9. September 2014 1 Likes

Elegisches Blockbuster-Kino

„Oblivion“ von Joseph Kosinski

Lesezeit: 3 min.

„Oblivion“ beginnt mit einer elegischen Stimmung, die selten geworden ist im von Blockbusterstoffen dominierten SF-Kino. Eigentlich ist nämlich alles schon längst vorbei, und man ist mit den Aufräumarbeiten beschäftigt. Jack (Tom Cruise) und Victoria (Andrea Riseborough) sind fünf Jahre auf der zerstörten, menschenleeren Erde stationiert, um die Hydrotürme zu überwachen, die Meerwasser in Energie verwandeln. Energie, die auf der Raumstation Tet und dem Saturnmond Titan dringend benötigt wird. Denn dorthin haben sich bereits vor Jahrzehnten die letzten Menschen nach der Invasion der „Plünderer“ zurückgezogen.

Jack und Victoria leben in einer prächtig designten Station, die dem Bild entspricht, das man sich zwischen den Fünfzigern und Siebzigern mal von der Zukunft gemalt hat. Weiß und minimalistisch, in seiner edlen Anmut dem kühn-kühlen Fortschrittsgeist angepasst. Man geht äußerst zivilisiert miteinander um, völlig unneurotisch und natürlich sehen die beiden „Techniker“ auch noch so aus, als wären sie gerade aus einem Werbespot gefallen, der die heilste aller Welt verspricht. Und im Hintergrund hält die melancholisch treibende Ambient-Musik von M83 alles zusammen. So schön kam die Apokalypse schon lange nicht mehr daher.

Aber der Schein trügt. Natürlich. Schon nach drei Minuten stellt man sich Fragen, und das soll man auch. Warum mussten sich die beiden Techniker das Gedächtnis vor ihrer fünfjährigen Mission löschen lassen? Wieso träumt Jack von Olga Kurylenko, mit der er auf der Aussichtsplattform des Empire State Buildings steht, obwohl er dieses Gebäude doch nie betreten haben kann? Warum besucht Jack heimlich einen idyllischen Winkel in der zerstörten Welt, abseits von riesigen Schiffswracks, ausgeglühten Wolkenkratzern und gigantischen Bombentrichtern? Und wieso erzählt er Victoria nichts davon?

Aber diese Fragen schleichen sich erst allmählich in den Film, türmen sich auf, bis man ahnt, dass da eine Pointe im Kommen ist, die diese schöne neue postapokalyptische Welt auf den Kopf stellen wird. Die rauscht dann in Form von Morgan Freeman an und zertrümmert die wunderbar inszenierte Atmosphäre des Films – denn nun kommen die bebend gesprochenen Erklärungen daher, die Cruise fressen muss, um etwas knirschend die Action in Gang zu setzen. Schließlich haben wir es immer noch mit einem Cruise-Blockbuster zu tun, da kann man ja nicht einfach in Melancholie versinken und die Pointe auf den Schluss verschieben, wo sie hingehört.

Dennoch zieht sich Joseph Kosinski (Tron Legacy), der „Oblivion“ nach einer eigenen, jedoch nie fertiggestellten Graphic Novel inszenierte, achtbar aus der Affäre. In der zweiten Hälfte kommt sein Film zwar mächtig ins Wanken und verliert an Kohärenz, aber es gibt immer wieder Momente von erstaunlicher Ruhe und einem bemerkenswerten Willen zum Stil, der kaum kompatibel ist zum Mainstream. Fast möchte man zur Schere greifen und Freeman und seine Widerstandskämpfer samt HAL-9000-Ersatz aus dem Film entfernen, denn Cruise, Riseborough (grandios!) und Kurylenko kämen gut allein zurecht.

So bleibt ein episch inszenierter Science-Fiction-Film, der den Namen auch verdient, ein Film, in dem irgendwo leise das Herz eines kleinen Meisterwerks schlägt, das am Schluss aber übertönt wird vom Krach einer banalen Action-Story, die einfach nicht nötig gewesen wäre.

Abb. © Universal Pictures

Oblivion • USA 2013 • Regie: Joseph Kosinski • Darsteller: Tom Cruise, Andrea Riseborough, Olga Kurylenko, Morgan Freeman

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