21. April 2020 1 Likes

Ich kämpfe, also bin ich

Eine erste Leseprobe aus Tamsyn Muirs genialem Debütroman „Ich bin Gideon“

Lesezeit: 10 min.

Es gibt Bücher, die ziehen einem schlicht den Boden unter den Füßen weg, und „Ich bin Gideon“ (im Shop), das Debüt der jungen Neuseeländerin Tamsyn Muir, ist definitiv so ein Buch: Gideon Nav, die titelgebende Heldin des Romans, wächst als Sklavin auf einem Planeten auf, der einem finsteren Todeskult frönt. Und Gideon will nur eines: weg von den düsteren Ritualen, den düsteren Klamotten und vor allem weg von Harrowhawk Nonagesimus, der düsteren Herrscherin des Planeten. Sie beschließt, von diesem gottverlassenen Ort zu verschwinden – doch das ist leichter gesagt als getan …

 

1

Im unzähligen Jahr des Herrn – dem zehntausendsten Jahr des Unsterblichen Königs, des gnädigen Fürsten des Todes! – packte Gideon Nav ihr Schwert, ihre Schuhe und ihre Pornoheftchen zusammen und floh vom Haus des Neunten.

Sie rannte nicht. Gideon rannte nie, wenn es nicht unbedingt sein musste. In der völligen Dunkelheit vor dem Morgengrauen putzte sie sich gelassen die Zähne und wusch sich das Gesicht; sie fegte sogar den Staub auf dem Boden ihrer Zelle zusammen. Dann schüttelte sie ihre große schwarze Kirchenrobe aus und hängte sie an ihren Haken. Nachdem sie das seit über zehn Jahren jeden Morgen so gemacht hatte, brauchte sie dazu kein Licht mehr. Ohnehin war es so spät im Äquinoktium, dass es noch Monate dauern würde, bis es wieder ein Lichtstrahl bis zu ihr herunter schaffte; die Jahreszeit ließ sich stets daran ablesen, wie laut die Heizungsrohre knackten.

Gideon kleidete sich von Kopf bis Fuß in Polymer und Synthetikgewebe. Sie kämmte sich das Haar. Mit einem leisen Pfiff öffnete sie dann ihre Sicherheitsmanschette und legte sie samt dem dazugehörigen, gestohlenen Schlüssel so adrett auf ihr Kopfkissen, wie man in einem Nobelhotel den kleinen Schokoladengruß für die Gäste platziert hätte.

Mit ihrem Rucksack über der Schulter verließ sie ihre Zelle und nahm sich die Zeit, die fünf Treppen bis zu der namenlosen Nische in den Katakomben hinabzusteigen, die ihrer Mutter zugewiesen worden war. Es war reine Sentimentalität, da ihre Mutter sich schon nicht mehr dort befand, seit Gideon ganz klein gewesen war, und sicherlich niemals wieder dorthin zurückkehren würde. Dann folgte der lange Aufstieg über die zweiundzwanzig Treppen zurück nach oben, ohne ein einziges Licht in der zähen Dunkelheit, bis sie die Schachtabzweigung und den Landeplatz erreichte, an dem sie abgeholt werden sollte: Ihr Shuttle würde in zwei Stunden eintreffen.

Hier draußen hatte man freien Blick auf ein kleines Stück vom Himmel des Neunten. Er war dort, wo am meisten Atmosphäre hineingepumpt wurde, wie eine dicke weiße Suppe, an anderen Stellen dünn und dunkelblau. Die schimmernde Perle des Dominicus zwinkerte gütig von der Öffnung des tiefen, vertikalen Tunnels herab. Gideon schlenderte im Dunkeln langsam um das Feld und drückte ihre Hände fest gegen das kalte, ölige Felsgestein der Höhlenwände. Anschließend verbrachte sie viel Zeit damit, systematisch jedes harmlose Häufchen Dreck und jeden noch so kleinen Stein beiseitezukicken, die sie auf dem zerfurchten Boden des Landeplatzes entdecken konnte. Immer wieder stieß die abgestoßene Stahlspitze ihres Stiefels hart in die festgestampfte Erde, und erst, als sie zu der Überzeugung gekommen war, dass sich hier niemand würde hindurchgraben können, hörte sie damit auf. Kein Zentimeter der großen, weiten Fläche entging ihrer sorgfältigen Untersuchung, und als die Generatorlichter zu schwachem Leben erwachten, überprüfte sie es zwei Mal mit den Augen. Sie kletterte auf die drahtummantelten Rahmen der Flutlichter und überprüfte auch sie, obwohl der helle Schein sie blendete, tastete blindlings hinter ihrem Metallgehäuse herum und stellte mit grimmiger Zufriedenheit fest, dass sich auch dort nichts verbarg.

