24. Januar 2018 1 Likes

Knochenleser und Sonnensegler

Alastair Reynolds neues, preisgekröntes Weltraum-Abenteuer „Rache“

Lesezeit: 3 min.

Der 1966 geborene Waliser Alastair Reynolds (im Shop), der jahrelang als Astrophysiker für die Europäische Raumfahrt Agentur tätig war, zählt zu den bekanntesten und beliebtesten britischen Science-Fiction-Autoren seiner Generation. Neben einem Roman zum Kult-Franchise „Doctor Who“ und der Arthur-C.-Clarke-Hommage „Die Medusa-Chroniken“ (im Shop) – einem Gemeinschaftsprojekt mit Stephen Baxter – verfasste Reynolds zahlreiche eigenständige, erfolgreiche SF-Romane. Seine zwischen den Subgenres der Hard-Science-Fiction und der Space Opera verorteten Werke werden auf der ganzen Welt gelesen, und so gewann Reynolds bisher nicht nur den British Science Fiction Award, sondern erhielt er auch den japanischen Selun Award und Nominierungen für den amerikanischen Hugo. Sein Roman „Revenger“, der von Irene Holicki ins Deutsche übertragen wurde und im Januar unter dem Titel „Rache“ bei Heyne erschienen ist, steht aktuell auf der Shortlist für den Philip K. Dick Award und wurde 2017 bereits mit dem Locus Award als bestes Young-Adult-Buch ausgezeichnet.

„Rache“ setzt viele, viele Jahre in der Zukunft ein. In einem von der Menschheit erschlossenen Universum, in dem die Erde und die Alte Sonne nur noch ferne Erinnerungen sind, wird zwischen den Raumschiffen mithilfe uralter Alien-Schädel per Funk kommuniziert. Die siebzehnjährige Fura und ihre nicht viel ältere Schwester Adrana scheinen ein Talent fürs Knochenlesen zu haben, also für die Arbeit mit den Brückenkappen und Schädeln im gruseligen Knochenraum eines Schiffes. Ohne die Erlaubnis ihres bankrotten Vaters heuern die beiden Schwestern auf Kapitän Rackmores fischförmigem, stacheligem Schiff Monettas Weh an, das in einem Raumhafen ihrer Heimatwelt liegt. Rack und seine kleine Crew fliegen dank Ionenantrieb und Sonnensegeln durch den Weltraum und haben es auf die Blasen abgesehen, temporräre Zugänge zu alten Welten, die Rackmore und Co. um ihre Artefakte und Schätze erleichtern – ein risikoreicher, aber lukrativer Job. Die Konkurrenz ist groß, folgt jedoch wenigstens einem gewissen Codex. Allerdings lauern in der Finsternis des Alls zugleich berüchtigte und blutrünstige Piraten. Ich-Erzählerin Fura spürt schnell, dass ihr ein großes, gefährliches Abenteuer bevorsteht, und plötzlich treibt die belesene Tochter aus gutem Hause sogar der Durst nach Rache an …

Mit all dem bedient und verknüpft Alastair Reynolds mal wieder mehrere Sujets der Zukunftsliteratur. Zunächst ist „Rache“ ein klassisches SF-Abenteuer und eine schöne traditionelle Space Opera. Doch Reynolds wäre nicht Reynolds, würde er zwischendurch nicht immer mal einen Brocken kosmischer Hard-SF in sein fremdartiges Universum werfen. Die Sonnensegler und die altmodischen, zusammengestückelten Raumanzüge in „Rache“ haben indes einen Touch von Far-Future-Steampunk im All. Der astronomisch bewanderte Genre-Crack braucht rund dreißig Seiten, bis er in seiner weit entfernten Zukunft angekommen ist, und hin und wieder könnte der Plot ein bisschen mehr Licht und Wind in den Segeln vertragen – dafür hat der Waliser seine Story von Anfang bis Ende souverän konstruiert und positioniert die entscheidenden Details seiner Geschichte auf den gesamten 550 äußerst geschickt. Dazu kommt, dass Reynolds es versteht, ein vages Gefühl für seinen riesigen Kosmos zu vermitteln, ohne gleich alles vollständig zu enthüllen oder zu erklären. Er spielt geradezu mit der Genre-Intuition seines Lesers, kitzelt und lockt seine Vorstellungskraft, anstatt jeden Zusammenhang oder Begriff augenblicklich haarklein zu erläutern, während er noch Aliens, Finanzcrashs, Roboter und Phantomwaffen einwebt. Das macht es spannend, Reynolds Zukunftssetting zu erkunden und zu erfahren.

Angesichts der Hard-SF-Elemente und der Brutalität einiger Szenen wundert es ein wenig, dass „Rache“ als bestes Werk für junge Erwachsene den Locus Award erhielt. Selbst Reynolds zeigte sich erstaunt über diese Einordnung seines Romans, die übrigens von keinem seiner internationalen Verlage vorgenommen oder übernommen wurde. Höchstwahrscheinlich spielen hier das Alter und die Entwicklung der siebzehnjährigen Ich-Erzählerin Fura eine Rolle; und vermutlich wollte man mit dem Award zurecht primär hervorheben, wie zugänglich „Rache“ als oldfashioned SF-Einzelroman inmitten all der seriellen bzw. speziellen Geschichten auf dem Markt geraten ist. Inzwischen steht gleichwohl fest, dass 2019 mit „Revealer“ im englischen Original ein Sequel aus der Welt der Knochenleser und Sonnensegler kommen soll. An der Zugänglichkeit von „Rache“, das als Einteiler konzipiert war, ändert das natürlich nichts.

Wer immer mal ein Buch von Alastair Reynolds lesen wollte und sich an abenteuerlichen Space Operas erfreut, der ist bei „Rache“ deshalb schon jetzt richtig.

Alastair Reynolds: Rache • Heyne, München 2018 • 557 Seiten • E-Book: 9,49 Euro

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