30 Jahre Pokémon
Seit Februar 1996 heißt es: „Gotta Catch 'Em All!“ Zum Jubiläum spendiert Nintendo seinen Taschenmonstern ein neues Spiel. „Pokémon Pokopia“ weicht dabei von der klassischen Sammelformel ab – und ist nicht nur dadurch eine echte Überraschung
Nintendos Mega-Franchise feiert runden Geburtstag und unsere Redakteurin wird dieses Jahr 40. Da braucht es keine höhere Mathematik, um zu erkennen: Da wuchs zusammen, was zusammen gehörte. Ein persönliches Ständchen zum Ehrentag.
„Now choose which Pokémon you’ll battle with!“, meint Taunie zu meiner Spielfigur. Das muss sie mir nicht zwei Mal sagen. Meine Devise lautet seit fast 30 Jahren: einmal Feuer-Starter, immer Feuer-Starter. So begleitet mich ab sofort das kleine Tepig durch Luminose City. Auf Deutsch heißt die Stadt Illumina City, das kleine ferkelähnliche Wesen Floink und aus Taunie wurde Zita. Das ändert nichts daran, dass auch Pokémon Legenden Z-A (2025) der altbewährten Formel seit 1996 folgt: Starter wählen, ins Abenteuer ziehen, Monster sammeln und Champion werden.

Insekten zu Monstern
Dass „Pokémon“ zu einem Mega-Franchise und Dauerbrenner für Nintendo werden würde, war jedoch kein Selbstläufer. Der Ursprung der Spieleserie ist nämlich ein sehr, sehr nerdiger. Serienschöpfer und „Game Freak“-Gründer Satoshi Tajiri hat als Kind Insekten gesammelt. Mit den Jahren nahm die Insektenvielfalt in Tokio ab, die Faszination blieb. Tajiri wollte Kindern daher sein damaliges Lebensgefühl vermitteln: Kleine Lebewesen sammeln, beobachten und zum Teil großziehen – das ganze digital. Es dürfte daher kein Zufall sein, dass einige Monsterchen aus der ersten Generation, wie etwa Raupy, Kokuna und Sichlor, ganz realen Insekten ähneln.
Ein Spiel, in dem man insekten- oder säugetierartige Monster sammeln kann und gegen andere Trainer:innen antreten lässt? So ganz war Big N von dem Prinzip anscheinend nicht überzeugt. Am 27. Februar 1996 – dem Verkaufsstart von Pokémon Rote Edition und Pokémon Blattgrüne Edition in Japan – kamen gerade einmal 200.000 Exemplare in den Handel. Verkauft haben sich die Spiele dann im ersten Jahr über eine Million Mal. Nicht schlecht für ein paar Taschenmonster, oder?
Die Franchise-Flut
Bis mein Teenager-Ich einen der Game-Boy-Titel spielen konnte, verging etwas Zeit. In Europa waren die Rote und die Blaue Version erst ab dem 8. Oktober 1999 erhältlich. Einen knappen Monat zuvor lief die erste Folge des dazugehörigen Animes auf RTL 2 und im gleichen Jahr erschienen jene Sammelkarten, die „Magic the Gathering“ auf dem Schulhof Konkurrenz machen sollten. Und erst das Merchandising! Kein Wunder, dass unsere Eltern mehr als genervt waren von der Omnipräsenz der Monster – und von deren Kosten.

