28. März 2017 2 Likes

Alternative Fakten im Vaterland

Eine Neuausgabe von Robert Harris’ Alternativwelt-Klassiker „Fatherland“

Lesezeit: 3 min.

Der englische Journalist und Romancier Robert Harris schrieb schon über den antiken Redner und Politiker Cicero, die Wunder-Chiffrier-Maschine Enigma, die Wahl eines neuen Papstes und die Gefahr durch künstliche Intelligenz. Sein bekanntestes und erfolgreichstes Buch ist und bleibt allerdings „Vaterland“. In diesem Alternativweltroman, der in den Buchhandlungen eher dem Mainstream denn der Science-Fiction zugeordnet wird, beschrieb Harris bereits 1992 eine Welt, in der Hitler den Krieg gewonnen hat und Mitte der 60er über ein Großdeutsches Reich regiert, das einem von Propaganda und Paranoia beherrschen Polizeistaat entspricht. Zum 25-jährigen Jubiläum bekam der Klassiker und Longseller aus der Ecke der kontrafaktischen Geschichtsschreibung nun eine Neuausgabe mit durchgesehener, überarbeiteter Übersetzung und einem Nachwort von Robert Harris spendiert.

Die spannende Geschichte ist natürlich dieselbe wie eh und je: Die Nazis herrschen mit stählerner Faust über weite Teile Europas, im Osten führen sie einen wirkungslosen Partisanenkrieg, und das Verhältnis zu Amerika darf als kalter Krieg bezeichnet werden. In Berlin hat Albert Speer seine gigantomanische architektonische Vision Wirklichkeit werden lassen, während der Staat das Leben der Menschen klassifiziert, kontrolliert und lenkt. Im Schatten von Speers klotzigen Bauwerken gehört Kripo-Sturmbannführer Xaver March zu den vielen Polizeibeamten, die in die SS eingegliedert wurden – und zu den wenigen Menschen, die eigenständig denken und z. B. nicht in die Partei eintreten wollen. Eine brisante, unerwartet weitreichende Mordermittlung kurz vor den Feierlichkeiten zu Hitlers 75. Geburtstag und dem historischen ‚Entspannungs’-Besuch von US-Präsident Joseph Kennedy führt dazu, dass der systemkritische March, der längst auf der Abschussliste der Gestapo steht und sogar von seiner Ex-Frau und seinem kleinen Sohn denunziert wird, dem finstersten Geheimnis des Reiches auf die Spur kommt – einem von der Sorte, die einen für gewöhnlich umbringen, wenn man ihnen zu nahe kommt …

„Vaterland“ ist auch nach einem Vierteljahrhundert noch immer einer der besten Alternativwelt-Romane überhaupt. Das hat nicht zuletzt damit zu tun, dass die Story als perfekter Hardboiled-Krimi über einen starrsinnigen, angeschlagenen Cop ebenso überzeugt wie Harris’ drückender, düsterer Nazi-Parallelweltenentwurf. Hinzu kommt, dass die thematische Mischung aus Terrorismus, Paranoia, Überwachungsstaat, alternativen Fakten und rechtem Druck in Politik und Öffentlichkeit letztlich sogar aktueller denn je erscheint, wie der 1957 geborene Harris in seinem Nachwort selbst feststellt. In selbigem gibt der Brite zudem noch einen interessanten Einblick in die Entstehung seines Werks, das er kurz vor dem Mauerfall begonnen hat und danach fast nicht fertigbekommen hätte – und das am Anfang große Schwierigkeiten hatte, einen deutschen Verlag zu finden, da sich vor fünfundzwanzig Jahren erst niemand an den exzellent inszenierten Stoff herantraute. Die Hardcover-Erstausgabe in der Übersetzung von Hanswilhelm Haefs erschien schließlich bei Haffmanns und kletterte trotz zum Teil vernichtender Brandreden wie dieser im Spiegel Folgeauflage um Folgeauflage auf der Bestsellerliste nach oben. Seit 1993 ist das Taschenbuch bei Heyne lieferbar.

Anfang 2017 stellt „Vaterland“ eine großartige Verbindung zweier populärer Genres dar – und im Endeffekt Pflichtlektüre für alle, die mit der Fernsehadaption von Philip K. Dicks „Man In The High Castle“ derzeit ihren Spaß haben. Ende des Jahres erscheint im Original übrigens Harris’ neuer Roman „Munich“, in dem er in die realhistorische Vergangenheit Deutschlands eintaucht. Christopher Menauls TV-Verfilmung von „Vaterland“ mit Rutger „Blade Runner“ Hauer und Miranda Richardson aus dem Jahre 1994 kommt am 7. April dagegen erstmals auf DVD heraus.

Robert Harris: Vaterland. Durchgesehene und verbesserte Neuausgabe • Aus dem Englischen von Hanswilhelm Haefs • Heyne, München 2017 • 432 Seiten • Taschenbuch m. Klappenbroschur: 10,99 Euro

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