8. August 2014 4 Likes 3

Science-Fiction leicht gemacht

Ein Handbuch verhilft Autoren zur perfekten Geschichte – Eine Kolumne von Adam Roberts

Lesezeit: 7 min.

Der SF-Plottefix ist das unverzichtbare Werkzeug eines jeden Science-Fiction-Autors. Schon bald wird es die App zum Download geben – oder der ambitionierte Schriftsteller wird ihn sich (sobald die letzten Kinderkrankheiten dieser Technologie beseitigt sind) direkt ins Hirn streamen können. Bis dahin müssen wir uns wohl mit der Printausgabe begnügen, doch auch in dieser altmodischen Form ist der SF-Plottefix bei der Handlungserstellung von SF-Romanen unerlässlich.

Das Buch liegt gerade aufgeschlagen vor mir. Hier ein Auszug aus dem aufrüttelnden Vorwort:

Oft wird behauptet, dass die Scien-Fict zu handlungsorientiert sei. Wir sind der Ansicht, dass die Fantasie des Scien-Fict-Schreibers von der lästigen Pflicht, einen Plot zu ersinnen, befreit werden muss.  Erst dann kann er – oder sie – sich zu den höchsten, sternenübersäten, galaktischen Höhen aufschwingen. Entfesseln Sie mit dem SF-Plottefix Ihre Kreativität! Der SF-Plottefix bietet Ihnen wissenschaftlich geprüfte, von Experten genau auf Ihre Bedürfnisse zugeschnittene Handlungen – also schreiben Sie! Schreiben Sie!

Revolutionär. Kurz gesagt beinhaltet der SF-Plottefix alle SF-Handlungen, die jemals geschrieben wurden oder noch geschrieben werden. Er stellt ein Sortiment von Standardfiguren (seriöse Studien haben bewiesen, dass sich die Leser einzig und allein mit solchen identifizieren können) und die Ausgangssituation zur Verfügung und bestimmt dann Konflikte und Entwicklungen, These und Antithese: den ganzen mühseligen Handlungskram. Der Autor muss das alles nur noch mit einer persönlichen Note versehen und ein paar Dialoge hinzufügen – fertig ist der Bestseller.

Für mich ist das ein wahrer Segen, denn mein soziales Umfeld, meine Beziehung, meine Kinder, mein Beruf – kurz gesagt, mein ganzes hektisches Leben lässt mir wenig Zeit, um tatsächlich Romane zu schreiben. „Autor sein“ ist cool: die Anerkennung, der Ruhm, die Talkshowauftritte. Das Schreiben dagegen ist reine Plackerei. Wie soll ich ohne die Hilfe von SF-Plottefix jemals die vielen Romane zu Papier bringen, die mein Verlag von mir verlangt?

Ich öffne das Buch an einer zufälligen Stelle:

Ausgangssituation 54a. Auf einem Jupitermond wird ein riesiges außerirdisches Artefakt entdeckt, viele Jahrmillionen älter als die menschliche Zivilisation. X, ein Archäologe, betrauert immer noch seine Frau Y, die vor zwei Jahren bei einem Schwebeautounfall tödlich verunglückte. Er kämpft sich bis ins Zentrum des außerirdischen Artefakts vor und öffnet Siegel, die seit Jahrtausenden verschlossen waren; genau in der Mitte des Artefakts findet er Ys Körper, der sich in einer Art Kälteschlaf zu befinden scheint.

Aha! Das Unerklärliche, verstärkt durch die ungeheure Dimension und Rätselhaftigkeit des Artefakts. Ich sehe das dicke Buch mit meinem Namen auf dem Cover schon vor mir. Vielleicht sogar ein Buch (und das ist der Heilige Gral der SF), das dicker als breit ist. Nein, noch besser: Ich sehe eine Serie vor mir – eine Trilogie – eine Zehnalogie. Ich kann es kaum erwarten, endlich loszulegen.

Doch zunächst müssen wir uns die Hauptfiguren aus der bereitgestellten Liste zusammensuchen:

X Held

X-2 Helfer von X

X-3 Gegenspieler von X

X-3a untergeordneter Gegenspieler; Helfer von X-3

X-4 Mentor von A (vorzugsweise der Onkel)

A-3 Außerirdischer Kumpel von A

A-6 Mächtiger intergalaktischer Bösewicht

Außerdem gibt es eine ähnliche Liste weiblicher Dramatis personae:

Y Heldin

Y-2 weibliche Freundin von Y (weniger attraktiv)

Y-3 weibliche Rivalin von Y

Und so weiter. Anhänger des russischen Formalismus dürften sich hier schnell zurechtfinden; Vladimir Propp wird im SF-Plottefix übrigens in den Danksagungen erwähnt (Zitat: „Danke, Vlad! Erpfähl uns noch ein paar Geschichten …“). Und natürlich wissen wir alle, wie viele Blockbuster Joseph Campbells „Der Heros in tausend Gestalten“ hervorgebracht hat.

