20. November 2016 2 Likes

Let’s play strange things

Das Mystery-Adventure „Oxenfree“ im Test

Lesezeit: 9 min.

Strange Visions in Nostalgic Media

In der allgegenwärtigen Flut mehr oder weniger überzeigender Netflix-Originale avancierte das zunächst unscheinbar daherkommende Stranger Things zu einem der größten und am wenigsten erwarteten Hits des Jahres. Mit konsequent durchexerziertem Retroflair insbesondere der 80er Jahre und im Gewand einer dezent düsteren, aber immer charmant an das Kind im Zuschauer appellierenden Sci-Fi-Mystery um eine Gruppe von Kindern, die nach ihrem verschwundenen Freund suchen, verstand es die Serie, speziell das Gedächtnis „erwachsener“ Zuschauer an vergangene Filmerlebnisse wie E.T. wieder aufzufrischen und jüngeren Zielgruppen den unverwechselbaren Charme einiger bis heute vielzitierter Klassiker näherzubringen. Doch Stranger Things ist nicht die einzige Erzählung, die mit ähnlicher Herangehensweise zahlreiche (Kritiker-)Herzen erobern konnte. Im Game-Bereich durfte das vom jungen Entwicklerteam Night School Studio veröffentlichte Mystery-Adventure Oxenfree mit einem vergleichbaren Fokus auf Nostalgie und gekonntem Remaking für ein wenig Furore im hart umkämpften Indie-Segment sorgen.

Ähnlich wie das Zeitschleifenabenteuer Life is strange oder die viel gerühmten Telltale-Adventures markiert Oxenfree eine zunehmend größer werdende Nische in der Gamekultur, in der sich spielerisch zwar nicht wirklich herausfordernde, aber clever mit der Story verkoppelte Spiel-Mechaniken auch ohne inszenatorisch überladenen und oftmals inhaltlich völlig redundanten Bombast zu einem packenden Erlebnis entwickeln können. Wie gerade Life is strange mustergültig vorführt, verquicken speziell Indie-Games dazu für ihre oftmals unkonventionelle Art des Erzählens bevorzugt ältere Medientechnologien wie die Fotografie, Tonaufnahmen oder das Radio, um nostalgische wie schauerliche Effekte zu erzielen und für ein in diesem Bereich oft angenehm interpretationsoffeneres Publikum mit tiefgründigen Symboliken aufzuladen.

Medientechnologien wie die eben genannten stehen nicht nur gerne leitmotivisch für die Epoche ihrer Entstehung oder die Zeit ihres populärkulturell größten Erfolges, sondern ihre spezifische Nutzung lässt sich mit bestimmten paradigmatischen Subthemen wie etwa der sehnsuchtsvoll erinnerungsfiebrigen Speicherung und gleichzeitig unvermeidlichen Vergänglichkeit eines jeden Moments aufladen (wie es sehr oft das Motiv der Fotografie metaphorisch in vielen Variationen zeigt), die wiederum im Fall inhaltlich avancierter Games wie Life is strange oder Serien wie Stranger Things ein enges Geflecht mit der vordergründigen Narration eingehen. Auch Oxenfree schlägt in diese Kerbe und lässt uns seltsame Dinge sehen, um uns mit einfachstem Gameplay nicht minder seltsame Dinge erleben zu lassen, die von einem Glanz medialer Nostalgie umgeben zu sein scheinen. Wir wagen daher einen kleinen Rückblick auf Oxenfree, das nach seinem Erscheinen zu Beginn diesen Jahres für PC, Xbox One und nachfolgend auch PS4 als zunächst vielleicht etwas unscheinbarer Titel ähnlich viel Aufmerksamkeit wie die anderen beiden „strangen“ Beispiele verdienen würde.

