Mike Flanagans „Carrie“ – Peak Spoiler
Ein paar Takte zur Neuverfilmung des Stephen King-Romans
Es ist ein bisschen seltsam, dass man sich dafür rechtfertigen muss, einen sehr kurzen Beitrag über eine Serie zu schreiben, die man ganz gesehen hat. Aber sei’s drum. In Anbetracht der vielen Texte, die in den letzten Tagen über Mike Flanagans „Carrie“-Adaption auf Amazon Prime geschrieben wurden, und die offenbar weitgehend auf der ersten Folge basieren, oder deren Autoren sich davor fürchten, Spoiler in die Welt zu setzen, denke ich einfach mal, fuck it. Wem die Headline nicht Warnung genug war: Ab hier:
+++ SPOILER +++

Ich will auch gar nicht zu sehr ins Detail gehen, das ist die Sache gar nicht Wert. So viel: Der Roman von Stephen King (im Shop) nimmt sich, grob vereinfacht, das Thema „Schul-Bullying“ vor. Man kann das leicht ins Große übersetzen: Menschen in Gruppen haben die Tendenz, Hackordnungen herzustellen und sich dabei widerlich zu benehmen. Im Prinzip ziemlich zeitlos, es ist legitim, ein Update für die jeweilige Gegenwart zu erstellen.
Reviews und allgemeine PR rund um die Serie suggerieren nun, dass Flanagan das so angeht: Was wäre, wenn „Carrie“ im Social-Media-Abschnitt des Anthropozäns spielen würde? (Blöderweise wurde er dabei rechts vom KI-Abschnitt überholt, was schon ein niedlich-böser Witz am Rande ist.) Man ist sich einig, dass das die große Veränderung gegenüber King bzw. der Brian De Palma-Kino-Adaption von 1976 ist, und der Grund, warum die TV-Serie mindestens sehenswert ist.
Stimmt aber nicht. Das große Update ist folgendes: Diese „Carrie“ soll die erste Staffel einer Serie sein, in der die gebeutelte Heldin in den Krieg zwischen Mutanten und denen gerät, die Muties ausrotten wollen. Carrie beherrscht schließlich die Gabe, Objekte zu bewegen, ohne sie zu berühren. Als King den Roman ca. Anfang/Mitte der 1970er schrieb, gab es die X-Men von Marvel Comics schon seit einigen Jahren, King hat es damals vorgezogen, keine Superheldin aus ihr zu machen. Fern ist die Idee aber nicht.
Flanagan steckt niemanden ins Kostüm, er orientiert sich eher an Filmen wie „Chronicle“. Es bleibt aber Superhelden-Genre mit leicht verschobenem und gar nicht sooo seltenem Ansatz.
Die Verschiebung ins Superhelden-Genre ist bereits in der 1. Folge der Serie klar erkennbar, Flanagan versteckt es nicht. Er tut auch gar nicht so, also müsse er die Spannung aufbauen, „wie das Bullying denn ausgeht“. Er macht es wie James Cameron in „Titanic. Die allermeisten, die einschalten, werden wissen, dass es mit Prom-Blutdusche und Turnhallenmassaker endet, „Carrie“ ist eine Popkulturikone. Also beginnt Flanagan mit der Ermittlung nach dem Inferno und geht dann in die ganz große Rückblende.
Die von der ersten Sekunde an präsenten „Anspielungen“ auf „mehr“ werden eingebaut, weil acht Stunden Warten auf einen Höhepunkt, den man bereits kennt, eine verdammt lange Zeit ist. Deshalb läuft das World Building nun parallel in jeder Folge. Wir erfahren von zig „Mystery“-Vorfällen in den letzten Jahrhunderten, von Menschen mit „Gaben“, alles Mögliche zwischen Jeanne d’Arc und „China National Highway 110 traffic jam“. Flugs wird Carrie auch eine Mentorin zur Seite gestellt, die die Superkraft sogar ganz klassisch auf dem Schrottplatz mit ihr trainiert. Das bleibt zwar eine Weile noch etwas in der Schwebe, ist aber am Ende eben: Origin-Story.
Und weil der Weg zum Finale lang ist, packt Flanagan unterwegs noch eine Menge Sachen rein, die einfach mal so hingeworfen werden. Religiöser Irrsinn, rechter Verschwörungswahn, Pädophilie, Hexenkult, miese Mütter, miese Väter, miese Anwälte, miese Schulleiter, schwule Lehrer, Eltern/Lehrer-Stress, erster Sex, Schwangerschaftspanik, Drogen, Schulmassaker-Drill, Schulaufstand, Schlichtungsversuche … der Kopf schwirrt, das Gehirn käst. Ein wirres, inkonsequentes Knäul, das nicht einmal das Social-Media-Thema so laserscharf in den Fokus nimmt, wie man sich vielleicht vorher ausmalt.
Richtig bizarr wird es, wenn gegen Ende der 7. Folge dann die Prom naht. Als hätte er (berechtigte) Angst gehabt, sich mit den berühmten Bildern von De Palma anzulegen, belässt es Flanagan bei der gestalterisch ödest denkbaren Inszenierung, ohne einen Hauch von Stil, ohne auch nur eine eigene Idee anzudeuten. Die Party wird schlicht sehr schnell abgehakt. Kings bzw. De Palmas Finale ist eben nicht Flanagans Finale, es geht mehr darum, eine zweite Staffel vorzubereiten: Ergo: Carrie lebt, bekommt von ihrer Super-Mentorin die Einweisung in die Welt der Mutanten, fährt gen neues Leben. Plus: Neue Figuren werden eingeführt, darunter eine, die von Fantastik-Mainstay Katee Sackhoff gespielt wird.
To be continued.
Abb. Amazon Prime
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