19. Dezember 2016 3 Likes

Die Tatsachen der Zukunft

Zum Jahresausklang: Wer wir sind, wer wir sein können

Lesezeit: 5 min.

Wer sind wir?

Auf den ersten Seiten seines Romans „Die drei Sonnen“ schildert der chinesische Science-Fiction-Autor Cixin Liu eine Szene, wie sie im China der Kulturrevolution wohl alltäglich war: Ein Universitätsprofessor wird von jungen Rotgardisten in einem öffentlichen Tribunal reaktionärer Lehren bezichtigt und aufgefordert, seine Sünden zu bekennen. Diese „Kampf- und Kritiksitzung“ ist ein so schockierendes wie absurdes Ereignis, denn eigentlich geht es gar nicht darum, dem Professor, ein Physiker, irgendein Fehlverhalten nachzuweisen; es geht darum, der gesamten Realität ein Fehlverhalten nachzuweisen: „Wenn wir eine revolutionäre Wissenschaft aufbauen wollen, müssen wir die schwarze Fahne der bourgeoisen Theorien vernichten, für die die Relativitätstheorie nun mal ganz maßgeblich steht …“ Und so weiter. Was in den Köpfen der Ankläger einmal menschliche Empathie oder auch nur gesunder Menschenverstand gewesen sein mag, hat sich in ein groteskes hermetisches Sinnkonstrukt verwandelt, dessen Deutungsanspruch keine Grenzen kennt.

Cixin Liu beginnt seinen Roman also ziemlich effektvoll mit einem der dunkelsten Momente der Menschheitsgeschichte: Maos von 1966 bis 1976 währende Kulturrevolution verwüstete, ähnlich wie der Nationalsozialismus in Deutschland oder die Roten Khmer in Kambodscha, die kollektive Psyche eines ganzen Volkes. Und doch ist es kein außergewöhnlicher Moment, keine Ausnahme in der Geschichte der Menschheit: Wir sind eben Lebewesen – die einzigen dieser Art auf dem Planeten –, die die Fähigkeit besitzen, Ausgedachtes, Fabriziertes, Imaginiertes erst zu einer Welterklärung und dann zu einem Handlungsauftrag zu machen. Wir sind mühelos in der Lage, uns etwas vorzustellen, was mit der Wirklichkeit nicht unbedingt viel tun hat – einen Gott, einen historischen Mechanismus, eine unsichtbare Hand –, und daraus eine Wirklichkeit zu konstruieren. Diese Fähigkeit hat uns oft geholfen, uns selbst zu disziplinieren und sogar eine Moralkultur zu entwickeln; aber viel öfter hat sie Menschen dazu gebracht, sich über andere Menschen – und über sämtliche nichtmenschlichen Geschöpfe – zu erheben und ihnen das Recht darauf abzusprechen, so zu leben, wie sie leben wollen. Viel zu oft in ihrer Geschichte haben sich Menschen tödliche Märchen erzählt.

Auch die Zukunft ist davon nicht verschont geblieben, natürlich nicht: Gerade die Zukunft sollte ja im Sinne einer bestimmten Ideologie oder Religion geformt und erobert werden. Ja, die Zukunft ist der eigentliche Bezugspunkt der tödlichen Märchen, hier ist ihr Deutungsanspruch am Umfassendsten, denn die Zukunft kann man nicht auf die Wirklichkeit applizieren; seit sich die Zukunft als gestaltbarer Raum im kollektiven Bewusstsein der Menschheit entfaltet hat, ist sie etwas Ausgedachtes, Fabriziertes, Imaginiertes, das Wirklichkeit zu werden beansprucht; seit die Menschen begriffen haben, dass sie die Zukunft in ihrem Sinne formen und erobern können, haben sie Kräfte freigesetzt, die Goethes berühmten Zauberlehrling vor Neid erblassen lassen.

Und trotzdem reden wir mehrheitlich über die Zukunft, als ginge es darum, einen netten, kleinen Wochenendausflug zu organisieren. „Was bringt die Zukunft?“, fragen wir regelmäßig, wenn sich ein Jahr dem Ende zuneigt, und orakelartige Autoritäten antworten: autonome Fahrzeuge, sprechende Kühlschränke, virtuelle Brillen, intelligente Kleidung, Cybergeld. Und wir denken: Wie schön, wie faszinierend, wie aufregend. Aber natürlich ist das nicht die Zukunft, sondern nur die Zukunft, von der wir hören wollen: in der uns der Alltag erleichtert wird, in der wir umfassend bespaßt werden – es ist die Zukunft, in die wir uns flüchten. Die eigentliche Zukunft klingt ganz anders: Klimaerwärmung, Flüchtlingsströme, Ressourcenkriege, Artensterben, Dürren, Hungerkatastrophen. Die eigentliche Zukunft ist ein Alptraum, aus dem man einfach nicht erwacht. Natürlich haben wir von dieser Zukunft gehört, aber was fangen wir damit an? Oder anders gefragt: Was fangen wir mit den Menschen an, die in dieser Zukunft leben werden?