Schließlich parkte sie sich in der Nähe eines der zerstörten Geröllhaufen in der Mitte des Landeplatzes. Die Lampen verbreiteten ein mattes, unwirkliches Licht und ließen überall explosionsartig verformte Schemen entstehen. Die Schatten des Neunten waren tief und verschlagen, hatten die Farbe blauer Flecken und waren kalt. In dieser unwirtlichen Umgebung belohnte sich Gideon mit einem kleinen Plastikbeutel Haferbrei, der herrlich grau und eklig schmeckte.

Der Morgen zog herauf wie jeder andere seit Anbeginn des Neunten. Um sich auf andere Gedanken zu bringen, drehte Gideon eine neuerliche Runde um den Landeplatz und trat dabei geistesabwesend nach einem unordentlichen kleinen Haufen Kies. Sie ging zur Balkonplattform und überprüfte, ob sich unten in der großen Haupthöhle, auf die man von dort hinabsehen konnte, etwas bewegte, während sie sich mit der Zunge die Haferstückchen von den Schneidezähnen pulte. Nach einer Weile ertönte von den Pflanzfeldern das entfernte Klappern der Skelette herauf, die dort stumpfsinnig Schneelauch pflückten. Gideon sah vor ihrem inneren Auge, wie sie sich schlammig beinern in der schwefeligen Düsternis bewegten, die Augen eine Vielzahl unruhiger roter Punkte, und ihre Hacken über die Erde klapperten.

Die Erste Glocke ließ ihren misstönenden, nörgeligen Ton erklingen, der zum Beginn der Gebete rief und sich dabei wie immer so anhörte, als würde der große Metallkörper eine Treppe hinuntergekegelt. Dieses Da-dong … Da-dong … Da-dong hatte sie jeden Morgen geweckt, seit sie sich erinnern konnte.

Auf dem Grund der Höhle waren nun Bewegungen auszumachen. Schatten sammelten sich vor den kalten weißen Toren von Schloss Drearburh, die stattlich und hochherrschaftlich von der nackten Erde aufragten, in die Felswand hineingeschlagen, drei Leichname breit und sechs Leichname hoch. An der Seite eines jeden Tors stand jeweils eine beständig brennende Kohlepfanne, die fettigen, ekligen Rauch verbreitete. Über den Türflügeln waren winzige weiße Figuren in den Stein geschlagen worden, Hunderttausende wohl, die eine Vielzahl verschiedener Haltungen einnahmen und dank eines seltsamen Tricks den Eindruck vermittelten, dass sie den Betrachter allesamt direkt ansahen. Jedes Mal, wenn man Gideon als Kind gezwungen hatte, diese Tore zu durchschreiten, hatte sie wie am Spieß geschrien.

Auf den untersten Rängen wurde es jetzt belebter; inzwischen war das Licht so hell, dass es eine gewisse Sicht gestattete. Die Neunten würden nun nach ihrer morgendlichen Andacht aus ihren Zellen kommen und sich zum gemeinsamen Gebet versammeln, während die Dienstboten von Schloss Drearburh damit begannen, alles für den anstehenden Tag vorzubereiten. Zahlreiche feierliche und ziemlich alberne Rituale würden dort unten in den tiefer gelegenen Nischen und Winkeln stattfinden. Gideon warf ihren leeren Haferbreibeutel über den Rand des Balkons und setzte sich hin, legte sich das Schwert über die Knie und begann, es mit einem Lappen zu säubern: noch vierzig Minuten.

