2. April 2026

„Alpha“ – A ist immer noch ein Makel

Julia Ducournau („Titane“) meldet sich mit einer wuchtigen, düsteren Aids-Allegorie zurück

Lesezeit: 3 min.

Auf einer Party lässt sich die 13jährige Alpha (Mélissa Boros) ein Tattoo stechen: Wie ein Blitz wirkt das A, das nun ihren Oberarm ziert. Dass ein so junges Mädchen auf Partys anzufinden ist, könnte für eine gewisse Verwahrlosung sprechen, doch das Gegenteil ist der Fall. Ihre Mutter (Golshifteh Farahani) liebt sie über alles, zieht sie seit Jahren allein auf – vom Vater ist nie die Rede – und hat es bis zur Position einer Ärztin geschafft.

Anderen zu helfen scheint der Mutter, die namenlos bleibt, angeboren zu sein, denn auch ihren Bruder Amin (Tahar Rahim) pflegt sie, nimmt ihn auf, wenn die Sucht ihn wieder einmal obdachlos gemacht hat, rettet ihm das Leben, wenn er einer Überdosis nahe ist.

Und als Ärztin weiß die Mutter, welche Gefahr das unbedachte Tattoo für ihre Tochter bedeutet: Ob die Nadel sauber war, will sie von Alpha wissen, ob sie vorher in einem anderen Arm steckte, mit fremdem Blut verschmutzt war. Denn mittels Blut wird das Virus übertragen, das auch von Amin längst Besitz ergriffen hat, das auch die Patienten in dem Krankenhaus quält, in dem die Mutter arbeitet: Mehr Palliativstation als Krankenhaus, denn das Virus marmorisiert die Körper der Infizierten, ergreift langsam aber unausweichlich vom ganzen Körper Besitz und verwandelt ihn in eine Statue von unwirklicher Schönheit.

Das A auf Alphas Arm bezieht sich einerseits auf ihren Namen, zitiert das A, das die Ehebrecherin Hester Prynne in Nathanial Hawthrones Roman „Der scharlachrote Buchstabe“ als Zeichen ihrer Transgression tragen musste, und verweist schließlich auf AIDS.

Zwar wird in „Alpha“ nie explizit von AIDS oder HIV gesprochen, aber die Bezüge sind mehr als deutlich. In einer Art Parallelwelt spielt die Geschichte, die so aussieht wie die Welt Anfang der 90er Jahre, in der AIDS seinen größten Schrecken hatte, die sich aber universeller und am Ende auch phantastischer entwickelt.

Wirkt „Alpha“ anfangs noch wie eine jener Geschichten, in denen eine Außenseiterin, von ihren Mitschülern ausgeschlossen und gehänselt wird, entwickelt sich Julia Ducournaus Film bald zu etwas anderem, interessanteren. Zunehmend wird die Welt außerhalb der Wohnung der Mutter ausgeblendet, konzentriert sich die Geschichte auf Alpha, die Mutter und Amin. Gegenwärtiges verschwimmt mit Erinnerungen, in manchen Szenen scheint Alphas 13jähriges mit ihrem 5jährigen Ich zu verschmelzen, wie ein Fiebertraum oder den Wahnvorstellungen eines Heroinrausches.

Ihren Darstellern verlangt Julia Ducournau dabei einiges ab, besonders Mélissa Boros, die hier in ihrer ersten Rolle zu sehen ist und neben Golshifteh Farahani und besonders Tahar Rahim besteht. Abgemagert, mit herausstehenden Rippen, verkörpert Rahim seine Figur, zeigt auf berührende Weise sein Leid, seine Sucht, bald auch seinen Wunsch auf Erlösung von seinen Qualen.

In vielerlei Hinsicht mutet „Alpha“ weniger radikal an als Ducournaus frühere Filme „Raw“ und „Titane“, die bisweilen ihre Lust an der Provokation ausstellten. „Alpha“ dagegen wirkt reifer, bewusster, verliert sich nicht mehr in betont transgressiven Momenten, sondern beschreibt auf emotionale und besonders in der zweiten Hälfte mitreißende Weise, wie drei Menschen herausfinden wollen, wann und ob es sich zu Leben lohnt. Ein überraschendes, hartes, berührendes Drama über die Folgen einer Epidemie auf eine Familie.

Alpha • Frankreich, Belgien 2025 • Regie: Julia Ducournau • Darsteller: Mélissa Boros, Golshifteh Farahani, Tahar Rahim • im Kino • Abb. © Plaion Pictures

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