6. Juni 2016 3 Likes 1

Everybody knows

Nachrichten aus der Gegenwart, die Zukunft betreffend – der begeisternde Dokumentarfilm „Tomorrow“

Lesezeit: 3 min.

Der Mensch hat einst das Zukunftsdenken erfunden; aber die Zukunft ist ihm eigentlich egal. Wie sonst soll man sich den berühmten Widerspruch zwischen dem, was wir wissen, und dem, was wir tun, erklären? Wir wissen, dass wir dabei sind, aus einem recht gastfreundlichen Planeten einen ziemlich garstigen Ort zu machen – und tun es trotzdem. Wir wissen, dass künftige Generationen (sollten sie noch die Möglichkeit dazu haben) Seminare über unsere Dummheit und Arroganz abhalten werden – aber das macht uns nichts aus. Ja, ganz im Gegenteil: All diese unangenehmen Informationen aus der Zukunft langweilen uns doch. Oder meinen Sie etwa nicht, dass Mad Max: Fury Road deutlich cooler reinpfeift als der soundsovielte Dokumentarfilm irgendwelcher Gutmenschen zum Klimawandel, zum Artensterben, zur Auslaugung der Felder?

So deprimierend dieser Befund auch sein mag, er hat eine Gruppe von jungen französischen Filmemachern dazu motiviert, es einmal anders zu versuchen – nicht mit illustrierten Fakten zu Vorgängen, deren katastrophale Folgen die intellektuelle Weitsicht eines hier und heute Lebenden übersteigen, sondern mit Geschichten. Geschichten eben aus dem Hier und Heute: von Menschen, denen die Zukunft nicht egal ist, ja, in deren Projekten eine bestimmte Zukunft bereits Gegenwart geworden ist, nämlich eine gelungene Zukunft. Der Erfolg dieser Idee spricht für sich: Über eine Million Zuschauer haben den Dokumentarfilm „Tomorrow“ bereits gesehen, was umso mehr überrascht, als es darin natürlich auch um unangenehme Informationen aus der Zukunft geht. Aber diese Informationen drängen sich nicht grob didaktisch auf, sondern sie pulsieren als dunkles Hintergrundgeräusch durch eine ansonsten ziemlich gut gelaunte Tour d’Horizon rund um die Welt. Ob Energieversorgung, Ernährung, Erziehung oder neue Formen der Demokratie und Ökonomie – kein Feld, in dem die Filmemacher nicht jemanden gefunden haben, der begeistert und begeisternd von seinen Aktivitäten berichtet.

Ist das naiv? Ist das unpolitisch, einfach nur Geschichten vom Gelingen, und seien sie noch so klein, zu erzählen? Nicht, wenn die Alternative darin besteht, im zynischen Eck zu hocken und zu warten, bis die Katastrophe zündet. Und nicht, wenn man darüber nachdenkt, was „politisch“ einmal bedeutet hat, bevor das massenmediale Dröhnen so laut wurde, dass man kaum mehr versteht, was man selbst sagt: nämlich Partizipation, Eigenverantwortung, das Vermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Und in dieser Hinsicht ist „Tomorrow“ dann doch auf wunderbare Weise didaktisch: Das Hintergrundpulsieren, also das leere Wirbeln und Wimmern unserer technisch-urbanen Zivilisation, wird im Laufe des Films mehr und mehr zur Schablone aus Ignoranz und kognitiver Dissonanz, vor der sich die Akteure einer gelingenden Zukunft umso deutlicher (und beschämender) abheben. Einmal erklingt der Leonard-Cohen-Song „Everybody knows“, und was sich sonst immer wie ein melancholischer Abgesang anhört, ist in „Tomorrow“ das Gegenteil: der Anstoß zu etwas Neuem; der Anstoß, etwas Neues zu versuchen.

Vernünftig folgern und danach leben – das ist tatsächlich möglich. Dass es dazu noch leicht ist, hat niemand behauptet, und das behauptet auch „Tomorrow“ nicht. Aber sollten Sie sich den Film ansehen (und Sie haben bestimmt gemerkt, dass ich ihn sehr empfehle), dann achten Sie einmal genau auf die Gesichter der Protagonisten. Der erschöpfte Detroiter Stadtgärtner etwa, der die Zuschauer darüber informiert, dass man sich das alles bloß nicht zu einfach vorstellen sollte („Urban gardening looks good on a power point presentation!“), und dessen Augen trotzdem vor Freude leuchten – das ist die Zukunft.

„Tomorrow“ ist am 2. Juni in den Kinos gestartet.

Tomorrow Frankreich 2015 Regie: Cyril Dion und Mélanie Laurant

Kommentare

Bild des Benutzers Tina Vogl

Ein wirklich wunderbarer Film! Inhaltlich, optisch und die Musik ... Inspirierend.

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