29. Juni 2016 4 Likes

Häuserkrampf

Ben Wheatley verfilmt J.G. Ballard: „High-Rise“

Lesezeit: 6 min.

Aaah, Großbritannien in den Siebzigern. Wunderbar spleenige Jahre zwischen Wirtschaftskrise und Klassenkampf, Labour-Callaghan und Tory-Thatcher, EU-Beitritt und innerer Zerrissenheit. Der vielbeschworene „kranke Mann Europas“ hatte drei Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs seine Großmachtstellung endgültig eingebüßt, was die oberen Zehntausend jedoch nicht davon abhielt, weiterhin großspurigen Mackertendenzen zu frönen – gern auf Kosten der zunehmend verunsicherten Mittelschicht und des arbeitenden Pöbels. Was mit Beginn des Thatcherismus 1979 offizielle Regierungspolitik wurde – radikaler Marktfundamentalismus ohne Rücksicht auf menschliche Verluste – lag bereits spürbar in der Luft, als J.G. Ballard 1975 seinen Roman High-Rise veröffentlichte.

Der britische Autor hatte in den 70ern den Fokus von globalen Schreckensszenarien seiner frühen Dystopien auf hermetischere Kontexte verlagert; waren Romane wie The Wind From Nowhere (1961) oder The Burning World (1964) noch Fanale für die Menschheit vor dem Hintergrund weltweiter Naturkatastrophen, standen nun Bewohner der Moderne in ihren ganz eigenen gesellschaftlichen und kulturellen Biotopen im Mittelpunkt seiner Geschichten. Und wurden darin zunehmend Opfer der unaufhaltsamen Technisierung, Kommerzialisierung und individuellen Isolation – eine Hermetik, die ihren vorläufigen Höhepunkt im Roman Concrete Island (1974) fand, in dem ein Architekt ganz buchstäblich auf einer Verkehrsinsel zwischen zwei Autobahnen strandet. Das war immer Dystopie, aber nie wirklich Science Fiction, eher dunkle Parallelwelt als wissenschaftliche Spekulation und trotz des Fokus auf Technologie und Urbanisierung ganz nah dran am Menschen und den Transformationen, die ihm das Leben im Technokapitalismus abverlangte.

High-Rise ist die Geschichte eines futuristischen Wolkenkratzers am Stadtrand von London und seiner Bewohner und als solche die Apotheose von Ballards Isolationsgeschichten der 70er-Jahre. In der hermetischen Welt des 40-stöckigen Wunderwerks leben die Bewohner quasi autonom vor sich hin; Supermärkte, Vergnügungszentren, Sportplätze stehen ihnen ebenso zur Verfügung wie eine perfekte Infrastruktur aus sanitären Systemen, Müllbeseitigung und Instandsetzungskräften. Doch der Traum vom „selfcontained living“ hat seine Schwachstellen in der gesellschaftlichen Struktur des Gebäudes: je höher das Stockwerk, desto größer der Status und umgekehrt. Als die High-Tech-Einrichtungen des Blocks zunehmend störungsanfällig werden und seine Bewohner aufgrund ihrer privilegierten Stellung im Konsumtempel, den sie ihr Zuhause nennen, immer hemmungsloser ihre Triebe ausleben, kommt es zu Verteilungskämpfen zwischen den Schichten und schließlich zum völligen Zusammenbruch jeglicher Ordnung. Im Mittelpunkt der Geschichte steht der kürzlich zugezogene Arzt Dr. Robert Laing sowie seine verschiedenen Allianzen und sein kontinuierlicher Absturz in den Wahnsinn, der sich letzten Endes aber als einzig funktionierende Daseinsform in dieser völlig entmenschlichten Welt herausstellt.

