1. Februar 2018 3 Likes

Time’s up!

Fünf Science-Fiction-Romane, die uns dazu bringen, über Sex, Gender und Gesellschaft nachzudenken

Lesezeit: 6 min.

Vor einigen Tagen startete Twitter-Userin @TaraBusch einen Aufruf an weibliche SF-Fans, sich bei ihr zu melden, damit sie ihrem Diskussionspartner beweisen kann, dass Science-Fiction nicht nur Männer anspricht. Binnen Stunden erhielt sie fast 5.000 Antworten. Die Vorstellung, dass die SF ein „männliches“ Genre ist, hält sich hartnäckig, obwohl sie schon lange nicht mehr (nur) von Laserkanonen, tatkräftigen Marskolonisten und hübschen jungen Damen, die aus den Tentakeln gemeiner Alien-Bösewichten gerettet werden müssen, handelt. Spätestens seit Ende der 60er-Jahre, als immer mehr Genre-Autorinnen in die Feminismus-Debatte einstiegen, wird SF nicht mehr nur für Jungs geschrieben, sondern auch für deren Schwestern und Mütter. Viele dieser Romane gelten heute als Klassiker des Genres – und sind aktueller denn je. Bücher wie Margaret Atwoods „The Handmaid’s Tale“, das als TV-Serie international ein Riesenerfolg war, treffen einen Nerv, der schon seit langem blank liegt. Hier sind fünf Romane, die uns dazu gebracht haben, über Sex, Gender und Gesellschaft nachzudenken:

 

1. Ursula K. Le Guin: „Die linke Hand der Dunkelheit“

Die Bewohner des Planeten Gethen sind uns Menschen verblüffend ähnlich – mit einem Unterschied: Sie sind androgyn, und während einer kurzen Phase sexueller Erregbarkeit entscheidet sich, welcher der beiden Partner einer Beziehung welches Geschlecht annimmt. In einer solchen Kultur sind geschlechtsspezifische Machtkämpfe, wie wir sie kennen, nicht möglich. Doch es gibt andere Formen von Macht – und diese werden Genly Ai, einem Abgesandten von der Erde schmerzhaft bewusst, als er zum Spielball politischer Interessen wird und gezwungen ist, in Begleitung eines Gethenianers durch die Eiswüsten des Planeten zu ziehen …
„Die linke Hand der Dunkelheit“ erschien 1969, gewann ein Jahr später den Hugo und den Nebula Award. Das Buch hat nicht nur die Science-Fiction verändert, sondern auch die Feminismus-Debatte der 60er- und 70er-Jahre. Bis heute inspiriert „Die linke Hand der Dunkelheit“ zahllose Autoren und Autorinnen – auch, weil dieser Roman so viel mehr ist als „nur“ ein literarischer Beitrag zur Gender-Debatte: es ist auch eine Geschichte über zwei Individuen, die auf einem fremden Planeten einen Schlitten über einen Gletscher ziehen und dabei herausfinden, was es heißt, ein „gutes“ Leben zu führen.

Ursula K. Le Guin: Die linke Hand der Dunkelheit • Roman • Aus dem Amerikanischen von Giesela Stege • Wilhelm Heyne Verlag, München 2014 • Taschenbuch • 400 Seiten • im Shop

 

2. Octavia Butler: Die Xenogenesis-Trilogie

Nach einem verheerenden Atomkrieg ist die Erde unbewohnbar geworden – doch dank der außerirdischen Oankali konnten einige Menschen gerettet werden. Die Oankali sind Gen-Händler, die durch die Galaxis ziehen. Durch ihren Drang, sich genetisch immer weiter zu optimieren, manövrieren sie sich regelmäßig in evolutionäre Sackgassen. Menschliche Gene könnten ihnen helfen. Also machen die Oankali der jungen Lilith ein Angebot: sie wollen ihr Genmaterial, um einen Mensch-Oankali-Hybrid zu züchten. Diese neue Spezies wäre sehr viel weniger aggressiv als die Menschen. Sie würde anders denken als die Menschen, deren Glaube an Hierarchien als Ursache für die Beinahe-Auslöschung identifiziert wird. Den Hybriden würden Hierarchien, auch die zwischen den Geschlechtern, nichts mehr bedeuten.
Die Xenogenesis-Trilogie kritisiert deutlich die herrschenden Machtverhältnisse in den USA der Achtzigerjahre, die so im Grunde bis heute bestehen. Patriarchat, Religion und Kapitalismus werden als Ursachen für die Vernichtung der Menschheit ausgemacht, weil diese Systeme keinen Wert auf das Individuum legen und vor allem Frauen schwächen. Die Begegnung mit den dreigeschlechtlichen Oankali, die zudem durch eine Genverschmelzung alle Unterschiede zwischen Spezies und Geschlechtern obsolet machen wollen, hält uns einen wirkungsvollen Spiegel vor.

