11. Juni 2026

„Cannibal Holocaust“ - 4K-Abtastung mit neuen Szenen in Anmarsch

Ein paar Gedanken zur Rückkehr eines der umstrittensten Filme aller Zeiten

Lesezeit: 6 min.

Im Februar 1980 veröffentlichte der italienische Regisseur Ruggero Deodato in seinem Heimatland einen Film, der nicht nur sein restliches Oeuvre komplett unter sich begraben und ihn vor Gericht bringen sollte, sondern ebenso in zahlreichen Ländern zensiert wurde und bis zum heutigen Tag für hitzige Debatten sorgt: „Cannibal Holocaust“. Der Verleih Jugendfilm, der in den 70er-Jahren in Deutschland große Erfolge mit den Schlümpfen und Lucky Luke feierte, brachte die italienischen Produktion in einer um vier Minuten gekürzten Fassung unter dem Titel „Nackt und Zerfleischt“ im Januar 1981 in die hiesigen Kinos.

Erzählt wird von einer US-amerikanischen Filmcrew unter der Führung von Alan Yates (Carl Gabriel Yorke), die eine Dokumentation namens „The Green Inferno“ über angebliche Kannibalenstämme in den Tiefen des Urwalds drehen wollte, aber 1979 im Amazonas-Regenwald verschwand. Also wird eine zweite, aus Söldnern bestehende Gruppe unter Leitung des Anthropologen Harold Monroe (Robert Kerman) hinterhergeschickt, die sich auf die Suche machen soll und Grauenhaftes entdeckt: Die Vermissten wurden vom Stamm der Yanomami getötet! Doch beim Stamm gefundene Filmrollen verraten noch viel Schlimmeres. Um ihr Doku-Projekt spektakulärer zu machen, hatten Yates und sein Gefolge mit äußerster Grausamkeit unter den Einwohnern gewütet, unter anderem eine Hütte niedergebrannt, in die Stammesmitglieder vorher hineingetrieben worden waren, was im Film als Angriff eines verfeindeten Stammes verkauft werden sollte …

Ungefähr 45% von „Cannibal Holocaust“ besteht aus dem „gefundenen Filmmaterial“, das im Gegensatz zur im 35mm-Format gedrehten Haupthandlung im kleineren 16mm-Format produziert wurde. Zusätzlich fügte man während der Nachproduktion diverse Arten von Verschmutzungen, Beschädigungen und Markierungen ein. Man wollte, dass das Material der verschwundenen Filmemacher möglichst authentisch wirkte, und steigerten diesen Effekt noch, in dem Mitglieder der Crew häufig die Anwesenheit der Kamera erwähnen oder drauf hinweisen, dass gerade gedreht wird.

Ruggero inszenierte – auch mit Hilfe des Marketings, das unter anderem suggerierte, dass man es mit einem Dokumentarfilm zu tun hatte – ein perfides Spiel mit der Wahrnehmung seiner Zuschauer, zog seinem Publikum den Boden unter den Fußen weg, hob jegliche Distanz auf. War das, was man da sah, noch Fiktion oder schon echt? Er trieb es allerdings etwas zu weit, da er für den Film Tiere umbringen ließ. Besonders berüchtigt ist eine grausame Szene, in der eine Schildkröte getötet und zerlegt wird. Ein Umstand, der in den Jahrzehnten danach erst recht für Diskussionen sorgte und Deodato viel Hass einbringen sollte, da nutzten die Beteuerungen, dass die Tiere von der Crew und den Eingeborenen gegessen wurden, nichts mehr. Der Regisseur landete wegen dieser Szenen in Italien vor Gericht, das ihn zu einer Bewährungs- und einer Geldstrafe verurteilte.

Die Tierszenen waren neben den getricksten Gewaltszenen mit den menschlichen Charakteren ein Grund, weshalb in Deutschland die ungekürzte Version im Jahr 2000 gemäß §131 StGB (Gewaltverherrlichung) beschlagnahmt wurde (zuvor auf dem Heimkinomarkt erhältliche, zum Teil sehr stark zensierte, Fassungen, waren allesamt indiziert). Deodato räumte in späteren Jahren selbst ein, dass er bei den Tierszenen ein wenig übers Ziel hinausgeschossen war (wobei die Aufregung angesichts schulterzuckend in Kauf genommener Untriebe von so manchem Schlachtereigroßbetrieb durchaus bigott ist) und reichte 2011 eine entsprechend entschärfte Fassung nach. Allerdings verrannte sich das Gericht mit der Behauptung, dass mit den getricksten Morden an den Menschen Gewalt verherrlicht wird, beziehungsweise mit der grafischen Darstellung der Gewalt keine künstlerische oder gesellschaftskritische Auseinandersetzung stattfindet, völlig.

Im Gegenteil. Ähnlich wie der zwei Jahre früher entstandene „Gesichter des Todes“ (zum Essay), allerdings auf weitaus raffiniertere, zielsichere Weise, mutet „Cannibal Holocaust“, dessen dystopische Züge durch Riz Ortolanis wundervolle, kontrapunktische Musik besonders eindringlich zur Geltung kommen, im Rückblick wie ein Vorbote an, für das, was da noch kommen sollte. Deodatos Film ist eine brachiale, zappendustere Satire, die auf das Schärfste die Sensationsgier der Medien und den damit einhergehenden Willen, Wirklichkeit umzubeugen, anprangert und Gewalt eben nicht verherrlicht, sondern sein Publikum zwingt, sich zu den extremen Bildern zu positionieren.

