20. März 2013

Große Verantwortung

„The Amazing Spider-Man“ – Action, Herz, Humor

Lesezeit: 3 min.

2012 wurde nicht nur die Comic-Welt des erstaunlichen Spider-Man gewaltig auf den Kopf gestellt. Hinsichtlich seiner Film-Karriere brachte das 50. Jubiläumsjahr für Marvels wichtigsten Solo-Helden gleichfalls viel Neues. Obwohl, so ganz stimmt das nicht. Schließlich ist der Reboot von Sonys Spidey-Film-Franchise nach Sam Raimis wegweisender Erfolgstrilogie zunächst erneut eine Origin-Story – also die Herkunftsgeschichte von Ben und May Parkers berühmtem Neffen, der durch einen Spinnenbiss und die bitter erlernte Lektion über große Kraft und große Verantwortung auf den alles andere als schmerzfreien Weg des Heldentums gebracht wird.

Die Hauptrolle in Marc Webbs erstem Spider-Man-Blockbuster spielt Andrew Garfield (The Social Network, Das Kabinett des Dr. Parnassus), der seine Sache richtig gut macht und eine glaubhafte, moderne Interpretation des vom Pech verfolgten, jedoch niemals aufgebenden Peter Parker liefert. Dasselbe kann man über Emma Stone (Zombieland) als zum Niederknien hinreißende und clevere Gwen Stacy, Multitalent Denis Leary als Gwendolynes Vater und Topcop Captain George Stacy sowie Rhys Ifans (Notting Hill) als tragischen Dr. Curt Connors sagen.

Letzterer mutiert im Film zur Echse, woran das Parker-Glück bzw. Parker-Vermächtnis nicht ganz unschuldig ist – und womit wir nach diversen Hi-Tech-Kobolden, Dr. Octopus, Sandman und Venom dann auch den nächsten Widersacher aus Spider-Mans klassischer Schurken-Galerie hätten, nachdem die Echse bereits 1963 im sechsten Heft von Spideys erster eigener Heftserie debütierte.

Und man muss den Machern von Amazing Spider-Man wirklich ein Kompliment dafür aussprechen, dass sie es tatsächlich geschafft haben, die wandelnde Handtasche mit der Attitüde des verrückten Wissenschaftler-Monsters, das die Welt aus der Kanalisation heraus verändern und alle New Yorker in Echsenkreaturen verwandeln will, auf die Leinwand zu übertragen. Dort sah der netzschwingende Neustart – speziell in der 3D-Version im IMAX – übrigens fantastisch aus und glänzte mit 3D-Effekten, die einen exzellenten, emotional mitreißenden Film zusätzlich aufwerteten. Das ist heutzutage angesichts der vielen Negativbeispiele genauso willkommen wie ein feinfühliger, intelligenter Umgang mit dem Original-Mythos aus den Comics: Etwa wenn Spider-Mans Anfänge im Wrestling-Business im Film dadurch verarbeitet werden, dass Peter auf der Suche nach dem Mörder seines Onkels in ein altes Gym kracht und dort von einem Plakat mit einer Catcher-Maske zu seinem Spidey-Kostüm inspiriert wird. Oder dass seine Fähigkeit, später seine Netzdüsen zu bauen, schon früh im Film durch ein selbst gebasteltes, mit seinem Computer verbundenes Türschloss angedeutet wird.

Nehmt das, organische Netzdüsen! Thwip!

Vor über zehn Jahren, als Raimi mit seiner Hollywood-Version des von Stan Lee und Steve Ditko geschaffenen, auch nach all den Jahren noch mit Abstand menschlichsten unter den Marvel-Recken das Zeitalter der titanisch erfolgreichen Comic-Verfilmungen einleitete, war das schon ziemlich beeindruckend – eine ganz neue Art von Superhelden-Film, von Spider-Man-Verfilmung ganz zu schweigen. Das verblasst aber gegen diesen Neustart. Marc Webbs Spider-Man-frische Vision ist viel weniger pomadig und aufgesetzt als Raimis Interpretation des Helden, wofür in erster Linie Andrew Garfield die Lorbeeren beanspruchen darf. Mary Jane vorerst aus der Story herauszuhalten wird der Panel-Vorlage außerdem auf angenehme Weise gerecht und bringt den Zuschauern im Romantik-Bereich des Spidey-Universums etwas Neues, während der männliche Teil des Publikums Ms. Stone in Rock und Stiefeln anbeten darf. Darüber hinaus hat Amazing Spider-Man genau die richtige Mischung aus Action, Herz, Humor, Seele, Triumph, Fehlschlag und Drama, die eine gute Spider-Man-Geschichte eben braucht, egal in welchem Medium und in was für Bildern sie erzählt wird. Nicht zu vergessen das wahrscheinlich witzigste Stan-Lee-Cameo aller Zeiten!

Okay, das mit den Kranfahrern war tatsächlich etwas viel Pathos fürs US-Bürgertum und hätte nicht sein müssen. Geschenkt. Der neue Spidey begeistert, und wer den Abspann sieht und den Film nicht gleich noch mal von vorne schauen will, ist ein Wolverine-Fan! Beruhigend also, dass Webb, Garfield, Stone und Co. schon für den nächsten Teil gebucht sind.

The Amazing Spider-Man • USA 2012 · Regie: Marc Webb · Darsteller: Andrew Garfield, Emma Stone, Rhys Ifans, Denis Leary, Martin Sheen, Sally Field

Kommentare

Zum Verfassen von Kommentaren bitte Anmelden oder Registrieren.
Sie benötigen einen Webbrowser mit aktiviertem JavaScript um alle Features dieser Seite nutzen zu können.