„Stranger Things: Finale“ – Die Last des Erfolges
Die Duffer-Brüder quälen sich zum Ende ihrer Erfolgsserie.
Wenn in der finalen Folge der Netflix-Erfolgsserie „Stranger Things“ das Böse, ein bizarres Monster namens Vecna, dann endgültig, jetzt aber wirklich, ganz bestimmt, besiegt wurde, dauert es noch fast 50 Minuten, bis dann auch der Abspann beginnt. Was ein wenig das Problem einer Serie auf den Punkt bringt, von der am 15. Juli 2016, als die ersten acht Folgen auf einen Schlag veröffentlicht wurden, sicher keiner der Beteiligten dachte, dass sie sich zu einer der definitiven Serien unserer Zeit, also der Streaming-Ära, entwickeln würde.
Nach nun fünf Staffeln endet „Stranger Things“ mit 42 Folgen, deutlich weniger als zum Beispiel die 82 von den „Sopranos“ oder die 92 von „Mad Men“, zwei andere Serien, die gern als leuchtende Beispiele für die „Goldene Ära der Serien“ herangezogen werden, in der wir angeblich leben oder zumindest lebten.

Was „Stranger Things“ von diesen und etlichen anderen Serien unterscheidet, zeigt sich nicht erst aber besonders frappierend in der letzten Staffel: Eigentlich kann man diese Serie kaum als Serie im klassischen Sinn betrachten, also als Abfolge wöchentlich neuer Folgen, sondern als einen sehr, sehr langen Film, der nun, nach fast zehn Jahren, einen Abschluss findet.
Ein Vergleich zu einer der Erfolgstrilogien der jüngeren Kinogeschichte liegt aus vielerlei Gründen nahe: „Herr der Ringe“, der in drei Filmen eigentlich eine Geschichte erzählte und am Ende gefühlt ein halbes Dutzend Endszenen aneinanderreihte, die wirklich jeder Figur einen letzten Auftritt gönnten.
Einen Unterschied gibt es natürlich: Bei der Tolkien-Verfilmung war von Anfang an klar, dass es auf drei Filme hinauslaufen würde, während die Macher von „Stranger Things“, die Brüder Matt und Ross Duffer, vom Erfolg überrascht wurden und sich nach einer an sich durchaus abgeschlossenen ersten Staffel eine ausufernde Mythologie ausdenken mussten, um dem Wunsch von Netflix nach weiteren Staffeln gerecht zu werden.

Immer ausufernder wurde in der Folge das Figurenpersonal in der Kleinstadt Hawkins dadurch, immer wuchernder, komplizierter und auch konfuser die Mythologie um die Gegenwelt Upside Down, in der finstere Kräfte walteten, an denen auch das finstere Militär Interesse hatte. Die anfangs noch kindliche „Dungeons & Dragons“-Gemeinschaft wird inzwischen von jungen Erwachsenen gespielt. Rückblenden zu den ersten Momente der Serie zeigen schmerzhaft, dass viele der Darsteller anfangs noch durch ihre kindliche Unschuld überzeugten, sich aber nun heraustellt, dass gewiss nicht alle von ihnen langfristig im Beruf des Schauspieler Erfolg haben werden.
Wobei, genau sagen lässt sich das nur zum Teil, denn fast die gesamte finale Staffel besteht aus Momenten höchster Dramatik, in denen die Figuren mit größter Emphase von der Gefahr berichten, die ihnen droht und komplizierten Pläne erläutern, mit denen das Böse besiegt werden soll. Stilistisch sieht das zwar immer wieder erstaunlich gut aus, aber was soll man sagen: Es zieht sich dann doch.
Trotz aller erzählerischen Qualitäten, die die Duffers über fünf Staffeln bewiesen haben, wurden sie im Laufe der Serie zunehmend zum Opfer ihres eigenen Erfolges. Immer mehr Folgen wollte Netflix haben, immer mehr Minuten, denn das ist die Währung, um die es hier geht. Was am Anfang noch originell und frisch wirkte, wurde so im Laufe der lange Jahre (auch durch Corona und Streiks in Hollywood verzögert), zu einem sich zunehmend wiederholenden Selbstzitat.

Wie anders war es dagegen vor ein paar Jahren bei der deutschen, ebenfalls von viel 80er-Jahre-Nostalgie geprägten Serie „Dark.“ Diese war von Anfang an auf drei Staffeln angelegt, verfolgte eine Struktur, die klar um eine Trinität aufgebaut war, in drei Zeitebenen spielte, und dadurch zu einem sehr befriedigenden Ende fand. „Stranger Things“ dagegen verzettelte sich zusehend in überbordendem visuellem, aber auch erzählerischem Exzess und viel zu vielen Figuren.
Ob Netflix in absehbarer Zeit noch einmal derart viel Geld in eine Serie steckt, bleibt abzuwarten, noch interessanter wird allerdings die Frage, was sich die Duffer Brüder zukünftig ausdenken werden, dann bei ihrem neuen Auftraggeber Paramount.
Stranger Things • USA 2025 • Showrunner: Matt und Ross Duffer • Netflix
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