„Cannibal Holocaust“ nahm mit seinem Inszenierungsstil des Materials von Yates zudem die Ende der 1990er-Jahre dank dem Überraschungsmegahit „The Blair Witch Projekt“ (1999) für ein paar Jahre immens populär gewordene found-footage-Ästhetik, die unter anderem mit „Invasion – Angriff der Körperfresser“ (2005), „Cloverfield“ (2008), „District 9“ (2009), „Apollo 18“ (2011) und „Chronicle – Wozu bist Du fähig?“ (2012) auch in den Science-Fiction-Bereich einsickerte, um rund zwei Jahrzehnte vorweg. Apropos Science-Fiction: Es ist bemerkenswert, wie sich hier ein gewisser Bezug zu diesem Genre findet. Zum einen verhält sich das Filmteam wie Forscher, die eigentlich eine völlig unberührte Zivilisation (die indigenen Stämme sind hier die komplett andersartigen Aliens – das Drehbuch verzichtet an vielen Stellen bewusst auf tiefer gehende Erläuterungen) beobachten sollen, dabei aber die Prime Directive aus „Star Trek“ komplett missachten und die fremde Kultur zerstört. Zum anderen ist eine skrupellose, manipulative, menschenverachtende Fernsehanstalt wie in diesem Fall Pan American Broadcasting System, das von Yates’ Vorgehensweise weiß (es gibt Szenen aus seinem Vorgängerfilm „The Last Road To Hell“ zu sehen und es wird kurz drauf eingegangen, dass bereits da nachgeholfen wurde), aber nur die Quoten im Blick hat, ein beliebtes Motiv in Science-Fiction Filmen – bekannte Beispiel wären „Das Millionenspiel“ (1970), „The Running Man“ (1987) oder „Sie leben“ (1988).

Leider erwies sich der Hardcore-Schocker in seiner galligen Medienkritik traurigerweise als verblüffend zielsicher. Natürlich wurden bisher (hoffentlich) noch keine Dörfer angezündet um prickelnde Nachrichtenbilder zu erzeugen, aber Yates Arbeitsethos findet sich durchaus. So gab es zum Beispiel 2006 heftige Vorwürfe gegen – ausgerechnet – das ZDF, die besagten, das für einen Beitrag des Magazins „ZDF.reporter“ über einen sozialen Brennpunkt in Hamburg Jugendliche (Wilde) bezahlt worden sind, um sich vor der Kamera zu prügeln, da die Reporter im Dschungel nicht die Bilder fanden, die man in der zivilisierten Welt sehen wollte. Wobei das ZDF nicht alleine war, in diesen Jahren waren Formate, die von Brennpunkten handelten, beliebt und so gerieten ebenso „Spiegel TV“ und Konsorten immer mal wieder in Kritik, das Leben der Unterschicht quotentauglicher zu gestalten.

Ein besonders infamer Fall fand 2023 statt. Im September des Jahres gab CDU-Oppositionspolitiker Friedrich Merz zur Auskunft, dass abgelehnte Asylbewerber beim „Arzt sitzen und sich die Zähne neu machen lassen“ während deutsche Bürger daneben keine Termine bekämen. Da es aber zu dieser Aussage aber keinerlei Beweise gab, suchte die Reportagecrew eines bekannten rechtspopulistischen Magazins ein Asylwohnheim auf und baute mit Unterstützung einiger völlig unwissender und nichts ahnender Bewohner eine „Reportage“ zusammen, die wie in den genannten Fällen und eben in „Cannibal Holocaust“ Vorurteile und Ängste vor dem vermeintlich unzivilisierten „Anderen“ schüren sollten.

Das eigentlich Provokante ist aber, dass der Dschungel-Schocker die Indigenen keineswegs romantisiert, sondern in einigen Szenen barbarische Bestrafungsrituale drastisch in Szene setzt, aber eben in Frage stellt, ob diese archaische, „primitive“ Welt, in der nach eigenen rituellen Rahmen und innerhalb einer eigenen sozialen Ordnung agiert wird, wirklich schlimmer als unsere so genannte Zivilisation ist und so fragt sich Monroe am Ende „wer die echten Kannibalen sind“.

„Cannibal Holocaust“ läuft seit dem 2. Juni in den USA in einer neuen, in 4K abgetasteten Alternativversion (es wurden 20 bisher unbekannte Minuten gefunden, zudem ist das vormals ans Kinoformat angeglichene 16mm-Material wieder im Ursprungsformat zu sehen) in kleiner Auswertung im Kino und kriegt etwas später eine entsprechende Homevideo-Auswertung.

Man kann nur hoffen, dass hierzulande baldmöglichst eine Rehabilitierung folgt. Es ist sicherlich nach wie vor ein Film, der die Gemüter tief spaltet, aber es ist ein eindrucksvoll gemachter Film, der durchaus was zu sagen hat und ein Film, den man so schnell nicht mehr vergisst.

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