16. Dezember 2017 2 Likes

Godzilla einmal anders. Ganz anders.

„Colossal“ – Drama unter Monstern

Lesezeit: 3 min.

Der spanische Regisseur Nacho Vigalondo hat sich seit seinem Debüt „Timecrimes – Mord ist nur eine Frage der Zeit“ (2007) einen Ruf als origineller, pfiffiger und vor allem experimentierfreudiger Regisseur und Drehbuchautor erarbeitet, der vielleicht nicht immer ganz ins Schwarze trifft, aber halt auch nie in Beliebigkeit abgleitet, sondern stets mit interessanten und ungewöhnlichen Ideen aufwartet; wer Vigalondo wählt, kriegt Vigalondo.

„Colossal“ macht da keine Ausnahme und entpuppt sich als bizarre Mischung aus Drama und Monsterfilm mit einem Schuss Komödie, die einen Kindheitsgedanken aufgreift und weiterspinnt: Wer war nicht von der Omnipotenz von Godzilla & Co. in den alten Kaijū-Klassikern beeindruckt und hat sich insgeheim vorgestellt, wie es wäre, mal selbst durch die Städte zu trampeln?

Die Online-Redakteurin Gloria hat ein ernstes Problem: Sie ist arbeitslos und zudem Alkoholikern, die die Nächte durchsäuft, was dazu führt, dass sie von ihrem Freund Tim aus seiner Wohnung in New York geschmissen wird. Gloria zieht zurück in ihre Heimatstadt New Hampshire und trifft dabei auf ihren Kindheitsfreund Oscar, der nun die Bar des verstorbenen Vaters leitet und seiner alten Freundin einen Job anbietet, um ihr wieder auf die Beine zu helfen. Gloria akzeptiert, allerdings macht die Arbeit in einer Bar ihr Alkoholproblem nicht gerade besser. Jede Nacht trinkt sie mit Oscar und seinen beiden Freunden Garth und Joel und schläft anschließend auf einer Bank in der Nähe eines Kinderspielplatzes ein. Bizarrerweise taucht immer zur gleichen Zeit in Seoul ein gigantisches Reptil auf, dass Tod und Zerstörung bringt. Allmählich erkennt Gloria, dass sie mit dem Monster in Verbindung steht, sie kann es nicht nur entstehen lassen, die Bewegungen der Kreatur stimmen mit ihren überein. Doch das wahre Problem lauert in ihrem Chef – der anfänglich so nette und fürsorgliche Oscar steckt aufgrund seines stagnierten Lebens voller Selbsthass. Als er entdeckt, dass er über gleiche Fähigkeiten wie Gloria verfügt und einen gigantischen Roboter in Seoul auftauchen lassen kann, kommen Allmachtsfantasien auf und das Verhängnis nimmt seinen Lauf…

Trotz Monster und Roboter wird in erster Linie die Geschichte einer Frau, die am Leben oder vielleicht in erster Linie an den überaus dominanten Männern (man erfährt leider nicht allzu viel von Glorias Vergangenheit, aber das Auftreten von Glorias Exfreund Tim und Oscar legt die Vermutung nahe) in ihrem Leben scheitert und versucht wieder auf die Beine zu kommen. Die Kaijū-Komponente wird dazu genutzt, dieses Drama ins – im wahrsten Sinne des Wortes – Monströse aufzublasen, wobei Vigalondo der Ikonografie des Monsterfilms treu bleibt. So entspricht Gloria und analog dazu „ihr“ Monster-Reptil dem freundlichen Godzilla der 60er- und 70er-Jahre, sie richtet zwar Schaden an, aber unabsichtlich, sie will eigentlich – trotz allem Unglück in ihrem Leben - nichts Böses, während Oscars tiefer Frust sich in einen „Mechagodzilla“-artigen Antagonisten manifestiert. „Colossal“ atmet trotz moderner Herangehensweise tief den Geist vergangener Zeiten, was auch die Tricktechnik deutlich macht, die einerseits state-of-the-art ist, gleichzeitig aber liebevoll handgemacht anmutet und Big-Budget-Nummern wie „Godzilla“ (2014) durchaus eine lange Nase dreht.

Es ist dem Film des Weiteren hoch anzurechnen, dass er sich nicht in der Begeisterung über sein eigenes Konzept erschöpft, sondern nach einer vergnüglichen ersten dreiviertel Stunde über seinen eigenen Horizont hinaussieht, vorführt, was passiert, wenn aus der anfangs so drolligen Fantasterei ernst wird – allerdings offenbart Vigalondos Drehbuch gerade hier eine größere Schwäche, denn die extrem sprunghafte Charakterentwicklung Oscars vom netten Typen zum Scheusal zum bemitleidenswerten Looser und von da aus wieder zum absoluten Ekel wirkt wenig schlüssig und bremst die emotionale Verankerung der Zuschauer am Geschehen auch spürbar aus, dafür wird mit einem schönen Finale und einer knackigen Schlusspointe ausreichend entschädigt.

„Colossal“ ist definitiv ein Film, auf dem man sich einlassen muss, aber wer das tut, wird reichlich belohnt – ein echter Vigalondo eben! 

„Colossal“ ist von Universum Film auf Blu-ray und DVD erhältlich.

Colossal (Kanada/Spanien 2016) • Regie: Nacho Vigalondo • Darsteller: Dan Stevens, Anne Hathaway, Jason Sudeikis, Tim Blake Nelson, Austin Stowell, Agam Darshi, Hannah Cheramy

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