Plötzlich wurde die unveränderliche Eintönigkeit eines typischen neunten Morgens unterbrochen. Die Erste Glocke erklang erneut: Dong … Da-dong … Da-dong … Gideon hob lauschend den Kopf und merkte, dass ihre Hände noch immer auf ihrem Schwert ruhten. Erst nach zwanzig Minuten verstummte die Glocke wieder. Ha, der Ruf zum Appell. Nach einer Weile war das Knochenklappern der Skelette wieder zu hören, die gehorsam ihre Hacken fallen ließen und der Versammlung entgegenstrebten. Sie ergossen sich über die einzelnen Ränge wie ein ruckelnder Strom, hin und wieder unterbrochen von einer humpelnden Gestalt in rostschwarzer Kleidung. Gideon nahm wieder Schwert und Lappen zur Hand: Netter Versuch, aber darauf würde sie nicht hereinfallen.

Und sie hob auch nicht den Kopf, als auf ihrem Rang plötzlich schwere, stapfende Schritte ertönten, begleitet vom Klappern einer rostigen Rüstung und keuchendem Atem.

»Ganze dreißig Minuten, seit ich das Ding abgenommen habe, Crux«, sagte sie und putzte weiter. »Man könnte beinahe glauben, Sie wollten, dass ich für immer von hier verschwinde. Ohhh, Scheiße, genau das wollen Sie

»Du hast betrogen, um dir einen Shuttle hierherzuordern«, blubberte der Marschall von Drearburh, dessen Bekanntheit sich vor allem darauf gründete, dass er als Lebender verwester aussah als so mancher offiziell Verstorbener. Er hatte sich vor ihr auf dem Landeplatz aufgebaut und gurgelte vor Ungehaltenheit. »Du hast Dokumente gefälscht. Du hast deine Manschette abgenommen. Du hast dich gegen dieses Haus vergangen, du hast seine Güter missbräuchlich verwendet, du stiehlst sein lebendes Inventar.«

»Kommen Sie, Crux, wir können uns da doch sicher irgendwie einigen«, säuselte Gideon, während sie ihr Schwert schwungvoll umdrehte und die Klinge mit kritischem Blick auf Scharten überprüfte. »Sie hassen mich, ich hasse Sie. Lassen Sie mich einfach ohne Kampf von hier verschwinden, dann können Sie ganz gemütlich in den Ruhestand gehen. Sich ein Hobby suchen. Ihre Memoiren schreiben.«

»Du vergehst dich gegen dieses Haus. Du hast seine Güter missbräuchlich verwendet. Du stiehlst sein lebendes Inventar.« Crux liebte es, Verben zu betonen.

»Sagen Sie doch einfach, mein Shuttle sei explodiert. Ich sei tot, leider, da sei nichts zu machen. Lassen Sie mich einfach in Ruhe, Crux, ich flehe Sie an – ich würde Ihnen sogar ein Pornoheftchen überlassen. Die heißen Fünften – Titten in Uniform.« Das machte den Marschall kurzzeitig so sprachlos, dass er keine Antwort fand. »Okay, okay. Ich nehme es zurück. Titten in Uniform habe ich gerade erfunden.«

Crux rückte ihr nun mit der finsteren Unausweichlichkeit eines Gletschers entgegen. Gideon ließ sich gerade noch rechtzeitig aus dem Sitz nach hinten abrollen, bevor seine uralte Faust herabsauste, und wich dem Schlag, der Staub und Kies aufspritzen ließ, seitlich aus. Ihr Schwert steckte schon wieder in der dazugehörigen Scheide, die sie nun wie ein Kind in ihren Armen wiegte. Sie federte rückwärts, um seinen Stiefeltritten und seinen riesigen, gealterten Händen zu entgehen. Crux mochte schon so gut wie tot sein, aber er war zäh wie Knorpel und schien an jeder Faust dreißig Knöchel zu besitzen. Er war uralt, aber er war verdammt scheußlich.