Nun zu den Ausgangssituationen. Diese werden auf neunzehn Seiten in unterschiedliche Kategorien eingeteilt:

Weltraumreisen

Zeitreisen

Technologie-Abenteuer

Missionen & Schatzsuchen

Sozialkritisches

Unter „Sozialkritisches“ findet sich nur ein Eintrag:

Die Welt wird von einer gewaltigen Maschine beherrscht, 872, 1103b.

Ich weiß nicht so recht, was diese Zahlen zu bedeuten haben. Ist das die Seriennummer dieser gewaltigen Maschine? Aber lassen wir uns nicht von „politischer“ SF ablenken und betrachten wir einige der Situationen genauer, in denen sich X wiederfinden könnte:

X gehört einer Spezies von katzenähnlichen Außerirdischen an. Zu Spionagezwecken lässt er sich durch Mikrochirurgie in einen Menschen verwandeln. Leider vergessen die Ärzte, ihm den Schwanz abzunehmen, 882, 1067.

X hat einen Unfall mit einem Schwebeauto. Im Krankenhaus wird ihm eröffnet, dass er eigentlich ein Außerirdischer oder ein Roboter ist, 2312, 1123.

X hat in seiner Jugend Football gespielt. Jetzt, in hohem Alter, fällt er durch ein Wurmloch in die Vergangenheit zurück und erhält ein Zukunftselixier, das ihm die Unsterblichkeit verleiht – vorausgesetzt, er trinkt es vor seinem zwanzigsten Geburtstag, 351.

X lernt im 24. Jahrhundert in einer Bar einen Fremden kennen, der behauptet, der romantische Dichter Byron zu sein. Nach mehreren Wochen wird klar, dass diese Person tatsächlich Byron ist, 49.

X hat für X-4 die Galaxie erobert und kehrt mit seiner ruhmreichen Armee nach Hause zurück, um X-4s Tochter zu heiraten. Doch in seiner Abwesenheit wurde sein Heimatplanet von einem Geschlechtsbazillus befallen, der alle Männer in Frauen verwandelt hat und umgekehrt. Um die politische Stabilität nicht zu gefährden, muss er die uralte und gebrechliche X-4 heiraten, 1409.

So richtig begeistern kann mich keine dieser Ausgangssituationen. Ich brauche etwas, das Gefühle in meinen Lesern weckt, etwas „Menschelndes“.

X zweifelt die Realität der Realität an, 933.

Das ist schon vielversprechender! So eine Geschichte kann ich schreiben, damit können sich meine Leser identifizieren. Ich zweifle ja selbst jeden Morgen nach dem Aufwachen die Realität der Realität an. Die Zahlen am Ende sind offenbar Referenznummern, die auf einen anderen Abschnitt des Buches verweisen. Wahrscheinlich werden sie in der Online-Version des SF-Plottefix durch Hyperlinks ersetzt. Doch auch in Buchform habe ich es im Nu nachgeschlagen:

933. X zweifelt die Realität der Realität an.

Es folgen drei weitere Referenznummern.

1146. X ist mittleren Alters. Er wurde gerade bei einer Beförderung übergangen und verdächtigt seine Frau, eine Affäre zu haben, 67.

Genau so stelle ich mir das vor! Die Story packt einen sofort: die Reibereien zwischen X und Y („Ich weiß alles, Y!“), die quälenden ontologischen Zweifel an der Realität der Realität. Ist das real? Ist überhaupt irgendetwas real? Inzwischen hantiere ich so flink mit den Seiten wie ein Croupier in Las Vegas mit seinen Spielkarten.

67. Y arbeitet als Programmiererin/Vortual-Reality-Designerin. Eines Tages loggt sie sich während der Arbeit aufgrund einer Teilraumanomalie in einen außerirdischen Server ein. Ihre eigentlich unspektakulären Programme/Entwürfe haben schreckliche Auswirkungen auf diese weit entfernte Kultur. Y wird sich dieser Tatsache erst durch eine beiläufige Bemerkung von Y-3a bewusst. Sie hat tiefe Schuldgefühle, 2020, 1565.

Ist „Vortual Reality“ ein Druckfehler oder ein aufregendes neues SF-Genre, das womöglich einen virtuellen Vortex zum Thema hat? Egal, jetzt bin ich gespannt, wie es weitergeht.

