17. Mai 2017 2 Likes

Gigantische Roboter-Invasion

Der neue „Giants“-Roman von Sylvain Neuvel

Lesezeit: 3 min.

Mit seinem Debütroman „Giants – Sie sind erwacht“ legte der kanadische Sprachwissenschaftler, Software-Ingenieur, Autor, Roboter-Geek und Star Wars-Fan Sylvain Neuvel (im Shop) eines der coolsten und lesenswertesten Science-Fiction-Bücher des letzten Jahres vor. Im fesselnden ersten Band seiner Trilogie erzählte Neuvel davon, wie auf der ganzen Welt die Teile eines zerlegten riesigen außerirdischen Roboters gefunden und geborgen werden, die ein kleines, problembeladenes Team schließlich zu einer mächtigen Kampfmaschine zusammensetzt: Zur künstlichen Titanin Themis, die von den Bewegungen zweier Menschen in ihrem Kopf-Cockpit gesteuert wird und die das Herz und den Schwertarm der neu gegründeten Erdverteidigungstruppe darstellt. So weit die Story im ersten Band – jetzt ist unter dem Titel „Giants – Zorn der Götter“ der zweite Band der Trilogie erschienen.

Neuvel bleibt seinem Konzept treu und schildert die Fortsetzung um eine Invasion durch mehr als einen außerirdischen Kampfroboter wie gehabt in Form von Gesprächsniederschriften, Sitzungs- und Verhörprotokollen, Folterberichten, Nachrichtensendungen, Chatlogs, E-Mails und Tagebucheinträgen. Obwohl man diesen Trick nun schon kennt, wirkt er noch ziemlich frisch und gut. Obendrein verschafft er dem Kanadier die Möglichkeit, die massiven Auswirkungen der Invasion aus verschiedenen interessanten Perspektiven zu schildern. Mal gibt es das globale Panorama, und mal die verzweifelte Innenansicht einer der Hauptfiguren. Diese schont Neuvel im Übrigen kein bisschen und lässt sie überraschend heftig leiden, während die gewaltigen Alien-Roboter ihre fortschrittlichen Waffen gegen die gesamte Menschheit einsetzen. Es dauert nicht lange, bis die am dichtesten besiedelten Städte der Welt bedroht sind und die Titanen aus dem Weltraum die Apokalypse bringen, der sich lediglich die angeschlagene Truppe stellen kann, die Themis fand und aktivierte …

„Giants – Zorn der Götter“, das Neuvel der Dame seines Herzens und seinem verstorbenen Helden Han Solo gewidmet hat, ist ein ordentliches Sequel. Wer den ersten Band nicht gelesen hat, dürfte vermutlich nur schwer in die Handlung reinkommen und greift lieber erst mal zum tollen Auftaktroman. Leser des ersten Buches dürfen sich indes darüber freuen, dass alle Protagonisten ihren großen Moment bekommen und zugleich viele Geheimnisse gelüftet werden: Über die Absichten, die Gestalt sowie die irdischen Nachfahren der Außerirdischen zum Beispiel, die Themis gebaut und auf die Erde gebracht haben; oder über die verunsicherte Dr. Rose Franklin, die auf den letzten Seiten des ersten Teils auf mysteriöse Art und Weise von den Toten zurückkehrte. Zudem wird endlich die Hintergrundgeschichte des skrupellosen, allerdings niemals unsympathischen Strippenziehers, Manipulators und Lenkers der Erdverteidigungstruppe offengelegt, dessen Figur und Stimme wieder bestens unterhalten.

Doch der zweite „Giants“-Roman hat mehr als formale Auffälligkeiten, Enthüllungen, Roboterkämpfe, Politik, ein paar SF-Nerd-Referenzen oder die Apokalypse. Denn auch im Mittelband der Trilogie lässt Sylvain Neuvel seine Faszination für die Wissenschaft keineswegs zu kurz kommen. Zwischendurch präsentiert er seinen Lesern faktenreiche und richtig harte, jedoch stets gut erklärte und verbaute Hard-Science-Fiction aus den Bereichen Astronomie, Genetik und Chemie. An einer Stelle führt das sogar zu einer anregenden Diskussion über die Natur des Menschen, die Beschaffenheit der Seele, Gott und die Selbstbestimmung.  

Obwohl die Action und das Drama nie zu kurz kommen, ist „Giants – Zorn der Götter“ also wieder mehr als ein reines SF-Spektakel in Schlagdistanz zu „Pacific Rim“ oder „Transformers“. Und der Cliffhanger am Ende des Buches verspricht sozusagen ein gigantisches Finale.

Sylvain Neuvel: Giants – Zorn der Götter • Aus dem Amerikanischen von Marcel Häußler • Heyne, München 2017 • 478 Seiten • E-Book: 11,99 Euro (im Shop)

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