 2016 2 Likes

Rohbau

Warum wir über das Reden über die Zukunft reden sollten

Lesezeit: 6 min.

Die Zukunft, so geht die Metapher, ist eine Baustelle. Dass die Zukunft aber auch eine echte Baustelle sein kann, mit reichlich Stahl und Beton und hin und her fahrenden Lastwagen, ist aktuell in Berlin zu besichtigen; dort, in Wurfweite des Kanzleramts, entsteht ein Gebäude, in dem im Laufe des Jahres 2017 die Zukunft einziehen wird: das „Futurium“.

Derzeit sieht man von diesem „Haus der Zukunft“ also nur den Rohbau, und auch an dem, was darin einmal konkret ausgestellt werden soll, wird noch munter gebastelt und konzipiert. Denn im „Futurium“ (das von der Bundesregierung sowie einer Handvoll Forschungseinrichtungen, Stiftungen und Unternehmen getragen wird) soll die Zukunft den Besuchern nicht wie sonst oft nach dem Prinzip „Und hier sehen Sie die fliegenden Autos, und dort die Fusionsreaktoren“ vorgesetzt werden, sondern man möchte sie spielerisch in mehrere Optionen, in mehrere mögliche Zukünfte, auffächern. Nicht „Was bringt die Zukunft?“ soll gefragt und visualisiert werden, sondern: „Was wollen wir, dass die Zukunft bringt?“. Einen solchen Ansatz finde ich prinzipiell spannend, und so ließ ich mich nicht zweimal bitten, als man mich zu einem Workshop einlud, in dem Ideen zu den gestalterischen Details des „Futuriums“ gesammelt werden sollten.

Dieser Workshop fand vor einigen Tagen in Berlin statt, und ohne allzu viel über ein sich noch in der Planungsphase befindliches Projekt zu verraten: Die Zusammenkunft bot nicht nur einen interessanten Einblick in die Methoden der Wissensvermittlung, sie bildete in konzentrierter Form auch eine denkbar diffuse Diskussion ab, die in der Gesellschaft tagtäglich geführt wird: die Diskussion über die Zukunft. Diffus deshalb, weil sich im Reden über die Zukunft soziologische Trends, kommerzielle Hypes, kontingente Ereignisse, Wunsch- und Angstprojektionen und nicht zuletzt Science-Fiction-Fantasien auf chaotische Art und Weise vermischen und sich, wenn man nicht gerade professionell damit befasst ist, kaum ausdifferenzieren lässt, wer hier eigentlich mit wem über was redet. Wir haben die Zukunft zu einem dicken diskursiven Klumpen verbacken und wundern uns, warum dieser Klumpen so opak ist. In anderen Zusammenhängen wäre das wohl ein kurioses Beispiel für Metakommunikation, aber in Sachen Zukunft ist der Befund eher betrüblich, denn wenn alle irgendwie für die Zukunft zuständig sind, dann ist es irgendwie auch niemand, und das kann auf Dauer nicht gut gehen.

Wie gesagt, prägte dieser diffus-opake Charakter der gesellschaftlichen Zukunftsdebatte auch den „Futurium“-Workshop. Und doch ergaben sich nützliche Erkenntnisse, denn je länger wir unsere Argumente austauschten, desto deutlicher wurde, dass die Art und Weise, wie die Gesellschaft über die Zukunft redet, durchaus Regeln folgt – Regeln allerdings, die gerade deshalb so schwer zu erkennen sind, weil wir sie nicht als Regeln wahrnehmen, sondern als Selbstverständlichkeiten. Anders ausgedrückt: Unser Reden und Nachdenken über die Zukunft wird von impliziten Annahmen bestimmt, für deren kritische Hinterfragung kein Format zur Verfügung steht. Hier, in unsortierter Reihenfolge, einige dieser Annahmen:

1) Die Annahme der Offenheit. Wir gehen instinktiv davon aus, dass die Zukunft entscheidend von überraschenden Wendungen und spontanen Ereignissen („Wild Cards“, „Black Swans“, etc.) geprägt sein wird, die unmöglich vorherzusagen sind. Das verleiht der Zukunftsdiskussion zwar eine gehörige Portion Dramatik, es verdrängt aber gleichzeitig die Tatsache, dass die Zukunft längst nicht mehr der leere Raum ist, als den sie die Neuzeit in revolutionärer Abkehr von zyklischen und linearen Geschichtsmodellen früherer Jahrtausende definierte. Wir haben diesen Raum, also die Welt, in der unsere Kinder und Enkel und Urururenkel leben werden, nämlich inzwischen ziemlich vollgestellt. Die erhöhte CO2-Konzentration in der Atmosphäre, der vor sich hin strahlende Atommüll, das Verschwinden unzähliger Tier- und Pflanzenarten – nichts davon ist in der Zeit, die wir überblicken können, reversibel. Die Zukunft tanzt in zunehmendem Maße nach dem fatalen Rhythmus der Gegenwart.