2020. Y ist in ihrem Schwebeauto auf dem Weg nach Hause. Plötzlich fängt sie an zu halluzinieren und glaubt, sie wäre im New York der Dreißigerjahre. Sie lenkt das Schwebeauto in das Empire State Building, das leider keine Halluzination ist. Nach dem Crash wacht sie in einem Krankenhausbett auf. Sieben Monate sind vergangen, 1488.

So also laufen die Fäden der Geschichte zusammen. Der Crash symbolisiert die zerrüttete Beziehung; die Halluzinationen nehmen Bezug auf die Ausgangssituation (ist die „Realität“ real?). Die Auflösung des Ganzen muss gleich um die nächste narrative Ecke liegen. Doch der entsprechende Verweis führt uns in eine ganz andere Richtung:

1488. X, zeit seines Lebens Vegetarier, strandet mit seinem Raumschiff auf einem abgelegenen Planeten, dessen Umwelt ausschließlich aus Fleisch besteht (Fleischbäume, Fleischgras, Fleischtiere) und auf dem es keine pflanzlichen Lebensformen gibt. Um seine Prinzipien nicht zu verraten, geht X freiwillig in den Hungertod, 1666, 1765.

Langsam kommen mir leichte Zweifel. Ich blättere weiter.

1765. Y wird beschuldigt, Y-2 ermordet zu haben. Um dem Roboterpolizisten zu beweisen, dass sie nicht in der Lage ist, einem menschlichen Wesen etwas anzutun, greift sie die Maschine an. Sie erschießt den Polizisten, woraufhin sich herausstellt, dass er ein Mensch mit mehreren künstlichen Körperteilen war. Der Polizist stirbt, und Y muss die Flucht ergreifen, 209.

Y-2 ist kaum erst aufgetaucht und wird schon ermordet? Das kommt mir etwas plötzlich vor. Wieso glaubt Y, ihre Unfähigkeit, einem Menschen etwas zuleide zu tun, dadurch beweisen zu können, indem sie eine Maschine angreift? Trauert sie nicht um ihren Mann, der auf einem weit entfernten Fleischplaneten verhungert ist? Natürlich stand es mit ihrer Ehe nicht zum Besten, aber das erscheint mir dann doch extrem. Vielleicht sollten wir direkt zum Ende blättern.

E-4. Wie sich herausstellt, ist nur X-4ii am Leben, alle anderen sind tot. Ihre Bewusstseine wurden in einem riesigen Computer gespeichert, auf den X-4ii nur beschränkten Zugriff hatte.

Dieses Ende gefällt mir gar nicht, obwohl es ja schon irgendwie Bezug auf die Ausgangssituation nimmt. Aufs Geratewohl versuche ich es mit E-9.

E-9. X, X-2 und X-9 schreiten eng umschlungen auf Objekt B zu, wobei sie „Hoch auf dem gelben Wagen“ singen.

Das ist ja noch schlimmer. Was soll man davon halten? Ist der SF-Plottefix etwa Humbug? Kann nicht sein – bestimmt habe ich einen Fehler gemacht. Ein letzter Versuch:

E-13. Eine geheimnisvolle Botschaft erscheint auf Xs Badezimmerspiegel – angeblich wird X die Lösung auf all seine Fragen finden, wenn er ein Raumschiff besteigt und zum geheimen Sternenreich von Arzo fliegt. X beschließt, sich auf diese gefährliche Reise zu begeben [vgl. Kapitel Ausgangssituationen, Abschnitt „Missionen & Schatzsuchen“].

Ich verstehe! Kein ernstzunehmender SF-Leser ist an einem vernünftigen Ende interessiert. Der richtige Fan will eine Fortsetzung. Jetzt muss ich nur noch schnell die Leerstellen füllen. Dieser erstklassige Plot ist garantiertes Bestsellermaterial – aber vergessen Sie nicht: Er gehört mir. Nicht abschreiben. Kaufen Sie sich Ihre eigene Ausgabe des SF-Plottefix. Oder, um es mit den Worten dieses großartigen Buches auszudrücken: 1602, 234, 1194.

Adam Roberts ist Science-Fiction-Autor und Dozent für Englische Literatur an der University of London.

Kommentare

Oh, ich kann es kaum erwarten, bis dieses Meisterwerk erscheint! Das Cover wird, nehme ich an, mit dem Pulp-o-Mizer erstellt? http://thrilling-tales.webomator.com/derange-o-lab/pulp-o-mizer/pulp-o-mizer.html

Bild des Benutzers Shrike

Da kann ich nur mit 902, 1675 und 1848 contern!
Die Revolution der Revolution - großartig.

Bild des Benutzers Sebastian Pirling

Das Ganze gibt es auch als tragbares Gerät mit rotem Knopf und Live-Inszenierung = das Plot Device(C)(R)(TM) https://www.youtube.com/watch?v=itMHVpXo2lU

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