14. November 2017 2 Likes

„Das musste doch passieren“

„Nocturama“ – die Young Terrorists von Bertrand Bonello

Lesezeit: 3 min.

„Nocturama“ kam exakt zum richtigen und exakt zum falschen Zeitpunkt in die Kinos. Es ist ein Film über Terroristen, die in Paris mehrere Bombenattentate gleichzeitig verüben, sich anschließend in einem Edelkaufhaus verstecken und am Schluß von einem Sonderkommando der Polizei erschossen werden. Aber die Terroristen sind keine religiösen Fanatiker, sondern Pariser Jugendliche zwischen 14 und 25, die ein Fanal setzen wollen – warum, wofür oder wogegen, das bleibt im Dunkeln und wahrscheinlich haben die Protagonisten auch selbst nur eine vage Ahnung von ihren Beweggründen. Hier geht es um eine Stimmung, eine Atmosphäre der Hoffnungslosigkeit zwischen Arbeitslosigkeit,  Suche nach Identität, Konsum und Konzernherrschaft. Diese Terroristen sind klar beides: Antikapitalisten und Kapitalisten. Schön auf den Punkt gebracht in einer Szene in der Mall, als einer der Jugendlichen mit seinem blauen Nike-Shirt plötzlich vor einer Schaufensterpuppe mit eben diesem Shirt stehenbleibt und kurz innehält.

Als Bertrand Bonello, ein konsequent unbequemer Filmemacher, diesen Film 2016 herausbrachte, stach er in ein Wespennest. Während der Dreharbeiten geschahen in Paris tatsächlich Anschläge – wenn auch mit gänzlich anderem Hintergrund – und eine verstörende Vision von Jugendterror bzw. aggressiver Jugendrebellion wollte danach nun wirklich keiner mehr sehen. Sogar in Cannes scheute man sich vor so viel Provokation auf dem roten Teppich und lud Film und Macher kurzfristig aus. Das hat „Nocturama“ nicht verdient, denn der Film liefert eine sehr spannende Diskussionsgrundlage, ohne direkt akademisch zu sein.

Im Gegenteil. Im Kern ist „Nocturama“ pures Genrekino, wenn auch mit ziemlich anderen Mitteln. Die erste Hälfte zeigt wie die Gruppe den Anschlag plant und präzise durchführt, da ist das Heist-Genre gleich um die Ecke. Nach den Anschlägen zieht sich die Gruppe aus taktischen Gründen in ein Edelkaufhaus zurück, das – wie vorhergesehen – nach den Explosionen in der Stadt geräumt wurde. Hier frönt man nun erst zurückhaltend, dann immer ausgelassener dem Konsum – und Bonello rückt jede Marke ins Bild, immer und immer wieder, aber mit Product Placement hat das nichts mehr zu tun, ganz im Gegenteil. Wer da nicht an Romeros „Dawn of the Dead“ denkt, hat nicht viele Filme gesehen (oder die falschen). Und dann, am Schluss, wenn gesichtslose Polizisten mit sehr leisen Waffen die Mall stürmen und gnadenlos jeden töten, der sich darin befindet, ist Carpenters „Assault on Precinct 13“ nicht weit. Nur die Vorzeichen sind andere.

Aber Bonello inszeniert das nicht so, als hätte er vor allem Action im Kopf. Das sind Referenzen, mehr nicht. Denn „Nocturama“ ist vor allem eins: hochpolitisches Kino, das dem Zuschauer viel Raum und Zeit zum Denken einräumt. Auch und vor allem wegen dem, was er weglässt. Und das sind Erklärungen, klassische Charakterzeichnungen („Was treibt die Figur an?”) und lineare Struktur. Das ist ganz klar und eindeutig Arthouse-Kino, das es einem nicht leicht machen will, das auch immer ein wenig prätentiös ist, aber nach etwa einer halben Stunde, die man sich daran gewöhnen muss, einen unwiderstehtlichen Sog entwickelt und Kunst- und Genrefilm wunderbar vereint.

Hochpolitisches Kino ist „Nocturama“ auch deshalb, weil seine Figuren so total unpolitisch sind. Gerade die Ambiguität, die Unklarheit ihrer Absichten, macht den Film so interessant und so provokant. Da brodelt etwas. Und das sollte man besser nicht ignorieren. Denn da entsteht eine „No Future“-Generation, wie es noch keine gegeben hat. Eine Generation, die all das ausbaden muss, was unter die Stichworte Turbo-Raubtier-Kapitalismus, Globalisierung, Digitalisierung, Klimawandel und Co. fällt. Es sind nur wenige Schritte vom friedlichen zum gewalttätigen Protest, vom Erwerb einer „V for Vendetta“-Maske zum Erwerb von Semtex. Die Zündschnur brennt schon längst, man will es nur nicht wahrhaben.

Daher hat „Nocturama“ auch etwas latent apokalyptisches. Es ist der Vorabend des Untergangs, was gerade die letzten zwanzig Minuten unterstreichen, die eine gespenstische Wirkung entfalten. Mit rigoroser Konsequenz geht der vermeintliche Rechtsstaat da gegen die Jugendlichen vor und knallt alles ab, was sich im Kaufhaus bewegt. Spätestens hier transzendiert Bonello Genre-Konventionen, denn das ist kein Showdown Gut gegen Böse. Das hat nichts mythisches mehr, nichts heroisches. Das ist einfach nur noch elend.

„Nocturama“ ist gerade bei Realfiction/Indigo als DVD erschienen.

Nocturama • Frankreich/Deutschland/Belgien 2016 • Regie: Bertrand Bonello • Darsteller: Finnegan Oldfield, Vincent Rottiers, Hamza Meziani, Manal Issa, Adèle Haenel

Kommentare

Zum Verfassen von Kommentaren bitte Anmelden oder Registrieren.
Sie benötigen einen Webbrowser mit aktiviertem JavaScript um alle Features dieser Seite nutzen zu können.