2) Die Annahme der Hierarchielosigkeit. Wie so viele andere Diskursobjekte haben wir auch die Zukunft segmentiert, haben sie in voneinander abgegrenzte „Themen“ aufgeteilt: die Zukunft der Medizin, die Zukunft des Verkehrs, die Zukunft der Demokratie, was immer. Das ist praktisch und vermutlich auch notwendig, aber es suggeriert, dass alle diese Themen gleich bedeutend sind, dass jedes dieser Themen eine Zukunft haben wird. Wenn wir aber – Thema Umwelt – die natürlichen Lebensgrundlagen der Menschheit weiter so herunterwirtschaften, wie wir das gerade tun, wird sich die Diskussion über fast alle anderen Themen erübrigen oder zumindest radikal verengen; und wenn wir – Thema Biotechnologie – damit beginnen, die menschliche Keimbahn zu manipulieren, könnte es sein, dass wir das verändern, was uns überhaupt erst ermöglicht, über die Zukunft nachzudenken. Es stimmt, dass in der Zukunft vieles wichtig sein wird. Aber das eine wird wichtiger sein als das andere.

3) Die Annahme der Ideologiefreiheit. Jene, die eine ganz bestimmte gesellschaftliche Zukunft planen (oder auch nur grob zu skizzieren versuchen), sehen sich regelmäßig dem Vorwurf ausgesetzt, dass sie damit ein ideologisches Programm verfolgen, dass sie ihre persönliche Sichtweise der gesamten Gesellschaft überstülpen wollen. Dieser Vorwurf ist in einzelnen Fällen sicher berechtigt, in toto wäre er aber nur gerechtfertigt, wenn das Modell, das damit verteidigt werden soll – das Modell der Reaktion auf und der Anpassung an von uns initiierte Vorgänge, das der überwiegende Teil der Weltgemeinschaft derzeit praktiziert –, ideologiefrei wäre. Ist es aber nicht. Es gehorcht in fast jeder Hinsicht jener Ideologie, in der wir uns zu leben entschlossen haben: die Ideologie einer Marktgesellschaft, die ihre Grenzen immer weiter verschiebt und alles, was ihr dabei im Weg steht, einpreist. Es ist eine Binsenwahrheit, aber nichtsdestoweniger eine Wahrheit: Die Ideologie, in der man seinen Alltag verbringt, nimmt man nicht als Ideologie wahr.

4) Die Annahme der Gemeinsamkeit. „Gemeinsam schreiben wir Geschichte – die der Zukunft“ war unlängst auf einem Werbeplakat von BMW zu lesen. Man könnte das mit einem Achselzucken abtun – es steht ja nicht gerade selten irgendein Quatsch auf Werbeplakaten –, wenn hier nicht emblematisch die weitverbreitete Illusion zum Ausdruck käme, dass wir alle an der Gestaltung der Zukunft beteiligt sind. Aber wer ist eigentlich „wir alle“? Zählt die Näherin in Bangladesch dazu, die dafür sorgt, dass unsere Kleidung so billig ist? Zählt der Bewohner von Tuvalu dazu, dem das Wasser zu den Knien steht? Zählen Sie dazu? Und wenn ja, in welchem Ausmaß sind Sie denn an der Gestaltung der Zukunft beteiligt? Oder ist es nicht eher so, dass in genau diesem Moment über die Zukunft entschieden wird – von Konzernen, von Bürokratien, von anonymen Apparaten –, und niemand von uns ist dabei?

5) Die Annahme des säkularen Wunders. In jeder Diskussion über die Zukunft, an der ich teilnehme, entwickelt sich früher oder später ein Sog Richtung Hightech, dem man sich nur schwer entziehen kann; die jahrzehntelange Verbildlichung und Verdinglichung der Zukunft durch die Hollywood-Science-Fiction hat hier ihre deutlichen Spuren hinterlassen. Nun mag das ja immer mal wieder spaßig und auch angebracht sein – selbstverständlich wird es in der Zukunft unglaubliche Gadgets und technische Lösungen für allerlei Probleme geben –, stünde hinter der Hoffnung auf künftige Hightech-Wunder nicht die viel größere und bedenklichere Erwartung, dass unbedingt etwas erfunden werden soll, was die Zukunft wieder leuchten lässt, was die gegenwärtigen Sorgen und Nöte auf magische Weise transzendiert. Aber obwohl wir inzwischen von Wundermaschinen umgeben sind, die Generationen von Science-Fiction-Autoren nur imaginieren konnten, haben wir immer noch Sorgen und Nöte. Alte Sorgen und Nöte. Und jede Menge neue.

Nun glaube ich natürlich nicht, dass unser Reden und Nachdenken über die Zukunft in der Zukunft nicht mehr von diesen oder weiteren autosuggestiven Annahmen geprägt sein wird; es ist eine Eigenart unserer Spezies, dass wir die Konstruktion, an der wir uns festhalten, nicht als Konstruktion wahrnehmen. Aber wenn ein Projekt wie das „Futurium“ die eine oder andere dieser Annahmen auf kluge Weise sichtbar macht und darauf hinweist, dass jede Art von Zukunft politisch erarbeitet und letztlich auch politisch erkämpft werden muss, wenn ein solches Projekt also zum Reden über das Reden, zum Nachdenken über das Nachdenken anregt, dann wäre das schon ein erster wichtiger Schritt weg von einer Zukunft, auf die wir uns gerade zubewegen und die eigentlich niemand ernsthaft wollen kann. Ich jedenfalls schaue mir das nächstes Jahr in Berlin mal an. Vielleicht sehen wir uns ja dort.

In der Zukunft.
 

Sascha Mamczaks Buch „Die Zukunft – Eine Einführung“ ist im Shop erhältlich. Alle Kolumnen von Sascha Mamczak finden Sie hier.

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