25. Dezember 2017 2 Likes 1

Feuer und Flamme

Nnedi Okorafors Roman „Das Buch des Phönix“

Lesezeit: 3 min.

Nnedi Okorafor, amerikanische Tochter nigerianischer Einwanderer, ist die Galionsfigur des gegenwärtigen Afrofuturismus. Sicherlich kann man sich aktuell ein paar Sorgen darüber machen, dass die Comic-Verlage in den Staaten die preisgekrönte Erfolgsautorin als vermeintliches One-Trick-Pony durch die Manege der Pseudo-Diversität zerren, aber andererseits gönnt man Okorafor den Erfolg abseits ihrer Prosa, und uns natürlich die Panel-Storys mit Black Panther und Co., die außerhalb ihrer markanten Bücher entstehen. Letztere haben auf Deutsch zum Glück inzwischen eine Heimat bei Cross Cult gefunden, wo sie in der guten Übersetzung von Claudia Kern und in der international bewunderten Titelgestaltung von US-Künstler Greg Ruth erscheinen. Nach dem magischen, in Lagos angesiedelten Erstkontaktroman „Lagune“ und der kritischen, postapokalyptisch-afrikanischen Science-Fantasy „Wer fürchtet den Tod“ kam Ende 2017 nun „Das Buch des Phönix“ heraus. Nominell handelt es sich dabei um das Prequel zu „Wer fürchtet den Tod“, das mit George R. R. Martin (im Shop) als Produzent von HBO adaptiert werden soll – man kann „Das Buch des Phönix“ jedoch komplett für sich lesen, und vermutlich ist es sogar das beste Buch für die erste Begegnung mit Nnedi Okorafor.

Ihre Protagonistin und Erzählerin Phönix sieht aus wie vierzig, ist in Wahrheit aber erst zwei Jahre alt. Sie gehört zu den vielen Wesen mit vornehmlich afrikanischen Genen, die in den sieben über die USA und die Karibik verteilten Türmen einer mächtigen Biotechnikfirma gezüchtet, erschaffen, studiert, seziert, verbessert, gequält und ausgenutzt werden, um z. B. Krankheiten zu heilen oder perfekte Waffen zu schaffen. Waffen wie Phönix, die mit der Macht eines lebenden Sonnensturms geboren wurde – und noch vielem mehr, wie Phönix und der Leser nach und nach erfahren. Eines Tages begehrt Phönix gegen die Gräuel auf, die ihr und den anderen Exemplaren in Gefangenschaft angetan werden. Sie flieht aus dem gut gesicherten Turmgiganten, dessen Rückgrat ein noch viel größerer Baum ist, erfährt die Wahrheit über ihre künstliche Natur und sagt der Firma hinter den Türmen den Kampf an, bevor die Wissenschaftler mit ihrem gierigen, skrupellosen Treiben die langsam im Meer versinkende Welt ganz vernichten. Phönix’ medienwirksame Flucht führt sie zunächst nach Afrika, doch das Feuer ihrer Auflehnung reicht wesentlich weiter …

Phönix’ Geschichte bietet ein wahres Feuerwerk an Ideen und Überraschungen, und eine immens menschliche Geschichte über grenzenlose Unmenschlichkeit. Während Okorafor in „Wer fürchtet den Tod“ immer mal den Holzhammer schwang, webt sie ihre kritischen Töne in „Das Buch des Phönix“ subtil in ihre Story ein, die ebenso futuristisch und endzeitlich daherkommt wie mythisch und märchenhaft. Denkende Baumriesen, außerirdische Lebensformen, Metamenschen und Supermänner wie aus dem Comic, Sheabutter, Cyborgs, Zeitreisen – Okorafors Roman ist ein wahrlich fantastischer, zudem wunderschön geschriebener Mix, der sich entsprechend frisch und faszinierend liest und so richtig flasht. Selbst die kurze postapokalyptische Rahmen- bzw. Zwischenhandlung entflammt einen heftiger als vieles, was andere Autoren auf zehn Mal so viele Seiten packen, obwohl es Okorafor am Ende etwas mit der Schreiblehrer-Kunstfertigkeit übertreibt.  

Nach der Lektüre kann man gar nicht anders, als Feuer und Flamme für das außergewöhnliche Schaffen von Okorafor zu sein. „Das Buch des Phönix“ ist nicht nur ihr bis dato bester Roman und einer der vier, fünf Science-Fiction-Titel, die man 2017 unbedingt gelesen haben muss. Es ist vor allem auch das Buch der Königin des Afrofuturismus, das man gelesen haben sollte, bevor die HBO-Serie von „Wer fürchtet den Tod“ realisiert wird und dann alle über Nnedi Okorafor reden.

Nnedi Okorafor: Das Buch des Phönix • Cross Cult, Ludwigsburg 2017 • 328 Seiten • Paperback m. Klappenbroschur: 18,00 Euro

Kommentare

Bild des Benutzers Time Tunnel

Hm, mir ging's umgekehrt, was die beiden Bücher angeht. Der "Holzhammer" ist mir bei "Das Buch des Phönix" viel deutlicher aufgefallen als bei "Wer fürchtet den Tod". Außerdem wirkt "Das Buch des Phönix" stellenweise wie schnell und überhastet runtergeschrieben.

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