Genre-Fiction in 2,5D

Ein Einstieg wie er vermeintlich friedvoller, gleichzeitig für Genrekenner allerdings hintersinniger kaum ausfallen könnte: Eine fünfköpfige Gruppe von Teenagern reist per Fähre auf eine kleine verlassene Insel namens Edwards Island, um dort eine Strandparty mit Lagerfeuerromantik und ein paar kühlen Getränken zu feiern. Protagonistin des Ganzen ist das blauhaarige Mädchen Alex, die anfangs vor allem ihren für sein Alter sehr souverän auftretenden Stiefbruder Jonas im Schlepptau hat und über die gesamte Spielzeit unser einziger steuerbarer Avatar sein wird. Die in sich nicht gerade unkompliziert zusammengewürfelte Truppe wird komplettiert durch die schlagfertige Clarissa (die sich für uns bald auch als die ehemalige Liebe des verstorbenen Bruders von Alex entpuppt), den überdrehten Ren (der beste Freund von Alex) und die introvertierte Nona, für die sich Ren besonders zu begeistern scheint. Die Kommunikation und Interaktion innerhalb der Gruppe gestaltet sich aufgrund der einzelnen Charaktere von Anfang an komplex. Während Clarissa etwa auf Alex nicht sonderlich gut zu sprechen ist, da sie ihr zumindest unterschwellig eine Teilschuld am Tod ihres geliebten Boyfriends gibt, kann sich Mona trotz einer gewissen Zuneigung nicht richtig für Rens Avancen ihr gegenüber begeistern, während Jonas und Alex mit ihrem Status als Stiefgeschwister ebenfalls noch nicht völlig im Reinen zu sein scheinen.

Eine typische Genre-Basis für hinreißende Teenager-Dramen also, doch Oxenfree, das passenderweise schon vom Titel her auf Kinderreimen basiert, wie sie etwa beim Versteckspielen verwendet werden, schlägt schnell ganz andere Töne an. Von jugendlichem Leichtsinn verführt, öffnet Alex nämlich mithilfe ihres Radios ein Tor zu einer anderen Dimension, was nichts weniger zur Folge hat, als dass sich die kleine Party fortan mit unheimlichen Geistern und Rissen innerhalb des Raum-Zeit-Gefüges herumschlagen darf. Ähnlich wie in Stranger Things und Life is strange werden zunehmend verschiedene Genres zu einem ansprechend erzählten Teenager-Mystery-Drama vermengt, in dem es spielerisch im Kern darauf ankommt, die geskripteten Ereignisse verbal zu beeinflussen. Denn Oxenfree, das nicht zufällig unter anderem von Adam Hines geschrieben wurde, der schon an Telltales famos selbstreflexivem Adventure Tales from the Borderlands beteiligt war, setzt beim Gameplay fast ausschließlich auf Dialoge und belässt es ansonsten mit simplen Walking-Simulator-Einlagen wie „Gehe von Punkt A zu B und nimm eventuell einen Umweg über C“ sowie Rätseln, die ähnlich wie in den Telltale-Games mangels Herausforderung keine sind.

Wir bewegen uns meist mit Alex und einem Begleiter in sehr gemächlichem Tempo durch pittoreske Einzelareale, während die Dialoge nebenbei automatisch ablaufen. Schweigen kann dabei ebenfalls eine Alternative darstellen, da unsere Antwortoptionen bereits nach wenigen Sekunden verblassen und auch alsbald vollständig verschwunden sind. Verlassen wir einen der kompakt gehaltenen Schauplätze, in denen wir in bester Point-and-Click-Manier vorgegebene Actionpoints abklappern oder mit unserem Radio Gegenstände manipulieren um etwa Tore zu öffnen, speichert das Game unseren Spielstand automatisch ab und lässt uns jeweils zu Beginn des aktuellen Szenarios wieder starten, sollten wir eine Pause einlegen. Kämpfe oder tödliche Fallen sind Oxenfree ebenso fremd wie die vor allem aus Life is strange bekannte Option, aktiv in der Zeit zurückzugehen und getroffene Entscheidungen zu revidieren. Da das Adventure nur einen Speicherplatz zulässt, müssen wir die gut 4 bis 5 Stunden lange Storykampagne neu starten, um bestimmte von uns (wahrscheinlich) eingeleitete Manipulationen der Ereignisse neu anzugehen. Die Konzentration liegt somit komplett auf dem Eintauchen in die Story. Da sich die Figuren zwar sehr langsam bewegen, wir allerdings auch die meisten Gebiete der Insel über die von Anfang verfügbare Karte ohnehin nur einmal besuchen, kommt trotz der Gemächlichkeit aufgrund der schick gezeichneten und abwechslungsreich gestalteten Abschnitte kaum Langeweile auf. Selbst wenn wir uns in Gebäuden aufhalten und einzelne Räume wie Dachböden oder einen Atombunker durchsuchen, handelt es sich nicht um großflächige Komplexe, sondern innerhalb eines Bildausschnitts darstellbare Gebiete, die wir schnell über- und auch in ihren Strukturen durchschaut haben.

