17. Juni 2013

Social Fiction

„For the Win“ von Cory Doctorow

Lesezeit: 5 min.

Cory Doctorow muss enorm an Lebenserfahrung und sozialer Einsicht dazugewonnen haben, seit ich zum letzten Mal etwas von ihm gelesen habe. Denn um es gleich vorwegzunehmen: »For the Win« (im Shop ansehen) hat mich wirklich umgehauen. Von der Aufmachung und Inhaltsangabe her kommuniziert Heyne dieses Werk als Jugendbuch – was ich schade finde, denn aus diesem Grund hätte ich es beinahe nicht gelesen. Auch beginnt es mit einem Thema, mit dem nicht jeder automatisch vertraut ist:



Online-Games. Gleich zu Anfang beobachten wir den siebzehnjährigen Chinesen Matthew, wie er in einer schäbigen Wohnung an der Südküste der Volksrepublik mehrere Partien eines Internetspiels mit dem illustren Namen Svartalfheim Warriors gleichzeitig spielt, in dem es darum geht, gegen virtuelle Trolle und Monster zu kämpfen, um ebenso virtuelle Schätze und Bonuspunkte zu sammeln. Seine Person, sein Umfeld, seine Sprache werden genauso nerdig geschildert, wie ich es von Doctorow gewohnt bin – also eher kein Stil, der echte Literaturgefühle aufkommen lässt. Dachte ich. Doch ab Seite 12 erfährt der Roman eine düstere Wendung (und damit auch die Sprache und die »Message« des Buchs): Drei Männer dringen in Matthews Wohnung ein, bedrohen und misshandeln ihn – nicht weil wir uns hier in einem jugendlichen Abenteuerroman befänden und es um irgendeine dunkle Verschwörung oder Mächte des Bösen ginge. Sondern aus viel irdischeren Gründen: Matthew spielt im Auftrag eines kleinkriminellen Internetvermieters und hat seine Abgaben nicht gezahlt – mehr noch: Er sammelt in den Online-Games immer häufiger eigennützig Bonuspunkte.

Wer sich – wie ich – bisher nur wenig oder gar nicht mit der zunehmend komplexeren Welt der Internetspiele beschäftigt hat, wird sich nun fragen: Wovon zum Teufel spricht Doctorow hier? Wieso gibt es wegen simpler Spiele Morddrohungen? Und dann beginnt für uns das Lernen, im besten Stil jener Science Fiction, die nur einen Tag von der Gegenwart entfernt ist und Entwick­lungen – wirklich ernste Entwicklungen – aufzeigt, die man noch nicht kannte.

Wir springen nach Los Angeles, wo sich ein weiterer Jugendlicher namens Wei-Dong (der eigentlich ein stinknormaler Amerikaner namens Leonard ist) in eines der zahlreichen Online-Games einloggt und über Voice-Chat mit anderen Spielern in Kontakt tritt – wie es die Dramaturgie will, ausgerechnet mit Spielern in China. Und während sich die beiden austauschen, zeigt der Autor die Unterschiedlichkeit ihrer Lebenswelt auf: Wei-Dong kämpft lediglich gegen seine dominanten Eltern, während es für andere Spieler auf der Welt (nicht nur in China, auch in Indien, Indonesien und vielen weiteren Schwellenländern) ums nackte Überleben geht. Und nun erfahren wir auch, warum: Mittlerweile spielen nicht mehr nur ein paar Nerds im Internet, sondern Hunderte Millionen Menschen auf der ganzen Welt; und das Wichtigste: Sie zahlen dafür. Sie zahlen nicht nur für die Anmeldung und ihre Online-Identität, sie zahlen auch für viel bizarrere Dinge – etwa für »Abkürzungen« zu begehrten virtuellen Items und Bonuspunkten, oder sogar dafür, dass irgendein Jugendlicher in der südlichen Hemisphäre für sie weiterspielt, während sie in Europa oder in den USA schlafen gehen. Online-Spiele sind – und da ist Doctorows Vision beklemmend real – zu einem Milliarden-Dollar-Geschäft geworden, in dem nicht mehr ehrlich gespielt wird. Matthew etwa verpflichtet sich zu regelmäßigen Abgaben, da er im Team des Internetcafé-Betreibers Mr. Wing spielt (immerhin ist er einer der schnellsten und besten Angreifer, kann also in den programmierten Welten in Rekordzeit zu Bonus-Items kommen, für die anderswo echtes Geld gezahlt wird).

