30. März 2026

Dystopien zum Osterfest

Neue und alte Geschichten von Jun Esaka, Takahide Totsuno, Inio Asano und Hiroki Endō

Lesezeit: 4 min.

Zu Ostern in unbekannte Welten eintauchen – dafür eignen sich die anstehenden Feiertage. Wer etwas Neues für sich entdecken möchte, sollte abseits der gewohnten Pfade schauen. Denn auf dem deutschen Manga-Markt tut sich seit ein paar Jahren einiges. Drei Sci-Fi-Comics für Erwachsene, die eine nicht allzu ferne Zukunft porträtieren.

 

 Vergiss dein nicht

Aufwachen mit Filmriss? Passiert. Sich an die vergangenen vierzehn Jahre nicht erinnern zu können? Ein Albtraum! Diesen durchlebt Kurumi jeden Morgen. Gefühlt ist sie erst gestern voller Vorfreude auf ihren zehnten Geburtstag neben ihrer besten Freundin Hikari eingeschlafen. Nun wacht sie als Erwachsene wieder auf – neben einer ihr unbekannten Frau! Diese entpuppt sich als Sayaka, eine andere ehemalige Bewohnerin der „Familie“ genannten Gemeinschaft, in denen die drei Mädchen einst groß geworden sind. Sayaka kümmert sich liebevoll um ihr Freundin und erklärt ihr Tag für Tag geduldig aufs Neue, warum sie nach einem Unfall unter einer seltenen Form von Amnesie leidet. Als Kurumi einen von ihr geschriebenen Zettel findet, der vor Sayaka warnt, versucht sie hinter das Geheimnis ihres Zustands zu kommen. Autor Jun Esaka und Zeichner Takahide Totsuno erfinden in She is beautiful das Sci-Fi-Rad nicht neu. Leser:innen ahnen schnell, dass hinter der „Familie“ keine philanthropische Institution steht, die jungen Mädchen eine erstklassige Ausbildung ermöglicht. Der wahre Grund für die Gemeinschaft und die Existenz ihrer Mitglieder ist weitaus schockierender, soll an dieser Stelle aber nicht verraten werden. Und auch Sayaka trägt ein dunkles Geheimnis mit sich herum. Das ändert nichts daran, dass Comicfans hier eine grundsolide, fantastisch illustrierte Geschichte über Freundschaft, Liebe und die Grenzen der Moral erwartet.

Jun Esaka, Takahide Totsuno: She is beautiful • Aus dem Japanischen von Jürgen Seebeck Pegasus Manga, Berlin seit 2025 je 208Seiten • Preis: je 12,00 derzeit zwei Bände erhältlich, Band drei erscheint im April 2026

 

Freiheit von allen Zwängen

Es gibt wenige Mangaka, die bei Fans für ein Funkeln in den Augen sorgen. Einer von ihnen ist Inio Asano. Mit seiner Coming-of-Age-Geschichte „Gute Nacht, Punpun“ (Tokyopop) hat er Mitte der 2000er-Jahre viele Leser:innen be- und gerührt. Sein neuestes Werk ist dagegen ein starker Kontrast. In Mujina into the Deep erschafft er eine Welt mit einer extremen Zwei-Klassen-Gesellschaft: Menschenrechte sind ein handelbares Gut geworden, sodass es Menschen mit und ohne Rechte gibt. Letztere werden abwertend als „Mujina“ bezeichnet. Ihr Alltag hat viele Nachteile, aber auch einen Vorteil: Sie sind frei von jeglichen gesellschaftlichen Zwängen. Also verdingen sich einige von ihnen als Gesetzlose und Killer:innen, so auch Ubume. Als die Assassinen-Veteranin auf die junge Ausreißerin Juno trifft, ändert sich ihr Leben. Gemeinsam mit dem abgerockten Spieleentwickler Terumi bilden die drei eine seltsame Zweckgemeinschaft, die alles daran setzt, der jungen Juno ihre Menschenrechte zurückzukaufen. „Mujina into the Deep“ ist ein brutaler Manga voller Sex, Drogen und Gewalt, in dem eine Gesellschaft porträtiert wird, für die ein Menschenleben nur ein paar Yen wert ist. Und natürlich gibt es auch hier eine Fraktion, die die Rechtslosen auslöschen möchte. Da braucht es nicht viel Fantasie, um die Parallelen zwischen Fiktion und Realität zu erkennen. Ob unsere Zukunft am Ende auch so aussehen wird?

Inio Asano: Mujina into the Deep Aus dem Japanischen von Hana Rude Tokyopop, Hamburg 2026 je 208 Seiten • Preis: je 9,00 derzeit drei Bände erhältlich, Band vier scheint im April 2026

 

Welt ohne Ende?

Deutsche Manga-Verlage präsentieren nicht nur spannende, neue Geschichten. Seit einigen Jahren werden auch immer mehr ältere, von vielen Fans geschätzte Comics als Gesamtausgaben veröffentlicht. Diese sind leicht zu erkennen, tragen sie doch häufig so vielsagende Anhängsel wie „Extreme Edition“ oder „Pearls Edition“ im Namen. Egmont Manga hat sich für eine großformatige „Master Edition“ entschieden, in der bereits Takehiko Inoues Samurai-Klassiker „Vagabond“ erschienen ist. Sci-Fi-Fans dürften sich eher für Hiroki Endōs neunbändiges Opus magnum Eden. It’s an Endless World interessieren. Im Mittelpunk stehen ein Junge, sein Roboter und eine übermächtige Organisation. Und darum geht es: In den 2060er Jahren fegt ein Virus über den Globus, das die menschliche Haut zu Stein erstarren lässt. Wer nicht stirbt, hat sein Leben lang mit den Spätfolgen zu kämpfen. Jahre später ist klar: Die Pandemie hat weitaus weniger Menschen das Leben gekostet als gedacht, die Welt ist dennoch eine andere. Während die Organisation Propatria versucht, die Weltherrschaft an sich zu reißen, möchte der junge Eliah seine Mutter und seine Schwester aus den Fängen jener Gruppe befreien. Nicht nur sein Roboter Cherubim ist ihm dabei eine Stütze, auch die vielen anderen Menschen, die er auf seiner Reise durch eine zerstörte Welt kennenlernt – und die ihn verändern wird. Eine mitreißende Geschichte voller Symbolik, die länger im Gedächtnis bleibt.

Hiroki Endō: Eden. It’s an Endless World • Aus dem Japanischen von Ute Maaz und Marco Walz Egmont Manga, Berlin seit 2025 je 416 Seiten • Preis: je 24,00 derzeit sechs Bände erhältlich, Band sieben scheint im Mai 2026

Abb. ganz oben: Inio Asano - Mujina into the Deep. © 2025 Inio Asano/Shogakukan

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