21. März 2026

Chuck Norris (1940–2026)

Ein Nachruf

Lesezeit: 4 min.

Am 19. März ist Action-Ikone Chuck Norris gestorben und dass der bärtige Martial-Arts-Virtuose hier auftaucht, liegt zunächst daran, dass sich in seiner Filmographie der „Frankenstein“-/„Halloween“-Verschnitt „Das Stumme Ungeheuer“ („Silent Rage“; 1982) befindet, in dem Norris es mit einem durch zwei Mad Scientists zum unzerstörbaren Superkiller hochgespritzten Psychopathen zu tun bekommt. Alles in einem ein mäßiger, aber für Fans nicht uninteressanter Film, aus einer Zeit, in der Norris von reinen, nischigen Martial-Arts-Filmen weg und als Schauspieler wahrgenommen werden wollte. Er wusste nur noch nicht so recht, wie.


„Das stumme Ungeheuer“

Der Wechsel gelang ihm 1984 mit „Missing In Action“. Der Vietnam-Actioner wurde zum erfolgreichsten Film seiner Karriere und etablierte ihn als Major-Actionstar, allerdings als einer der reaktionärsten, was in erster Linie dadurch kam, dass Norris im Gegensatz zu Schwarzenegger, Stallone & Co. ein politischer Hardliner ist und mit seinen Ansichten nicht hinter dem Berg hielt, was auf die Rezeption seiner Filme abfärbte. Weswegen in den meisten bisher erschienen Nachrufen eher auf die unverfängliche TV-Serie „Walker, Texas Ranger“, mit der Norris in den 1990ern zu einem TV-Star wurde, verwiesen wird, als auf sein Schaffen für die große Leinwand.

Ich finde, dass man da ein wenig differenzieren sollte: James Bruner, Drehbuchautor diverser Norris-Großtaten meinte mal, dass das alles „Action-Fantasien“ waren, die „gerade einen gewissen Nerv trafen“. Und ja, die meisten der bekannten Norris-Filme wurden von den berüchtigten B-Film-Schmiede Cannon Films produziert und die beiden israelischen Studiobossen hatten mit ihren Actionkloppern nicht arg viel mehr im Sinn, als Geld zu machen und legten dementsprechend den Fokus auf Krach-Bumm-Peng.


„Missing in Action“

Natürlich reflektieren die Produktionen die Reagan-Ära, die meisten Filme reflektieren die Ära, in der sie produziert werden, und so kämpfte Norris (was auch für die Actionhelden-Kollegen gilt) immer gegen den politischen Feind der Woche, aber dezidiert rassistische Positionen, was den Filmen immer wieder untergejubelt wird, lassen sich nicht finden. Natürlich sind die Bösewichte allesamt Vietnamesen, Russen oder whatever, aber es wird nirgendwo das Fass aufgemacht, dass alle so sind, es finden sich auch immer wieder sanfte Zwischentöne in Form von ausländischen Verbündeten, die dem strammen amerikanischen Elitekämpfer auf irgendeine Weise beistehen oder sogar familiär mit ihm verbunden sind.

Und natürlich sind fällt die Charakterisierung der Baddies total platt aus, es gibt keine heute so beliebte „Tiefe“, es wird nicht in Rückblenden ganz genau erklärt, warum Böswicht XYZ so böse geworden ist, aber Norris’ Figuren sind in den meisten Fällen ebenso eindimensionale Comicfiguren, die auch mal kurz unschuldige Fernsehapparate killen, weil sie gerade sauer sind. Selbst wenn man das Ganze auf rein symbolischer Ebene betrachtet: die Filme funktionieren kaum als Propaganda, da etwaige reaktionäre Botschaften von dicken Explosionen, Schießereien, Martial-Arts-Fights und Onelinern schlichtweg das Wasser abgegraben kriegen.

Die Filme waren nie wirklich politische Manifeste, sondern stellten reinen Eskapismus dar und wurden bereits vom überwiegenden Teil des damaligen Publikums nicht sonderlich ernst genommen. Es handelt sich um Realfilm-Cartoons, die weitaus näher an den heutigen Superhelden-Filmen (es finden sich in der Tat sogar inhaltliche Überschneidungen mit Marvel-Produktion) liegen als an tatsächliche Propagandastreifen wie „Die grünen Teufel“ (The Green Berets; 1968) und kaum ein Film stellt das eindringlicher unter Beweis als „Invasion USA“.

Der Reißer von Joseph Zito (Regisseur des 1984 veröffentlichten, wohl besten, „Freitag, der 13.“-Teils „Das letzte Kapitel“) fächert ein Szenario mit dystopischen Zügen auf, das sich schon nach wenigen Minuten zu einer Actionsause entwickelt, die dermaßen übertrieben ist, dass man während des Anschauens regelrecht das Gelächter der Filmcrew im Hintergrund hört. Jedenfalls werden die USA von einer multinationalen Terroristenbande unter der Führung des ehemaligen KGB-Agenten Mikhail Rostov angegriffen, die im ganzen Land Anschläge verübt. Norris spielt den eisenharten, ehemaligen Special Agent Matt Hunter, der zurückgezogen in einer Blockhütte im Sumpfgebiet der Everglades lebt und gleich in der ersten Szene einen Alligator im flachen Wasser niederringt. Was für ein Mann!


„Invasion USA“

In den folgenden eineinhalb Stunden entspinnt sich ein – für Cannon-Verhältnisse – teuer und aufwändig in Szene gesetztes Wahnwitz-Spektakel, das gleichwohl durch spektakuläre Action als durch nicht immer beabsichtigten Humor begeistert und Norris endgültig zum überüberlebensgroßen Superhelden machte: Egal, wo in den USA die Terroristen zuschlagen, Hunter ist – stets mit aufgeknöpftem Denim-Hemd und einer Jeans, die so eng ist, dass man sich wundert, wie Fortbewegung überhaupt möglich ist – sofort zu Stelle. Er hat keine Deckung nötig, dafür aber schon mal in jeder Hand (!) eine Panzerfaust (!!) und immer einen Spruch auf den Lippen („Wenn du hier noch mal reinkommen solltest, verpasse ich dir so viele rechte Haken, dass du um einen linken bettelst.“).

Ja, der Film ist ein totaler Unfug, aber eben ein temporeicher, völlig überdrehter Unfug mit zwei der besten Bösewichte-Darsteller aller Zeiten (Richard Lynch, Billy Drago)!

Zum Schluss noch was zum Menschen Chuck Norris: Auch wenn Norris der evangelikal geprägten christlichen Rechten angehörte und politisch so ziemlich alles vertrat, was mir einen Schauer über den Rücken laufen lässt, war Norris eben auch bodenständig, hatte keine Star-Allüren und brachte einen Eigenschaft mit, die man gerade heute kaum genug loben kann: Er war stets höflich, freundlich, zugewandt und behandelt alle mit Respekt – egal auf welcher Seite man politisch stand. Es gibt unzählige Erzählungen von Mitarbeitern oder Co-Stars und keine einzige ist negativ – ein besonders schönes Beispiel ist die Zusammenarbeit mit Lee Marvin in „Delta Force“ (1986): Marvin war ein Linker, was bei den Entouragen beider Schauspieler für Befürchtungen sorgte, aber wider Erwarten kamen gut miteinander zurecht und haben sich öfter das ein oder andere Bierchen gegönnt.

So muss das sein!

Abb. ganz oben aus „Invasion USA“

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