Zunächst mag das zwar designtechnisch für ein kontemporäres Adventure etwas antiquiert wirken, doch überraschenderweise funktioniert selbst der subtile Grusel bei einigen Geisterbegegnungen deshalb sehr gut, weil das malerische Ambiente beispielsweise durch die kruden Bildverzerrungen, makabere Zwischenfälle und insbesondere die Vertonung der Geister immer wieder in seiner vermeintlich malerischen Statik gebrochen wird. Es braucht eben nicht immer realistische Grafiken, verschachtelte Labyrinthe oder herumlaufende Monster, um eine stimmige, allerdings nie zu verstörende Mystery-Atmosphäre zu kreieren, die auch für Spieler geeignet ist, die sich nicht permanent gruseln oder gar ein schlimmes Finale mit ungeheuerlichen Wendungen befürchten möchten. Wobei betont werden muss, dass es Night School Studio gut verstand, mit den möglichen Endings das zuvor Erzählte würdig abzurunden.

Vocal Decision(s)

In den ausschließlich in englischer Sprache, aber rundweg hervorragend vertonten und äußerst einfühlsam geschriebenen Dialogen wählen wir mit Alex aus mehreren Antwortmöglichkeiten aus und bestimmen so nuanciert, in welche Richtung sich Gespräche und somit die Beziehungen unter den einzelnen Charakteren entwickelt. Wollen wir versuchen, unser Verhältnis zu Clarissa zu verbessern, sie isolieren oder doch lieber daran arbeiten, die zarte Bande zwischen Ren und Mona weiter zu stärken? Den Entwicklern gelingt es grandios, uns ohne plakativ stilisierte Momente immer wieder die Möglichkeit an die Hand zu geben, aktiv in das Sozialverhalten der Gruppe einzugreifen und sogar hochgradig egoistische Entscheidungen zu treffen, wenn wir das wollen.

Da sich die Geister alles andere als freundlich verhalten und temporär sogar Besitz von einzelnen Gruppenmitgliedern ergreifen, stellt sich etwa mehrmals die Frage, ob überhaupt alle Teenager heil wieder von der Insel kommen oder ob wir nicht vielleicht sogar ganz selbstbezogen nur an uns und bestimmte Figuren als potenzielle Überlebende denken möchten. Solche Entwicklungen allerdings nicht allzu leicht vorhersehbar zu präsentieren und mit den verschiedenen Endings sogar den Wiederspielwert zu steigern, ist eine der größten Stärken dieses Adventures, das mit seinen paranormalen Ereignissen und zutiefst (schwarz-)romantischen Motiven über die komplette Spielzeit in seinen Bann zu ziehen vermag.