Doch wer konnte es damals wie heute Kindern verübeln, die Figuren zu mögen? Für viele von uns war es abseits von Disney und Star Wars zudem der erste Kontakt mit einem größeren Franchise – und dann sind die Tiere nicht nur süß, sondern sehen auch noch aus wie Dinosaurier, Geister oder Insekten! Die frühen Spiele waren für meine Generation auch etwas völlig Neues. Ja, wir kannten Jump’n’Runs, Action-Adventure und Sportspiele, erlebten gerade die Ablösung der Pixel durch Polygon-3D-Grafik. „Pokémon“ war in der Hinsicht ein auf Minimalismus setzender Kontrast. Im Mittelpunkt stand von jeher ein – damals ebenfalls neues – Spielprinzip, das sich bis heute bewährt hat, eben jenes: Starter wählen, ins Abenteuer ziehen, Monster sammeln und Champion werden.
Das alles funktioniert bis heute. Aus den Pixel-Monstern wurden 3D-Figuren und in die Handheld-Haupttitel hielten Mechaniken aus dem Mobilableger Pokémon Go Einzug. Pokémon Legenden Arceus brach jedoch 2022 mit dieser Tradition. Das Zeitreise-Abenteuer konzentriert sich darauf, dass die Spieler:innen das erste Pokédex, das „Brehms Tierleben“ dieser Parallelwelt, mit Informationen füllen sollten. Im Gegensatz dazu fühlt sich das Eingangs erwähnte Pokémon Legenden Z-A fast wie ein Rückschritt an, denn hier muss ich als Spielerin erneut eine Bestenliste erobern. Das alles sieht auf der Nintendo Switch 2 – mit Abstrichen – gut aus, folgt einer interessanten Geschichte und bietet erstmalig Echtzeit-Kämpfe, hätte aber gern noch etwas innovativer ausfallen können.
Der Überraschungshit: „Pokémon Pokopia“
Zum Glück bot Nintendo auch immer Nischentitel an, wie etwa „Meisterdetektiv Pikachu“ (Nintendo 3D, 2018), die Inspiration für den gleichnamigen Kinofilm. Wer aktuell Abwechslung sucht, hat Glück: Zum 30. Geburtstag ist Anfang März Pokémon Pokopia erschienen, ein Cozy Game von dessen Erfolg Nintendo scheinbar ähnlich überrascht worden ist wie von den Verkaufszahlen der ersten Generation. Die physische Edition für den Nintendo Switch 2-Exklusivtitel ist derzeit quasi ausverkauft.

„Pokémon Pokopia“ wagt sich an ein völlig neues Genre. Es verknüpft Spiele wie „Animal Crossings“ oder „Harvest Moon“ mit dem weltbekannten Franchise und seinen Figuren. Im Kern geht es also ums Bauen, Freundschaften knüpfen und das Aufhübschen einer ganzen Region. Hauptfigur ist hier ein Ditto, der Gestaltwandler unter den Monstern. Kaum hat dieses die Form eines Menschen angenommen, wacht es an einem heruntergekommenen, zerfallenen Ort auf. Dort wird es von einem Tangoloss begrüßt und mit einer erschütternden Wahrheit konfrontiert: Pokémon und Menschen sind fort, die Region verdorren, das Pokémon-Center verfallen. Wir befinden uns quasi in der Postapokalypse und nicht in der farbenfrohen Welt, die wir bislang kannten.
Der Sci-Fi-Fan in mir ist bei dem Anblick erschüttert und fasziniert zugleich. Denn ich ahne, dass es an meinem Ditto liegen wird, diese Landschaft erblühen zu lassen. Als Tangoloss und meine kleine Heldin auf ein erschöpftes Schiggy treffen, kopiert meine Figur dessen Fähigkeiten. Einmal die Kraft des Wasser-Pokémons eingesetzt, erstrahlt das vertrocknete Gras wieder in saftigem Grün, locken die ersten Büschel weitere Monsterchen an. Es dauert nicht lange, da hüpfen Bisasam, Schiggy und Glumanda über den Bildschirm. Plötzlich bin ich wieder 13 Jahre alt und darf mir das Pokémon aussuchen, mit dem ich kämpfen mag. Nur dass es hier nicht ums Kämpfen geht, sondern um das sehr gemütliche Aufbauen einer lebenswerten Welt für Menschen und Monster. Ich habe meinen Ditto-Starter gewählt, ziehe in ein neues Abenteuer und sammle sie alle. In diesem Sinne: Happy Birthday, ihr Taschenmonster!
Pokémon Rote Edition, Pokémon Blattgrüne Edition • Game Freak, Nintendo, The Pokemon Company • Action RPG • Nintendo Switch / Nintendo Switch 2 (Switch-Versionen der Klassiker von 1996) • 2026 • Freigegeben ab 0 Jahren • Trailer
Pokémon Legenden A-Z • Game Freak, Nintendo, The Pokemon Company • Action RPG • Nintendo Switch / Nintendo Switch 2 • 2025 • Freigegeben ab 6 Jahren • Trailer
Pokémon Pokopia • Nintendo • Simulation • Nintendo Switch 2 • erhältlich seit 5. März 2026 • Freigegeben ab 6 Jahren • Trailer
Abb. ganz oben: Pokémon Pokopia © Pokémon / Nintendo / Creatures Inc. / GAME FREAK Inc. / KOEI TECMO GAMES
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