20. November 2018 1 Likes

​​​​​​​Zwanzig Jahre Weltgewissen

Eine kleine Ansprache zum zwanzigsten Geburtstag der Internationalen Raumstation ISS

Lesezeit: 4 min.

Zwanzig Jahre im Weltall sind eine ziemlich lange Zeit. Zumindest für eine Raumstation. Seit dem 19. November 2018 sind es nun schon zwei Jahrzehnte, die die Internationale Raumstation ISS im Orbit um die Erde schwebt. Dafür, finde ich, hat sie einen kräftigen Tusch und ein dreifaches Hurra aus der utopischen Zunft verdient.

Mit zwanzig, bei Weltraumtechnik wie bei uns Menschen, ist die Jugend vorbei, und bei einer betagten Lady wie der ISS kann in dem Alter auch mal etwas kaputtgehen. Dann wird es spannend, oder wissen Sie, wie man ein lebensbedrohliches Leck in der Hülle einer Raumstation flickt? Richtig – wie ein gewöhnliches Leck auf der Erde, nämlich zuerst mit dem Finger, dann mit Panzertape. Vorerst. So beschreibt der deutsche Astronaut und Wissenschaftler Alexander Gerst auf seinem Blog die Maßnahmen, die vor knapp zwei Monaten bei der Entdeckung eines etwa drei Millimeter großen Lochs ergriffen wurden:

„Wir haben das Leck dann versiegelt – erstmal mit dem Finger, dann mit Klebeband, später permanent mit einem Pfropfen aus Teilen einer Mullbinde und Epoxidharz. Damit werden wir weiter arbeiten können und am Ende unserer Mission auch sicher zur Erde zurückfliegen.“

Was hier fast beiläufig und im Nachhinein kaum noch bedrohlich klingt, ist in Wahrheit eine außergewöhnliche Tatsache: Seit zwanzig Jahren schwebt ein Metallbehälter um die Erde, in dem sich Menschen mehr oder weniger permanent aufhalten und von dort auf die Welt darunter blicken können. Mit der Internationalen Raumstation hat die Menschheit den Radius ihrer Welt zum All hin ausgeweitet – und wenn es etwas gibt, das bis dato nur eine Science-Fiction-Vision war, dann doch wohl dies.

ISS Internationale Raumstation
Die Internationale Raumstation ISS (Bild: Wikipedia)

Eine kleine Philosophie der ISS

Für die Bewohner der Raumstation ergeben sich aber auch neue Perspektiven auf die Erde darunter. Aus dem Orbit können Menschen ihren Heimatplaneten nun erstmals als Ganzes in den Blick nehmen – und das bleibt nicht ohne Folgen. Viele Astronauten, darunter neben Gerst auch Chris Hadfield in seinem Buch „Anleitung zur Schwerelosigkeit“ (im Shop), berichten von einer neuen Weltsicht: Der Blick auf den Erdball schärft immer auch den Blick auf die Probleme, die Menschheit und Erde als Ganzes betreffen.

Ob Ökologie, Menschenrechte oder Völkerverständigung – vom „außerirdischen“ Standpunkt der ISS aus betrachtet bekommen diese globalen Themen erst ihr ganzes Gewicht. Oder anders ausgedrückt: Der Satz „Wir haben ein Problem!“ entfaltet erst mit einigen Hundert Kilometern Abstand seine wahre existenzielle Dramatik. Wir alle haben ein Problem, so viel sollte heute klar sein.

Peter Sloterdijk hat diesen Gedanken in seinem Aufsatz „Für eine Philosophie der Raumstation“ weitergedacht. Für ihn ist die ISS als technisches Gerät nicht mehr bloß eine „Organ-Verlängerung“ des Menschen, sondern er sieht in der Raumstation den Beginn eines völlig neuen „In-der-Welt-Seins“. Für Sloterdijk

„hat die Astronautik bereits eine pragmatische Form von gemeinsamer Transzendenz hervorgebracht, die alle erdbasierten Lebensformen in gleichem Abstand umkreist und überblickt“.

Die ISS fungiert demnach als eine Art globaler Spiegel, der uns, der Menschheit, unser globales Handeln vorhält. Mit anderen Worten: Die ISS umschwebt uns als Weltgewissen. Das bestätigt auch Alexander Gerst in seinen Tweets, Fotos und Blogbeiträgen von der Internationalen Raumstation aus, etwa wenn er die kalifornischen Waldbrände aus dem Weltall heraus dokumentiert.

Alexander Gerst: Waldbrände in Kalifornien
„Looking down on countless fires when flying over #California. Tough to see so much destruction, and we can’t do anything about it from up here.“ (twitter.com/Astro_Alex)

Schauplatz Space Station

Die Frage, was der Aufenthalt im All mit uns Menschen macht, hat allerdings nicht nur Philosophen beschäftigt. Die extremen Bedingungen, denen Menschen dort oben in der Schwerelosigkeit ausgesetzt sind, haben auch die Fantasie der Romanautoren und Regisseure entzündet. Und so findet man in dem kleinen Subgenre der Raumstations-Science-Fiction jede Menge menschlicher Dramen, Liebschaften und verrückter Ideen – nur eben „in space“!

Damit sind wir auch wieder beim Anfangsthema angekommen, nämlich tragischen Unfällen auf Raumstationen. So etwa bei Neal Stephensons „Amalthea“ (im Shop), wo die Crew der ISS feststellen muss, dass die alte, klapprige Station zur Arche Noah der Menschheit umgebaut werden muss, als der Mond auseinanderbricht und die Erde untergeht.

Gravity
Gravity, 2014

Es geht aber auch eine Nummer kleiner, beispielsweise in dem Hollywood-Hit und Weltraum-Kammerspiel Gravity, in dem ein Astronaut und eine Astronautin ums Überleben kämpfen. Oder eine Nummer weiter in die Zukunft gedacht, wenn die letzten Menschen auf der Raumstation mit einem Serienkiller konfrontiert werden, wie in den Weltraumthrillern „Tracer“ (im Shop) und „Enforcer“ (im Shop) von dem südafrikanischen SF-Autor Rob Boffard – unserem Weltraumkolumnisten.
 

In der Welt zu Hause

Diese Geschichten zeigen vor allem eins: Die Internationale Raumstation ist viel weniger ein Ding „irgendwo da draußen“ (auch wenn es für mich persönlich jedes Mal ein erhebender Moment ist, die ISS als kleinen Lichtpunkt über das Firmament wandern zu sehen und dabei zu denken: Dort sind auch Menschen). Nein, die ISS ist ein Ort, der zuerst und vor allem zu dieser Welt gehört, und das ist ihre eigentliche Funktion. Darin zeigt sich ihre wahre Größe, dass sie den Astronautinnen und Astronauten – und damit allen anderen Menschen auch – die Zugehörigkeit zu der Erde als Ganzer aufzeigt, oder wie es Alexander Gerst ausdrückt:

„So wie ich mich schon auf Forschungsmissionen in der Antarktis und auf Vulkanen gefühlt habe, so bin ich mir auch hier im All sehr sicher über eine Sache: Hier oben habe ich meinen Platz in der Welt gefunden.“

Herzlichen Glückwunsch also, liebe ISS, zum zwanzigsten Geburtstag!

 

Titelbild: ESA/Alexander Gerst

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