SF-Epen, Serienmörder-Soziogramme und Lovecraft-Shorties
Phantastik-Comic-Neuheiten im Februar
Philippe Cazas „Die Welt von Arkadi“ erscheint erstmals komplett, H. P. Lovecraft bleibt Gou Tanabes Steckenpferd, und gleich zwei Serienkiller-Comics zeigen viel von dem Jahrzehnt, in dem sie spielen.
Caza: Die Welt von Arkadi
In diesem Jahr feiert der Splitter Verlag 20-jähriges Jubiläum, und aus diesem Anlass werden die limitierten 10-Jahre-Splitter-Jubibände, die seitdem im Halbjahrestakt erschienen, von einer neuen „Staffel“ abgelöst. Die kommt noch eine Spur edler daher mit einheitlichen lilafarbenen Leinenrücken und großformatiger Cover-Präsentation (die bei den Vorgängern zugunsten der verlagseigenen Reihengestaltung noch verkleinert ausfiel). Man rühmt diesmal also weniger sich selbst als die verlagsrepräsentativen Künstler*innen und hat mit dem französischen Phantastik-Maestro Philippe Caza (der kürzlich schon die alte Jubiläums-Reihe beendete) auch buchstäblich ein Schwergewicht ausgewählt. Zehn Alben umfasst dessen Epos „Die Welt von Arkadi“, was kumuliert mit Vor- und Nachwort sowie ein paar Illustrationen einen über 500-seitigen Trumm ergibt. Damit liegt diese 1989 gestartete SF-Fantasy-Odyssee, an der Caza 20 Jahre lang gearbeitet hat, erstmals vollständig in deutscher Übersetzung vor, deren Editiongeschichte nicht unkompliziert war, weil sich auch innerhalb der Serie der Wandel der europäischen Comic-Kolorierungstechnik niederschlug: Die ersten sechs Alben wurden von Caza und seiner Mitarbeiterin Scarlett Smulkowski noch traditionell koloriert, die weiteren vier hingegen digital. Die vorliegende Ausgabe verdankt sich einer erfolgreichen Crowdfunding-Kampagne des Humanoids Verlags aus dem Jahr 2024, mit deren Hilfe eine komplexe Restaurierung der Seiten unter Aufsicht Cazas finanziert werden konnte. So wurde dank des Einsatzes der Fans wieder mal ein Stück europäischer Genre-Comicgeschichte gerettet, und auch das beste, herrlich existenzialistische Kapitel, das sich komplett im Innern eines gigantischen Wals abspielt, bleibt uns hiermit schöner denn je erhalten.
Caza: Die Welt von Arkadi • Splitter Verlag, Bielefeld 2026 • Hardcover • 528 Seiten • 99,80 Euro
Ully Arndt: Der goldene Handschuh Band 1
Nach einer Verfilmung von Fatih Akin wurde Heinz Strunks True-Crime-Serienkiller-Bestseller nun auch als Comic adaptiert – ein Stoff, den man nicht unbedingt vom Ottifanten- und „Playboy“-Altherrenwitze-Zeichner Ully Arndt erwartet hätte. Der hat seinen Stil völlig umgekrempelt und suhlt sich in einer Verfallsästhetik, als ob Guido Sieber es noch mal wissen wollte. Aufgedunsene Leiber, Detailaufnahmen hervorquellender, blutunterlaufener Augen, vom Alkohol zerschundenener Visagen und Zähne, aufgerissener Münder mit belegten, glibbrigen Zungen, die Wohnungen und Kneipen voll mit Rauchschwaden, Eckes Edelkirsch, NS-Nostalgie – irgendwie schlagerhaft und von Sozialromantik und Milieupornos so weit entfernt wie Strunk von Charlotte Link. Arndt setzt auf den Zeitkolorit der Vorlage, dem auch der Film treu nacheiferte: In den Bildern hat sich der Muff der alten BRD festgesetzt. Keine Frage, das ist auf jeder Seite stimmig, aber Kontroversen wie die exzessiv-dokumentarische Härte des Films wird diese Drittauswertung nicht mehr anstoßen.
Ully Arndt: Der goldene Handschuh Band 1 • Carlsen, Hamburg 2026 • 114 Seiten • Flexcover • 20,00 Euro
Teresa Valero: Contrapaso Band 2
Im Vergleich folgt die Spanierin Teresa Valero in ihrer Serienkiller-Erzählung „Contrapaso“, die 2022 für den Max-und-Moritz-Preis nominiert war, einem facettenreicheren Konzept. Die Story spielt im Madrid der 1950er-Jahre. Der Mörder wütet sich also durch franquistische Zeiten, und diese gesellschaftliche Atmosphäre ist bei den Ermittlungen zweier gegensätzlicher Zeitungsreporter einer Madrider Tageszeitung – der eine jung, ehrgeizig und kürzlich aus Paris zurückgekehrt, der andere ein verbitterter Falangist, der sich von Francos Diktatur längst abgewandt hat – ständig spürbar. Zwar ist das Setting fiktiv, doch gingen ihm lange Recherchen voraus, die sich in den üppigen animationsfilmerprobten Zeichnungen Valeros, die von feinen Details wimmeln, zu einem wahren Zeitdokument verdichten. Im ersten Teil lieferten das „Euthanasie“-Programm und die Menschenexperimente der Nazis die Stoßrichtung der Ereignisse, im zweiten ist es der Filz aus Filmindustrie, Zensurbehörden und Schattenwirtschaft. Dass diese harte Story sogar kurze Momente der Komik zulässt, wie sie ohnehin eine große Variabilität der Töne auszeichnet, ist nur ein weiterer Baustein ihrer bemerkenswerten Substanz.
Teresa Valero: Cobtrapaso. Band 2: Für Erwachsene, mit Vorbehalt • Splitter Verlag, Bielefeld 2026 • 192 Seiten • Hardcover • 35,00 Euro
Gou Tanabe: Das Unsagbare
Die Lovecraft-Adaptionen des Mangaka Gou Tanabe gehören zu den schönsten, die der Comic zu bieten hat. Und er scheint erst dann zu ruhen, wenn er Lovecrafts gesamte Kosmologie des Grauens ins Bild gesetzt hat: Die vorliegende Kurzgeschichten-Sammlung ist bereits die elfte HPL-Edition (die sich im Einzelnen noch mal auf drei, vier Bände aufteilen kann, etwa bei „Berge des Wahnsinns“ oder „Das Grauen von Dunwich“, dann sprechen wir bereits von 18 Büchern, die wir Providence verdanken). Diese Anthologie wartet mit kleineren Stimmungsübungen („Der schreckliche alte Mann“, „Das seltsame Haus hoch oben im Nebel“) und Kanonisiertem („Die Aussage des Randolph Carter“) auf; letztere ergibt zusammen mit der Titelgeschichte und der Fantasy-Story „Der silberne Schlüssel“ einen kleinen Randolph-Carter-Zyklus, in dem das Motiv Träume, die sich bei Lovecraft meist als physische Reisen zu monströsen Gottgestalten erweisen, durcherzählt wird.
Gou Tanabe: Das Unsagbare und andere Geschichten • Carlsen, Hamburg 2026 • 276 Seiten • Softcover • 20,00 Euro
Abb. ganz oben: Caza: „Die Welt von Arkadi“, Splitter Verlag
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