Die Frage ist komplizierter, als sie scheint, denn obwohl wir wissen, dass wir die Zukunft „machen“ (schließlich fahren wir auf Straßen, die frühere Menschen gebaut haben, zahlen ihre Schulden ab, planen Endlager für ihren Atommüll), glauben wir immer noch fest daran, dass die Zukunft ein Raum voller Möglichkeiten ist: Irgendjemand wird doch ganz bestimmt etwas erfinden, das … Die Wahrheit aber ist, dass wir die Zukunft – die Menschen der Zukunft – peu à peu ihrer Möglichkeiten berauben. Die Menschen der Zukunft werden hauptsächlich damit beschäftigt sein, mit der Wirklichkeit zurechtzukommen, die wir für sie erzeugt haben werden. Für diese Menschen ist die Zukunft, die wir hier und jetzt imaginieren und fabrizieren, eine schlichte Tatsache, und nichts spricht dafür, dass die Menschen der Zukunft freier, gesünder, zufriedener leben werden als wir heute. Es mag selbstverständlich klingen, aber eigentlich ist es kontraintuitiv, eigentlich wollen wir es nicht wahrhaben: Diese Zukunft findet bereits statt; diese Zukunft ist real.

Also noch einmal: Was fangen wir – hier, jetzt – damit an? Nachdenkliche Leute wundern sich, warum nicht Millionen von Menschen rund um die Welt auf die Straßen gehen, um die Menschen der Zukunft vor dieser Zukunft zu bewahren; warum man nicht so etwas wie einen „globalen Notstand“ ausruft und entsprechende Maßnahmen beschließt. Aber wie der kommende US-Präsident einmal richtig bemerkte: „Es gibt keine globale Hymne, keine globale Währung. Wir schwören nur einer Flagge Treue, und das ist die amerikanische Flagge.“ Und so gibt es auch kein „wir“, und alles Gerede in den Kaffeehäusern des Westens über „die“ Menschheit oder „den“ Menschen ist solange Heuchelei, solange wir nicht nur die echten Kosten unserer Art zu leben und zu wirtschaften auslagern, sondern auch die Betroffenheit darüber: an Moralinstanzen, an NGOs, an „Gutmenschen“. Kann es sein, dass die Zukunft gerade ihren dunkelsten Moment hat?

In Cixin Lius „Die drei Sonnen“ geht die Geschichte so weiter, dass die Tochter des bei dem Tribunal gequälten und schließlich ermordeten Physikprofessors viele Jahre später die Botschaft einer außerirdischen Intelligenz erhält: eine explizite Warnung davor, mit ihnen, den Außerirdischen, Kontakt aufzunehmen, denn dann wäre die Menschheit dem Untergang geweiht. Und die von ihren Mitmenschen zutiefst verbitterte Tochter antwortet: „Kommt her! Ich helfe euch dabei, unsere Welt zu erobern. Unsere Zivilisation ist nicht mehr in der Lage, ihre Probleme selbst zu lösen …“ Oberflächlich spielt der Autor mit dem klassischen Science-Fiction-Klischee, dass die Menschheit erst zu einem „wir“ wird, wenn sie sich einer Bedrohung von Außen gegenüber sieht, aber im Laufe des Romans begreift man, dass sich hier ein Lebewesen, Mensch genannt, selbst befragt: Sollen wir hoffen oder verzweifeln? Was können wir noch sein? Was können wir uns noch vorstellen?

Wir können uns Lebewesen vorstellen, die aus Mitgefühl handeln. Mitgefühl nicht nur für andere Menschen der Gegenwart, sondern auch für die Menschen der Zukunft und für die unzähligen nicht-menschlichen Geschöpfe der Gegenwart und Zukunft.

Wir können uns Lebewesen vorstellen, die in Bäumen, Flüssen, Bergen, Meeren nicht nur „Ressourcen“, nicht nur einen Zweck sehen, sondern etwas in sich und für sich Existierendes. Etwas in sich und für sich Schönes.

Wir können uns Lebewesen vorstellen, die sich als Teil von etwas Großem begreifen, nicht als das Große selbst. Als Teil eines sich stets verändernden und stets zerbrechlichen Netzwerkes von Verbindungen.

Wir können uns Lebewesen vorstellen, die nicht fragen: „Was bringt die Zukunft?“ Sondern: „Was wollen wir, das die Zukunft bringt?“

Wir können uns diese Lebewesen vorstellen.

Wir sind diese Lebewesen.
 

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