Und nun folgt das nächste literarische Aha-Erlebnis: Doctorow macht nicht bei dieser Schilderung halt, er nutzt sie nicht nur für einen Thriller-Plot um von ihren Auftraggebern gejagte Jugendliche. Nein, er geht weit darüber hinaus und nimmt uns mit in die Elendsviertel Südostasiens und des indischen Subkontinents, wo die Entwicklung schon einen Schritt weiter ist: Er zeigt uns Jugendliche, die das Online-Gaming trotz aller Ausbeutung als ganz normalen Arbeitsplatz nutzen, um ihrer tristen Situation zu entgehen. Eindrücklich gezeichnete Menschen mit einer erstaunlich »echt« wirkenden Biografie, wie etwa die Inderin Yasmin, die, hin- und hergerissen zwischen Tradition und Virtualität, zu einer Art Team-Leader für eine Horde von Kindern wird, die als Kampftrupp ganze Spielgebiete erobern und um ihre Schätze erleichtern – streng illegal, versteht sich, denn den riesigen Programmierfirmen von Coca-Cola, Facebook und anderen alten Bekannten ist es natürlich ein Dorn im Auge, dass die Spieler sich nicht brav einzeln durchschlagen (und Werbung konsumieren), sondern untereinander absprechen und das Gefundene am Game-Owner vorbei weiterverkaufen. Grandios, wie der Autor die daraus resultierenden Scharmützel zwischen globalen Konzernen und einfachen Jugendlichen wie Yasmin (die von ihren Kämpfern bewundernd »General« genannt wird) schildert. Atemberaubend zu lesen, wie zwischen den beiden Seiten ein Wechselspiel aus Aufspüren, Verhindern und Austricksen entsteht.

Und Doctorow geht konsequenterweise noch einen Schritt weiter: Mitreißend schildert er, wie sich weltweit immer mehr Jugendliche zusammenschließen und so etwas wie die erste globale Gewerkschaft bilden – die »Industrial Workers of the World Wide Web« (IWWWW). Denn sie leisten in der Tat Arbeit wie alle anderen Arbeiter auch und wollen dafür entsprechend bezahlt werden. Spannender als jeder Thriller zeigt »For the Win« nun, wohin es führt, wenn sich immer mehr Underdogs gegen das Establishment auflehnen: Die um ihre Einnahmen fürchtenden Kleinkriminellen und Pseudounternehmer in den Schwellenländern führen nicht nur ganz reale Angriffe gegen Spieler durch (was diese ganz real mit Knochenbrüchen und anderen Verletzungen im Krankenhaus landen lässt), sie bestechen auch den Polizei­apparat – und in den chinesischen Großstädten kommt es zur blutigen Auseinandersetzung, als das Imperium mit aller Macht auf Kinder und Jugendliche einschlägt.

Spätestens als dabei einer der Protagonisten erschossen wird, muss uns klar sein: Dies ist kein Jugendbuch, das man liest und danach wieder zur Seite legt. »For the Win« ist ein sozialer Aufschrei, eine erschreckend echte Transformation des Virtuellen in die Realität (gewissermaßen also das exakte Gegenstück zum Cyber­punk). Es ist eine kluge und mitfühlende Kolportage aus einer Welt, die sehr schnell zu unserer eigenen werden kann. Und es ist preisverdächtige, gut geschriebene Literatur, die die manchmal etwas verstaubte Sprache der Science Fiction um neue Begriffe und Ideen bereichert. Cory Doctorow ist erwachsen geworden und erzählt uns von Dingen, die wirklich wichtig sind. Wenn Sie wissen wollen, wie gut »Social Fiction« sein kann, lesen Sie dieses Buch so schnell wie möglich!

Cory Doctorow: For the Win • Roman · Aus dem Amerikanischen von Oliver Plaschka · Wilhelm Heyne Verlag, München 2011 · 634 Seiten · € 16,99 (im Shop ansehen)

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