Octavia Butler: Dämmerung. Die Xenogenesis-Trilogie, Band 1 •Roman • Aus dem Amerikanischen von Barbara Heidkamp • Wilhelm Heyne Verlag, München 2015 • E-Book • € 4,99 • im Shop

 

3. Suzette Haden Elgin: „Amerika der Männer“

Durch eine Verfassungsänderung in den USA wurden den Frauen alle Rechte, die sie sich erkämpft hatten, wieder entzogen. Sie werden zum Eigentum ihrer Väter und Ehemänner, die über jeden Aspekt ihres Lebens entscheiden. Inzwischen hat die Menschheit Kontakt zu Aliens aufgenommen. Für die Verhandlungen braucht sie Dolmetscher, also lassen die Familienclans der Linguisten ihre Frauen als Dolmetscher arbeiten. Diese Frauen entwickeln heimlich eine eigene Frauensprache, das Láadan, mit deren Hilfe sie sich den Männern widersetzen wollen.
Suzette Haden Elgin war Linguistin, und ihre Romantrilogie folgt der Sapir-Whorf-Hypothese: die Art und Weise, wie wir Menschen denken, wird von unserer Sprache geprägt. Hätten Frauen eine gemeinsame Sprache, könnten sie ihre Gedanken anders organisieren – und damit ihre von der „Männersprache“ geprägte Welt verändern. Wer das Experiment wagen will: Suzette Haden Elgin hat Láadan tatsächlich entwickelt. Es kann auf laadanlanguage.org online gelernt werden.

Suzette Haden Elgin: Amerika der Männer. Die Native-Tongue-Trilogie, Band 1 • Roman • aus dem Amerikanischen von Horst Pukallus • Wilhelm Heyne Verlag, München 2016 • E-Book • € 4,99 • im Shop

 

4. Ann Leckie: „Die Maschinen“

Breq ist eine Kämpferin, die auf einem einsamen Planeten auf Rache sinnt. Hinter ihrer verletzlichen, menschlichen Fassade verbirgt sich mehr, als es zunächst den Anschein hat: Sie wurde von den Radch geschaffen, die nach und nach das gesamte Universum unterworfen haben. Breq ist nur dem Äußeren nach eine Frau, vor allem aber ist sie ist eine perfekt konstruierte Maschine, abgerichtet zum Erobern und Töten. Nun aber beschließt sie das Unmögliche: Ganz allein will sie es mit Anaander Mianaai aufnehmen, dem unbesiegbaren Herrscher der Radch. Denn Breq will endlich frei sein.
Diese Heldin kommt aus einer Gesellschaft, die nicht zwischen den Geschlechtern unterscheidet und dessen vorherrschendes grammatisches Geschlecht das weibliche ist. Als Breq sich plötzlich in einer anderen Gesellschaft wiederfindet, die sehr wohl zwischen Geschlechtern unterscheidet, bringt das einige Probleme mit sich. Ihrer Norm folgend gendert sie jeden, den sie trifft, als „sie“, und errät das Geschlecht ihrer Gegenüber nicht immer korrekt. Auf diese einfache, aber effektive Weise führt Ann Leckie uns vor Augen, wie sehr unsere Sprache unsere Art, die Welt wahrzunehmen, beeinflusst – und vermeidet gleichzeitig jede Debatte über die Vor- oder Nachteile von Breqs Gesellschaft. Die müssen wir schon außerhalb des Romans führen.

Ann Leckie: Die Maschinen. Die Imperial-Radch-Trilogie, Band 1 • Roman • Aus dem Amerikanischen von Bernhard Kempen • Wilhelm Heyne Verlag, München 2015 • Paperback • 544 Seiten • € 14,99 • im Shop • mehr zum Thema Gender in Ann Leckies Romanen im Essay „Welches Geschlecht hat die Herrin der Radch?“ von Bernhard Kempen

 

5. Naomi Alderman: „Die Gabe“

Es sind scheinbar gewöhnliche Alltagsszenen: ein nigerianisches Mädchen am Pool. Die Tochter einer Londoner Gangsterfamilie. Eine US-amerikanische Politikerin. Doch sie alle verbindet ein Geheimnis: Von heute auf morgen haben Frauen weltweit die Gabe – sie können mit ihren Händen starke elektrische Stromstöße aussenden. Ein Ereignis, das die Machtverhältnisse und das Zusammenleben aller Menschen unaufhaltsam, unwiederbringlich und auf schmerzvolle Weise verändern wird.
… und zwar nicht unbedingt zum Guten, wie man jetzt vielleicht erwarten könnte. Aldermans Roman ist eine clevere Dystopie, die in einer Welt beginnt, die uns sehr gut bekannt ist – um dann alles auf den Kopf zu stellen. Dabei geht die Autorin sehr geschickt vor: es sind die Nebensätze, die kleinen Details, in denen deutlich wird, wie normal bestimmte Verhaltens- und Sichtweisen auf das andere Geschlecht sind, die aber bei näherer Betrachtung unsinnig und abstoßend wirken. „Die Gabe“ ist das aktuellste Buch auf dieser Liste, und es scheut sich nicht, sich vor seinen berühmten Vorgängern und Inspirationsquellen, allen voran Margaret Atwood, zu verneigen. „Die Gabe“ ist „Der Report der Magd“ der Generation Y!

Naomi Alderman: Die Gabe • Roman • Aus dem Englischen von Sabine Thiele • Wilhelm Heyne Verlag, München 2018 • Paperback • 480 Seiten • € 16,99 • ab 12.02.2018 in unserem Shop

 

Über jeden dieser Romane könnte man ganze Bücher schreiben; über einige sind bereits ganze Bücher geschrieben worden. Im Rahmen einer solchen kurzen Liste ist es unmöglich, auf alles einzugehen, was Autorinnen wie Ursula Le Guin oder Octavia Butler thematisiert haben. Und es gäbe noch eine Reihe weiterer erwähnenswerter Bücher: „Das Syndrom“ (im Shop) von John Scalzi etwa, der uns bezüglich des Geschlechts seines Protagonisten völlig im Unklaren lässt; „Die Clans von Stratos“ (im Shop) von David Brin; „The Girl Who Was Plugged In“ von James Tiptree Jr.; Joanna Russ‘ „The Female Man“ … Schreiben Sie uns Ihren Favoriten in den Kommentaren! 

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