If only I could turn back time

Doch was verbirgt sich weiter hinter der Oberfläche dieses Mystery-Walking-Simulators? Vor allem der spezielle Umgang mit Medien sowie ihre Auswirkungen auf das Gameplay und die Story faszinieren ähnlich wie in den bereits genannten Referenzen. Mit Alex spulen wir etwa ebenso Tonbänder zurück, um Zeitanomalien zu bereinigen, und geraten mehrfach in Zeitschleifen, die uns vergangene Momente mit unserem verstorbenen Bruder ins Gedächtnis zurückrufen. Ebenso erwarten uns an der ein oder anderen Stelle Wiederholungsschleifen, aus denen wir (recht leicht) einen Weg hinaus finden müssen, um überhaupt weiter die kleine Insel bereisen zu können. Genau hier liegt der mediale „Zauber“ von Oxenfree: Die Geister erschrecken uns nicht nur mit ihren Spielchen, die beispielsweise darin bestehen, uns makabre Quizfragen über zuvor gesammelte Fakten zu stellen oder uns mit (vermeintlichen) Todessprüngen unserer Partymitglieder zu quälen. Sie zeigen uns auch ohne narrativ inhärenten Zusammenhang mit dem, was sich an der Oberfläche des Teenager-Dramas abspielt, auf einer Meta-Ebene des gesamten Games letztlich sehr deutlich auf, wie wir mithilfe der mehrfach von der Gruppe gemachten Selfies und speziell innerhalb der Zeitschleifen versuchen, Vergangenes erneut zu durchleben und festzuhalten.

So wie die Geister als auskunftsfreudige Wiedergänger längst verstorbener Seelen eine Existenz angenommen haben, die darauf beruht, immer wieder auf sich und ihr Schicksal als unglücklich Verstorbene hinzuweisen, durchlaufen wir mit Alex und ihrer Gruppe eine Suche nach Momenten purer Nostalgie. Denn was für Alex die Erinnerung an ihren Bruder sein mag, die sie immer wieder zu konservieren versucht, ist für uns Spieler auf einer Meta-Ebene ein nostalgisches Aufleben großer Referenzen, die uns Games wie Oxenfree mit ihren anspielungsreichen Motiven, Soundtracks und Erzählungen erneut erleben lassen. Warum sonst sehnen sich viele Filmfans etwa nach dem Moment zurück, als sie zum ersten Mal ganz unvorbereitet dem Zauber von E.T., Poltergeist oder Zurück in die Zukunft erliegen durften? An dieses Gefühl appelliert letztlich auch Oxenfree von der ersten Sekunde an.

Fazit

Spielerische Simplizität auf hohem Story-Niveau: Oxenfree kapriziert sich nicht auf die Lösung von Rätseln oder das Erlernen von ausgefeilten Taktiken, sondern legt beispielsweise mit inszenierten Flimmer-Effekten alter VHS-Tapes im Rahmen einer subtilen wie intensiven Story ein klug eingesetztes Bewusstsein für Mediengeschichte an den Tag, das dieses Adventure zu deutlich mehr erhebt als eine schaurig angehauchte Geschichte zu sein über Teenager, die sich neben Gesprächen über Schulstress, Liebe und Tod auch noch mit bösen Geistern und deren multimedialen Schauerstücken herumschlagen. Das Team von Night School Studio verbindet speziell für Kenner der letzten gut drei Jahrzehnte Medienkultur verschiedene Genre-Elemente zu einem Spielerlebnis, das uns daran erinnert, wie dramatisch einfach das Wieder- und eben „Nicht-mehr-Erleben“ eines Augenblicks in Form von hartnäckig flüchtigen Erinnerungen inszeniert werden kann.

Dass man Oxenfree darüber hinaus vielleicht sogar als implizite Kritik an Games lesen könnte, die mit so manch platt aufgesetzter Herausforderung nur die sogenannte Nettospielzeit ohne wirklichen (Story-)Wert zu strecken versuchen, bleibt als These mal in den Raum gestellt. Was aber in jedem Fall bleibt, ist ein ganz auf Dialoge fokussiertes, atmosphärisch trotz simpelstem Gameplay meisterhaft umgesetztes Adventure, das sich nur unzureichend auf das Label „packende Geistergeschichte“ reduzieren lässt. Action-Fans und Spieler, die kein Game ohne Run-Funktion mögen und extrem kleine Figuren als ästhetisches Ärgernis empfinden, sollten allerdings unbedingt die Finger von Oxenfree lassen. Denn der Zauber hört sicher dann auf, wenn man Story und Atmosphäre komplett ausblendet. Aber wer würde das bei einem solchen Titel schon wollen.

Oxenfree  • Night School Studio • Mystery-Adventure

Abb. © Night School Studio

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