Man könnte dies für eine etwas plumpe Satire des britischen Klassensystems halten, doch Ballard schafft es, aus der räumlichen Struktur und den architektonischen Besonderheiten des Großgebäudes etwas zu destillieren, was über reine Allegorie hinausgeht. Das Gebäude ist als Metapher für die moderne (britische) Gesellschaft mehr als nur Raum der Isolierung und Zuspitzung, sondern in seiner Geometrie „weniger bewohnbare Architektur denn das unbewusste Diagramm eines geheimnisvollen psychischen Prozesses“ (Ballard). Es geht hier weniger um soziologische Dystopie als vielmehr um gesellschaftlich induzierte Abweichung: „In vielerlei Hinsicht war das Hochhaus ein Modell all dessen, was die Technolgie getan hatte, um den Ausdruck einer wahrhaft ‚freien’ Psychopathologie möglich zu machen“. Technologie wird nicht als pure Opposition zur menschlichen Natur dargestellt, sondern vielmehr als autonome quasi-organische Einheit; eine Figur des Romans spricht von dem Gebäude als „einem riesigen Lebewesen, das über ihnen brütete“ und vergleicht die pumpenden Aufzüge mit dem Blutkreislauf, in dem sich die Bewohner als Blutkörperchen im Netz der Arterien bewegen, während die Zimmerlampen die Nervenzellen des Gehirns evozieren. Mithin also reiner Body Horror – kein Wunder, dass David Cronenberg mit Crash 1996 die bis heute beste Ballard-Verfilmung ablieferte.

High-Rise war bereits kurz nach seiner Veröffentlichung ebenfalls für die Kino-Adaption vorgesehen; Nicolas Roeg hatte ursprünglich Interesse bekundet, den Roman auf die Leinwand zu bringen. Doch daraus wurde nichts, weitere Versuche von Regisseuren wie etwa Vinzenzo Natali scheiterten ebenfalls. 2013 interessierte sich dann der britische Indie-Regisseur Ben Wheatley für den Stoff und entwickelte schließlich gemeinsam mit seiner Ehefrau und langjährigen Script-Partnerin Amy Jump eine Filmversion der Ballard-Vision, die nun, 41 Jahre nach der Veröffentlichung des Romans rechtzeitig zum Brexit in die Kinos kommt.

Eine wirklich spannende Entwicklung, denn Wheatley gilt völlig zurecht als einer der aufregendsten Regisseure des neuen britischen Kinos. Mit Filmen wie Kill List (2011), Sightseers (2012) und A Field in England (2013) etablierte er sich als legitimer Adept visionärer Filmemacher mit psychedelischem Furor wie (passenderweise) Nicolas Roeg, Stanley Kubrick, Terry Gilliam oder Ken Russell. Ein genuin britisches Talent, eine erfrischende Ausnahmeerscheinung in Zeiten globalisierter Entertainment-Märkte und vernetzten Franchise-Buildings. Wheatley und Ballard – passt das? Kommt ganz auf den Standpunkt an.

Zunächst mal macht dieser Film sehr vieles sehr richtig. „Das Buch ergibt heute noch genau so viel Sinn wie damals“, so Wheatley. „Es wurde in den 70ern geschrieben und richtete den Blick in die nahe Zukunft. In dieser Zukunft leben wir heute. Wir leben in einer neuen Version der 70er-Jahre.“ Und dennoch widersteht er der Versuchung, seinen Film in einer erkennbar heutigen Gegenwart zu verorten. Produktions- und Kostümdesign evozieren ganz klar die Entstehungszeit des Romans und kennzeichnen das Werk eindeutig als Produkt der 70er-Jahre. Das ist nicht nur inhaltlich adäquat, sondern sorgt auch für ein durchgängig wunderbares Sehvergnügen, ein Schwelgen in Koteletten, Miniröcken, fiesen Tapeten und Schlaghosen. Durch diese Polyester-Welt traumwandelt ein fantastischer Tom Hiddleston als desillusionierter Dr. Laing, aufgerieben zwischen innerer Leere, Einsamkeit und unbestimmten Schuldgefühlen. Er steht im Zentrum einer Figurenkonstellation, die durchgängig großartig besetzt ist: Luke Evans brilliert als bulliger Dokumentarfilmer, Sienna Miller zeigt als leicht schlampige Nachbarin einmal mehr, dass sie wirklich etwas kann, Elisabeth Moss, Jeremy Irons, James Purefoy – eine funkelnde Galerie der britischen Schauspielzunft, die unter der Regie Wheatleys zu Höchstleistungen aufläuft.

