20. September 2018 1 Likes

Schrecken und Schönheit nach der Apokalypse

Wolfgang Jeschkes preisgekrönte Novelle „Osiris Land“ gehört zu den besten Erzählungen der Science-Fiction

Lesezeit: 3 min.

„Er kam den Schari herab, von Mittag her, aus dem Lande der Lagone und Bagirmi, und führte drei Pferde mit sich, von denen er zwei als Packtiere benutzte.“ So beginnt eine der Sternstunden der deutschsprachigen Science-Fiction, die – obwohl bereits 1983 mit dem Kurd-Laßwitz-Preis als „Beste Erzählung“ ausgezeichnet – bis heute kein bisschen von ihrer Spannung, ihrer Faszination und ihrer Aktualität eingebüßt hat: „Osiris Land“ von Wolfgang Jeschke. Die herausragende Novelle kann nun als E-Book neu entdeckt werden.

Wolfgang Jeschke: Osiris LandEs ist ein heißer Vormittag am 29. März 2035, als Jack Freyman die zentralafrikanische Siedlung Kotoko am Tschadsee erreicht. Beschir, der Erzähler, kann sich genau daran erinnern, dass es an diesem Tag nach warmen Blut und Innereien gerochen hat, weil zahlreiche Hammel geschlachtet worden waren; er macht sich umgehend auf, um dem nur „Master Jack“ genannten Fremden in der Karawanserei zu begegnen. Doch der hellhäutige Neuankömmling ist kein Arzt, sondern Astronom – ein „Sterngucker“, wie er dem vierzehnjährigen Jungen erläutert, der nun sein Begleiter werden wird. Es geht um ein erstaunliches Gerücht: Viele Wochen Reisezeit entfernt sollen seltsame fliegende Barken gesichtet worden sein, mit vogelköpfigen Insassen, während am Nachthimmel auf- und niedersteigende Feuer zu beobachten waren. Genau hier liegt Master Jacks Ziel. Beschir hält den „Sterngucker“ zwar für klug, aber dieses Unterfangen ist aus seiner Sicht eindeutig überspannt. Trotzdem folgt er ihm bei seiner Reise durch ein gefährliches Hinterland, bei der sie beide auf die Hilfe von Despoten und anderen zwielichtigen Existenzen angewiesen sind.

Doch Beschir ist nicht der einzige Erzähler. Eingeschoben sind Tagebuchauszüge von Master Jack, die der Geschichte eine andere Perspektive geben. Die westliche Welt hat sich bereits vor einigen Jahren komplett vernichtet; weite Teile der Erde sind unbewohnbar. Auch Nordafrika ist von den Folgen atomarer und biologischer Angriffe betroffen. Als schließlich die Flüchtlingstrecks über das Mittelmeer kamen, haben sich grauenhafte Szenen abgespielt – schon aus Angst vor Mutationen, meist aber aus reiner Habgier wurden die verzweifelten Menschen abgeschlachtet und ihre Kinder in die Sklaverei verkauft. Das ist zwar lange her, und inzwischen sind Teile Afrikas dabei, sich zu erholen, aber die Gefahr bleibt gegenwärtig. Trotzdem ist Master Jack entschlossen, dem Rätsel um die Vogelwesen auf den Grund zu gehen. Dabei gibt ihm deren Nähe zur ägyptischen Mythologie zu denken. Stammen die erstaunlichen Wesen – wenn es sie denn gibt – wirklich aus Osiris Land, dem Totenreich? Das wäre arg unwahrscheinlich. Doch Master Jack kann nicht wissen, dass ihn seine Reise weit über die Grenzen der bekannten Welt hinausführen wird.

Dass Wolfgang Jeschke (1936–2015) als Herausgeber eine der wichtigsten und einflussreichsten Figuren in der deutschen Science-Fiction-Landschaft gewesen ist, hat sich herumgesprochen; was für ein großartiger Autor er war, ist hingegen stets aufs Neue zu entdecken. Dabei machte bereits die frühe Novelle „Der König und der Puppenmacher“ (1961, im Shop) auf sein schriftstellerisches Talent aufmerksam. Mehrfach wurden seine Hörspiele, Erzählungen und alle vier großen Romane „Der letzte Tag der Schöpfung“ (1981), „Midas“ (1989), „Das Cusanus-Spiel“ (2005, diese drei sind im Shop auch im Sammelband erhältlich) und „Dschiheads“ (2013, im Shop) mit dem Kurd-Laßwitz-Preis ausgezeichnet. Mit „Osiris Land“ jedoch ist Jeschke – ähnlich wie 1997 mit „Meamones Auge“ (im Shop) – eine selbst für seine Verhältnisse herausragende Leistung gelungen. Einerseits lebt die Erzählung von dem exotischen Kolorit und den mitunter fast märchenhaft erscheinenden Begebenheiten in den Erinnerungen von Beschir, andererseits entwerfen die Tagebucheinträge von Master Jack ein ausgesprochen düsteres Bild, in dem die Menschheit an ihrer eigenen Hybris zugrunde gegangen ist. Jeschke zeigt sich hier einmal mehr als unermüdlicher Mahner, der auf Fehlentwicklungen hinweist, zugleich aber gelingt es ihm, aus der Spannung zwischen dem Schönen und dem Schrecklichen eine einzigartige poetische Geschichte zu entwickeln, die lange nachwirkt und immer wieder neu gelesen werden kann. Da er zudem ein überragender Stilist ist, glänzt „Osiris Land“ mit einem magischen Sprachfluss und einer konsequent ruhigen Erzählhaltung.

Jeschke selbst scheint sich der Bedeutung seines Texts durchaus bewusst gewesen zu sein: 1986 erschien eine wunderbar großformatige Sonderausgabe in 250 nummerierten und signierten Exemplaren, die von dem renommierten Künstler Jörg Remé illustriert wurde und heute wohl nur noch im gutsortierten Fachantiquariat zu bekommen ist. Das E-Book lässt sich erheblich einfacher erwerben – und unschlagbar günstig ist es zudem auch.
 

Wolfgang Jeschke: Osiris Land • Erzählung • Wilhelm Heyne Verlag, München 2015 • E-Book • € 1,99 (im Shop)

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