»Ganz locker bleiben, Marschall«, stieß sie hervor, während sie im Dreck herumrutschte. »Wenn Sie so weitermachen, riskieren Sie womöglich, dass Ihnen die ganze Sache irgendwann Spaß bereitet.«

»Für ein Stück beweglichen Besitz redest du ganz schön laut, Nav«, bemerkte der Marschall giftig. »Und für etwas, das kaum mehr ist als eine zu begleichende Schuld, redest du ganz schön viel. Ich hasse dich, aber du zählst zu meinen Waren und zu meinem Inventar. Ich habe deine Lungen als Lungen des Neunten eingetragen. Ich habe deine Galle als Galle des Neunten vermessen. Dein Hirn ist ein schlichter und verschrumpelter Schwamm, aber auch das gehört dem Neunten. Komm her, dann schlage ich dir die Augen blau und bringe dich um.«

Gideon rutschte weiter zurück und wahrte Abstand. »Crux«, sagte sie, »so eine Drohung sollte ›Entweder, du kommst her, oder …‹ lauten.«

»Komm her, und ich schlage dir zwei blaue Augen und bringe dich um«, krächzte der Alte noch einmal und trat näher, »und außerdem hat die Lady gesagt, dass du zu ihr kommen sollst.«

Erst jetzt begannen Gideons Handflächen zu prickeln. Sie sah zu der Vogelscheuche hoch, die über ihr aufragte, und der Alte starrte zurück, einäugig, schrecklich, unheilvoll. Die antiquierte Rüstung sah aus, als wollte sie auf seinem Körper verfaulen, und die fahle Haut spannte sich viel zu straff über seinen Schädel, als wollte sie davon abpellen. Dennoch vermittelte er den Eindruck, als sei ihm all das egal. Zwar besaß er nicht einen Hauch nekromantischer Begabung, aber Gideon konnte sich trotzdem gut vorstellen, dass er nach seinem Tod schon allein aus schierer Bosheit einfach weitermachen würde.

»Von mir aus können Sie mir gerne zwei Veilchen verpassen und mich umbringen«, sagte sie langsam, »aber Ihre Lady kann zur Hölle fahren.«

Crux spuckte sie an. Das war eklig, aber nun gut. Seine Hand fuhr zu dem langen Messer, das er in einer angeschimmelten Scheide über der Schulter trug und das, wie sich zeigte, eine sehr schmale Klinge hatte, aber nun war Gideon aufgesprungen und streckte ihre Waffe wie einen Schild vor sich aus. Eine Hand lag am Griff, die andere an dem Medaillon auf der Scheide. Damit hatten sie sich gegenseitig mattgesetzt und standen sich nun gegenüber, sie sehr ruhig, der Alte laut und rasselnd atmend.

»Machen Sie nicht den Fehler, gegen mich blankzuziehen, Crux«, sagte Gideon.

»Du bist nicht halb so gut mit dem Schwert, wie du glaubst, Gideon Nav«, gab der Marschall von Drearburh zurück. »Eines Tages werde ich dir für deine Respektlosigkeit die Haut abziehen lassen. Eines Tages werden wir Papier aus deinen Körperteilen machen. Eines Tages werden die Schwestern der Verschlossenen Gruft mit deinen Borsten das Ossarium schrubben. Eines Tages wird dein gehorsames Gerippe all das abstauben, was du jetzt so geringschätzt, und dafür sorgen, dass die Steine dank deines Fettes glänzen. Es wurde zum Appell gerufen, Nav, und ich befehle dir, sofort anzutreten.«

Gideon verlor die Geduld. »Dann gehen Sie doch selber, Sie alter, toter Köter, und sagen Sie ihr verdammt noch mal, ich sei schon weg.«

Zu ihrer ungeheuren Überraschung fuhr er herum und stolperte zurück zu den dunklen, glitschigen Stufen, unentwegt rasselnd und fluchend. Gideon hingegen sagte sich, dass sie schon gewonnen hatte, noch bevor sie an diesem Morgen aufgewacht war. Crux war nichts weiter als ein ohnmächtiges Kontrollsymbol, ein letzter Versuch, um festzustellen, ob sie so blöd oder so feige sein würde, hinter die kalten Gitterstäbe ihres Gefängnisses zurückzukehren. Er stand für das graue faulige Herz von Drearburh. Und für das noch grauere und fauligere Herz seiner Lady.

Sie zog ihre Uhr aus der Tasche: zwanzig Minuten noch, ein bisschen über eine Viertelstunde. Gideon hatte das Schlimmste überstanden. Gideon war sozusagen schon weg. Nichts und niemand konnte jetzt noch etwas daran ändern.

*

Tamsyn Muir: Ich bin Gideon • Roman • Aus dem Englischen von Kirsten Borchardt • Wilhelm Heyne Verlag, München 2020 • 608 Seiten • Preis des E-Books € 11,99 (im Shop)

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