25. März 2017 1 Likes

Dem Alien sein kleiner, schlicht gestrickter Bruder

„Life“: In den 80ern Videothekenregal, heute Kino

Lesezeit: 3 min.

Daniel Espinosa scheint mit „Life“ endlich seine Berufung gefunden zu haben: Schnelle, simple Monster-Action. Der chilenisch-schwedische Regisseur landete 2010 mit „Easy Money – Spür die Angst“ einen großen Hit in seinem Heimatland Schweden, worauf sich natürlich wie gewohnt Hollywood den Mann sofort krallte, denn junge, möglichst billige Arbeitskräfte sind auch dort gerne gesehen. Allerdings zeichnete sich schon bei „Easy Money“ eine gewisse Schwäche ab, Espinosa inszeniert gerne Spannungsmomente und Action, weiß aber mit Schauspielern nicht immer so wahnsinnig viel anzufangen. Schon sein US-Debüt „Safe House“ (2010) bestätigte die Beobachtung. Wer ein Schwergewicht wie Denzel Washington zur Verfügung hat und dann nicht in der Lage ist, länger als drei Sekunden auf dessen ausdrucksstarkes Gesicht zu schneiden, hat ein Problem. Und wer auch immer danach auf die grandios-bekloppte Idee gekommen ist, dem Regisseur die Verfilmung eines ohnehin schon komplexen Romans anzuvertrauen („Kind 44“, 2015), muss in einem Paralleluniversum leben, das Resultat war absehbar: Die stargespickte Adaption ging mit wehenden Fahnen unter und das nicht nur dank der Gaga-Idee amerikanische Darsteller mit draufgeprügelten russischen Akzent sprechen zu lassen.

Bei „Life“ wiederum kommen Espinosas Stärken weitaus mehr zum Zuge: Der Plot ist simpel und vor allem unverfroren beim Überklassiker „Alien“ (1979) geklaut und mit einem Esslöffel „Gravity“ (2013) und einer Priese „Tree Of Life“ (2011) abgeschmeckt: Sechs schwach charakterisierte Besatzungsmitglieder der internationalen Raumstation ISS bekommen den Auftrag eine Bodenprobe vom Mars zu untersuchen, die eine Weltraumsonde zu ihnen bringt. Doch die Bodenprobe erwacht zum Anfangs noch niedlichen Leben, das den Namen Calvin bekommt. Calvin wird aber schnell klüger und größer und fängt an die Besetzung zu dezimieren…

So ändern sich die Zeiten: Ein Film dieser Art wäre in den 1980er-Jahre noch in Italien gedreht worden, hätte einen knalligen Titel wie „Todes-Monster aus dem All“ oder „Angriff der außerirdischen Mörder-Bestie“ oder „Blut-Massaker im Weltraum des ewigen Schreckens“ und ein noch knalligeres Poster bekommen. Heutzutage wird der selbe Inhalt in ein 58-Millionen-Dollar Gewand gesteckt, mit hochkarätigen Schauspielstars garniert und mit ein paar wenigen, regelrecht pflichtschuldig eingeschobenen „Tiefgründigkeiten“ („Wir dürfen niemals die fatalen Auswir­kungen vergessen, die wir auf unzählige Völker dieser Erde gehabt haben.“) gewürzt, da mittlerweile selbst allersimpelste Genre-Kost irgendwie ein bisschen sophisticated sein soll, nur Spaß an Monster und ekligen Effekten geht im Netflix-Zeitalter einfach nicht mehr.

Man muss „Life“ aber zu Gute halten, dass er sich allzu ausladende Klugscheißerei (die, wie von Espionasa gewohnt, auch völlig ungelenkt inszeniert ist) spart, recht fix zum Punkt kommt und da dann fast den ganzen Film über verweilt: Crew vs. Monster. Das ist durchaus spannend geraten, weil absolut mit Blick auf den Zuschauerraum inszeniert, sprich, prätentiöse Taschenspielertricks sucht man vergebens, elegante Kamerafahrten und übersichtlich montierte Sequenzen stehen auf dem Plan, selbst in der größten Hektik ist glasklar, was passiert, die Zuschauer sind jederzeit an Bord. Erfreulicherweise ist das Geschehen trotz aller grundsätzlicher Formelhaftigkeit trotzdem nicht unbedingt vorhersehbar und hier offenbart „Life“ eine angenehm finstere, regelrecht garstige Ader – so ist auch den bekanntesten Namen in der Besetzungsliste nicht unbedingt ein Happy End garantiert und das Finale trumpft mit einer wirklich bitterbösen Schlusspointe auf, die dem rip-off-Vorwurf ein wenig den Wind aus den Segeln nimmt.

Die rasante Achterbahnfahrt grenzt sich ebenso mit einer ausgesprochen pessimistischen Grundhaltung gegenüber dem Unbekannten ab und steht hier völlig im Kontrast zu aktueller Science-Fiction wie „Arrival“ (2016). Gegen Ende wird in einem Funkspruch die Erde dazu aufgerufen, jedes Leben im All als feindlich zu betrachten und umgehend mit Waffengewalt zu antworten. Natürlich Grund genug für einige Presseschlaumeier eine reaktionäre Haltung zu erschnuppern und unsinnige Querverbindungen zur Flüchtlingsdebatte zu ziehen. Gelegentlich sollte man die Kirche auch mal im Dorf, beziehungsweise das Todes-Monster im All lassen: Wer soeben die komplette Umgebung von einem ekligen Viech weggeknabbert bekam, zwitschert nun mal keine Liebesbotschaften und ein Film, der den Fokus so sehr auf Monsteraction legt, will nichts über unsere Welt erzählen, sondern vor allem Eineinhalbstunden seine Zuschauer in die Sitze drücken. Und das gelingt Espinosas neustem Baby über weite Teile durchaus ganz gut. 

„Life“ läuft seit dem 23.03.2017 im Kino.

Life (USA 2017) • Regie: Daniél Espinosa • Darsteller: Jake Gyllenhaal, Rebecca Ferguson, Ryan Reynolds, Hiroyuki Sanada, Ariyon Bakare, Olga Dihovichnaya

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