29. Juni 2017 1 Likes

Superschwein

SF-Film über Fleisch und Freundschaft: Netflix’ Eigenproduktion „Okja“

Lesezeit: 3 min.

Den südkoreanischen Regisseur Bong Joon-ho kennt man am ehesten für den Science-Fiction-Film „Snowpiercer“. Mit „Okja“ legt er nun einen weiteren interessanten, interessant andersartigen SF-Streifen vor, dessen Drehbuch er zusammen mit dem walisischen Gonzo-Journalisten Jon Ronson verfasst hat, auf dessen Buch z. B. der schräge Clooney-Film „Männer, die auf Ziegen starren“ beruhte. Netflix speiste die angeblich rund 50 Millionen Dollar teure Eigenproduktion „Okja“, die auf dem Filmfestival in Cannes inhaltlich sehr wohl punktete, aufgrund der digitalen Direktvermarktung ohne vorangegangene Kinoauswertung allerdings spürbar aneckte, am 28. Juni weltweit auf seiner Streaming-Plattform ein.

Der Konzerngigant Mirando ist keineswegs für umweltfreundliches Vorgehen oder erhabene Moralvorstellungen bekannt. Umso euphorischer reagiert die Öffentlichkeit, als Firmenchefin Lucy Mirando (Tilda Swinton aus „Doctor Strange“) verkündet, dass Mirando und das in Chile entdeckte XXL-Superschwein den Hunger auf Erden beenden werden. Sechsundzwanzig der riesigen Tiere, die wie eine Kreuzung aus Sau und Nilpferd aussehen, werden in genauso vielen Ländern zehn Jahre lang von regionalen Bauern ganz natürlich und traditionell aufgezogen, und am Ende kürt man das prächtigste Superschwein in New York. Eines der massigen Tiere wird in den Bergen Koreas gehütet, wo die kolossale Schweinedame Okja sich mit der jungen Mija (Ahn Seo-hyun) angefreundet hat, die seit dem Tod ihrer Eltern alleine bei ihrem Großvater lebt. Mija fühlt sich nur bei Okja geborgen, mit der sie durch die Wildnis streift, der sie die Zähne putzt, der sie ins Schlappohr flüstert, der sie bei der Untersuchung die Blackbox mit allen biometrischen Daten aus dem Ohr holt, und in deren Umarmung sie am besten schläft – die beiden sind ein Herz und eine Seele. Als Okja offiziell zum tollsten Wunderschwein von allen ernannt und von den Mirando-Verantwortlichen zunächst nach Seoul gebracht wird, fackelt Mija nicht lange und macht sich an die Verfolgung. Aber auch eine Gruppe Tierschützer (u. a. Paul Dano aus „Little Miss Sunshine“ und Steve Yeun aus „The Walking Dead“) will Okja befreien, da Mirandos Langzeit-Marketingkampagne um den schrillen TV-Zoologen Dr. John (Jake Gyllenhaal) auf Lügen und noch mehr Lügen beruht. Für Mija und Okja beginnt eine Zeit des Leidens, die von Grausamkeiten und dem Gedanken beherrscht wird, einander nie wieder zu sehen …


Lucy Mirando (Tilda Swinton) und Mija (Ahn Seo-hyun)

Zu Beginn beschwört Bong Joon-ho mit wunderschönen Naturaufnahmen, wortkargen Szenen und einigem Witz geradezu den Geist des Independent-Kinos – gleichzeitig muss man sich lange mit nervigen Untertiteln herumschlagen. Dann kommt die Steigerung zum Rasanten und zum Drastischen, was dem typischen Muster von Geschichten über die Freundschaft zwischen einem Kind und einem Tier folgt, die von einer grausamen Welt getrennt werden und darum kämpfen, wieder zueinander zu finden. Wie bei Disney und Co., gibt es in „Okja“ unterwegs die volle Achterbahnfahrt an Themen und Emotionen, von heiter bis grotesk, lustig bis ernst, bedrohlich bis hoffnungsvoll, traurig bis glücklich. Bong Joon-ho erzählt und inszeniert seine unter diesem Aspekt ganz klassische Story filmisch jedoch sehr hübsch und pfiffig. Dennoch, in der Summe hätte sein Schweine-Drama über die nahe Zukunft etwas packender und mitreißender sein dürfen.

Dafür hat Bong Joon-ho Okja auf seiner Seite, die nicht allein effekttechnisch überzeugt: Wie zu erwarten, glänzt das intelligente, einfühlsame, pupsende Superknuddelnilpferdwunderschwein, das alles für Mija tun würde, als animalischer Star dieses Film, obwohl die menschlichen Darsteller ebenfalls überzeugen, allen voran die junge Ahn Seo-hyun, die zum Glück keine dieser nervigen Filmgören ist. Wohl auch, weil sie und ihre quiekende Freundin wirklich viel einstecken und ertragen müssen, während sich die südkoreanisch-amerikanische Tierfabel im Science-Fiction-Gewand – zwischendurch durchaus satirisch – mit Gentechnik, der modernen industriellen Fleischproduktion, unmenschlicher Firmenpolitik, Scheinmoral und Profitgier auseinandersetzt. Die Botschaften kommen dabei an, ohne den ordentlichen SF-Film zu unterlaufen.

Am Ende ist das in der Summe alles heftiger, als erwartet, und Vegetarier dürften sich spätestens zum Abspann in ihrem Kurs bestätigt fühlen, wohingegen alle anderen gedanklich ihren Kühlschrank sondieren und vor dem nächsten Einkauf erst mal wieder eine Runde grübeln. Ziel erreicht, Schweinchen.

Abbildungen: Netflix

Okja • (Südkorea/USA 2017) • Regie: Bong Joon-ho • Drehbuch: Bong Joon-ho, Jon Ronson • Darsteller: Ahn Seo-hyun, Tilda Swinton, Paul Dano, Jake Gyllenhaal, SteveYeun, Lily Collins,Giancarlo Esposito • Laufzeit: 120 Min.

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