Doch den wahren Hauptdarsteller – hier ist Wheatley ganz bei Ballard – gibt das Gebäude selbst ab. Wie ein Monolith des architektonischen Brutalismus ragt dieser Block in den Himmel über London, abgeschnitten vom Rest der Welt, pulsierend in der Dunkelheit, massiv das Sonnenlicht blockierend am Tag. Wheatleys Vorliebe für idiosynkratische Kamerafahrten kommt ihm hier zugute; hochdynamische Außen- sowie Innenansichten des Gebäudes zeigen das Hochhaus kongenial als eben jenen Organismus, den Ballard in seinem Roman beschreibt. Hier bedient sich der Regisseur retrofuturistisch wahlweise bei den bedrückenden Stadtansichten aus Kubricks A Clockwork Orange und dem ausufernden Pumpen- und Rohrfetischismus aus Terry Gilliams Brazil: Dieses Haus ist der Körper, in dem der Mensch verstoffwechselt wird.

Das ist die Zentralmetapher von Buch und Film gleichermaßen – und die wird von Wheatley nahezu perfekt umgesetzt. Das langsame Abgleiten der vermeintlich perfekten Konsumwelt in völlig entgrenzte Dehumanisierung jedoch entgleitet ihm leider zunehmend. Was Ballard in seinem Roman mit kühler, distanzierter, beinahe akademischer Sprache beschreibt, bebildert Wheatley mit akkumulierten filmischen Exzessen, und hier gehen die Pferde etwas mit ihm durch. Aus den vielfältigen Konflikten und Allianzen des Romans werden nun audiovisuelle Orgien aus Sex und Gewalt destilliert, die in der zweiten Hälfte des Films den satirisch pointierten und fokussierten Ton des Beginns konterkarieren und völlig plattmachen. Wheatley frönt seiner Vorliebe für asymmetrischen Schnitt, psychedelische Kamera und esoterischer Narration leider etwas zu ausufernd – das ist bald ermüdend und führt für lange Zeit nirgendwo hin. Sehr, sehr schade, denn er macht ja wie gesagt vieles richtig. Doch wenn am Ende Dr. Laing auf seinem Balkon Hundekeule brät, die Leichen sich in den Fluren des Gebäudes stapeln und er sich auf eine schöne neue Welt freut, dann ist dies das Resultat einer phantasmagorischen Entgrenzungsphantasie, die sich durch mangelnde Distanz zu ihrem Gegenstand viel von ihrer Kraft nimmt. Und gerade deswegen funktioniert Cronenbergs Crash so gut als Ballard-Verfilmung: Kühl, nüchtern und abgeklärt macht sich jener Film nicht mit seinen Figuren gemein. Wheatleys High-Rise jedoch springt mitten hinein in den Wahnsinn und suhlt sich darin, lässt Portishead ABBAs „S.O.S.“ covern, bleibt erzählerisch im Ungefähren, gefällt sich im Artifiziellen. Ein barocker Stil, der Ballards sardonische Dystopie in einen farbcodierten Kindergarten des Manirierten verwandelt, sehr viel Gutes bietet, aber aufgrund mangelnder Chancenverwertung – typisch englisch – letzten Endes dann doch enttäuscht. Schade, da wäre mehr drin gewesen.

High-Rise ist seit dem 30. Juni bei uns im Kino zu sehen.

Abb. © DCM

High-Rise (UK/Belgien 2016) • Regie: Ben Wheatley • Darsteller: Tom Hiddleston, Jeremy Irons, Sienna Miller, Luke Evans, Elizabeth Moss, James Purefoy

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