14. März 2026 1

„We can scale, we can grow“

KI-Kunstfigur macht Musik – mit menschlicher Hilfe

Lesezeit: 3 min.

Tilly Norwood hat mit „Take The Lead“ ihren ersten Song veröffentlicht – und liefert auch gleich das passende Musikvideo dazu. Tilly wer? Keine Sorge: Es handelt sich nicht um das neueste Sternchen am Reality-TV-Star-Himmel. Oder noch nicht, denn wer weiß schon, was die Zukunft bringt? Tilly Norwood ist eine Kunstfigur, erschaffen mit Hilfe von künstlicher Intelligenz (KI).

Als sie 2025 der Weltöffentlichkeit präsentiert wurde, konnten die Reaktionen vermutlich nicht härter ausfallen. Die Schöpfung einer britischen Agentur wurde mit Spott und Häme überzogen. Deren Vorstellung, dass Tilly als Schauspielerin vermarktet werden könnte, fand die entsprechende Zunft alles andere als prickelnd. Denn natürlich untergräbt ein an der Tastatur geprompteter Charakter all die Leistungen, für die Schauspieler:innen jahrelang hart trainieren müssen, um ein bestimmtes Niveau zu erreichen. Und die wenigsten von ihnen wissen am Ende, ob die Kunst zum Leben reichen wird.

Das ändert nichts daran, dass die KI gekommen ist, um zu bleiben. Doch ohne Menschen im Hintergrund geht es dann doch (noch?) nicht: Sage und schreibe 18 Kreative waren an „Take The Lead“ beteiligt, haben Tilly Leben eingehaucht, sie zum Singen und Tanzen gebracht – und Flamingos zum Fliegen. Herausgekommen ist eine Hochglanzproduktion, die hier und da ihre KI-Ästhetik nicht verbergen kann oder will und dennoch überrascht. Nicht nur, dass Liedtext und Bilder mitunter herrlich selbstironisch sind. Das Video ist auch meilenweit von den Clips entfernt, die große Marken wie Coca Cola und McDonald’s zur Weihnachtszeit präsentiert haben und die zu Recht für ihre schlechte Qualität kritisiert wurden.


Gorillaz: „The Mountain, The Moon Cave and The Sad God“

Wer die Entwicklung von Animationstechnik miterlebt hat, schwankt bei „Take The Lead“ vermutlich zwischen Ablehnung, Unglaube und Staunen. Seitdem KI-generierte Inhalte in der Branche Einzug gehalten haben, hat sich einiges getan, verläuft die Entwicklung quasi rasant vor unseren Augen ab. Beispiele gefällig? Im September 2023 veröffentlichte die französische Rockband Superbus „Aseptisé“. Das dazugehörige Video zeigt, was damals „state of the art“ bei generativer künstlicher Intelligenz war. Ehrlich gesagt: Es sieht sehr gruselig aus, wenn der Computer kreativ wird. Ein paar Monate später legten Die Ärzte mit „Demokratie“ nach. Das Video aus dem April 2024 greift dabei eine Zeichentrickfilmoptik auf, die sich auch heute noch in vielen geprompteten Videos und Bildern wiederfindet. Wie realistisch KI-Elemente aussehen können, bewies kurze Zeit später Rapper Eminem. Für den Abschied von seinem alter ego Slim Shady lies er diesen in „Houdini“ (Dezember 2024) noch einmal auferstehen: in Form einer jüngeren Version von sich selbst, erstellt mit Hilfe einer Firma, die sich auf KI-generierte Kopien von Künstler:innen spezialisiert hat. Tilly Norwoods „Take The Lead“ ist da nur der nächste logische Schritt.

Ob sich – vermutlich sehr, sehr teuer produzierte – KI-Musikvideos durchsetzen werden? Und auch die dazugehörigen Kunstfiguren? In Japan haben elektronisch erzeugte Vocaloid-Stimmen bereits Anfang der 2000er ihr Publikum gefunden und sind auf Konzertbühnen zu hören. Hollywood wiederum mag zwar kein Fan der Technik an sich sein, digital verjüngerte Versionen („de-aging“) von Tom Hanks, Robert De Niro und Al Pacino waren aber bereits in großen Produktionen zu sehen. Am Ende heißt es abwarten und Musik hören, etwa den neuen Song der Gorillaz: „The Mountain, The Moon Cave and The Sad God“ ist musikalisch zwar sehr weit entfernt von den „Clint Eastwood“-Zeiten, das fast neun Minuten lange Musikvideo ist dafür zu 100 Prozent von Hand gezeichnet worden. Einfach toll!

Abb. ganz oben aus Tilly Norwood: „Take The Lead“

Kommentare

Bild des Benutzers timetunnel

Seelenlos, absolut furchtbar.

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