KI-Forschungskaninchen, Schriftsteller-Bros und Weltreisende
Phantastik-Comic-Neuheiten im Juli
Julia Zejn und Matthias Lehmann lassen einen Verstorbenen als App weiterleben, John Hendrix blickt auf die Freundschaft zwischen C. S. Lewis und J. R. R. Tolkien, und Hélène Canac hat „Der Zauberer von Oz“ als farbenfrohen Kindercomic adaptiert.
Julia Zejn, Matthias Lehmann: Die Summe seiner Teile
Julia Zejns und Matthias Lehmanns Graphic Novel „Die Summe seiner Teile“ besitzt die Wucht einer „Black Mirror“-Episode, weil sie technologische Entwicklungen und philosophische Fragestellungen der Gegenwart in eine Zukunft verlagert, die zum Greifen nah ist. Wie weit kann sich Liebe vom Körper emanzipieren? Was bleibt von der Identität eines verstorbenen Menschen, wenn sein Bewusstsein in eine App eingespeist wurde, die sein einstiges Ich verlustfrei simulieren kann?
Diese Transformation einer physischen Beziehung durchlaufen Mara und Joshua, nachdem Joshua bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist. Ein neurowissenschaftliches Pilotprojekt, darum auch eine strenge Geheimhaltungsvereinbarung: Joshuas Hirn wird gescannt, drei Monate später kann er via Tablet inklusive Avatar wieder mit Mara sprechen. Zurückgezogen in ihrem Haus im Wald können sie wieder da anknüpfen, wo ihre Liebe grausam auseinandergerissen wurde – nur ohne Körperlichkeit und, weil niemand von Joashuas Existenz erfahren darf, in absoluter Zweisamkeit. Die nimmt immer beklemmendere Züge an. Die Nähe kann nur verbal erzeugt werden, dadurch steigt bei Joshua der Druck, jede psychische Regung in Sprache zu übersetzen, und bei Mara die Scham, weil sie sich nach einem Austausch außerhalb der Beziehung sehnt. War Joshua früher gern allein, ist er nun einsam. Und ist es tatsächlich seine Entscheidung, negative Erinnerungen aus seinem Gedächtnis zu löschen, oder vielmehr ein Fehler des noch unerforschten Programms? Ist seine Lustlosigkeit, im Angesicht der Unsterblichkeit noch weiter sein Buchprojekt zu verfolgen, eine nachvollziehbare menschliche Reaktion oder das digitale Pendant einer Depression?
Zusammen mit Matthias Lehmanns höchst atmosphärischer Graustufen-Ästhetik entwickelt Julia Zejn eine zurückhaltende und zugleich bedrohliche KI-Vision, deren erste Rumpfableger als „digitale Zwillinge“ schon heute in der kommerziellen Trauerbegleitung eingesetzt werden.
Julia Zejn, Matthias Lehmann: Die Summe seiner Teile • Reprodukt, Berlin 2026 • 128 Seiten • Hardcover • 20,00 Euro
John Hendrix: Die Weltenerschaffer
John Hendrix spürt in seiner Comicbiografie der Freundschaft zwischen Tolkien und C. S. Lewis nach. Ihr intensiver Austausch – diese künstlerische Liaison, die bis zur Gründung der lockeren Schriftstellervereinigung der Inklings führte (die tatsächlich keine Frauen unter sich zuließen) – brachte die beiden zentralen Epen der modernen Fantasy hervor, die heute milliardenschwere Franchises sind. Diese organisatorische und ökonomische Megalomanie übertrumpft mittlerweile die künstlerische Unschuld, die Hendrix noch den Anfängen seiner Protagonisten andichten kann, bis auch hier der Schock des Ersten Weltkriegs ihre Arbeit am Werk anstoßen wird. Tolkien und Lewis treten einerseits szenisch immer wieder selbst in Erscheinung und werden andererseits vom Löwen Aslan und Zauberer Gandalf als Erzählerinstanzen abgelöst (nebst Fließtextseiten), die für die thematischen Übergänge sorgen und sich hie und da zu kleinen Exkursen hinreißen lassen, beispielsweise zur Geschichte der Mythen und Märchen. Ein lesenswerter und stilistisch abwechslungsreicher Versuch, den Wegbereitern der Fantasy, wie wir sie heute kennen, gerecht zu werden.
John Hendrix: Die Weltenerschaffer • Knesebeck, München 2026 • 224 Seiten • Hardcover • 30,00 Euro
Meikel Mathias: Strong Men
Im Sachcomic „Strong Men“ analysiert der Berliner Comic-Debütant Meikel Mathias die Tradierung von Männlichkeitsbildern und die soziologischen Dimensionen von männlichen Geschlechtsrollen im Zeitalter des Internets. Dafür begibt er sich tief in die Kloake toxischer Männlichkeit und beleuchtet all ihre schmierigen Erscheinungsformen – Manosphere, Incels, Gamergate, Pick-up Artists, Gym-Bros, Gold-Digger-Pranks und was sich sonst noch alles instrumentalisieren lässt, um mit der Trope Verlorene Männlichkeit den rechten Kulturkampf zu füttern und aus der Methode, junge instabile Männer zu verunsichern, möglichst viel Profit zu schlagen. Es ist auch ein Comic über einer nunmehr völlig unkontrollierte Warenwelt, deren Konsumenten vollends zu gleichzeitigen – und sei es wider Willen – Produzenten und damit selbst zur Ware geworden sind, deren Datenspuren den Tech-Kapitalismus am Leben erhalten. Mathias arbeitet diese Verflechtungen scharfsinnig und mit viel Sarkasmus heraus und liefert eine pointierte Kritik der maskulinistischen Ideologie, wenngleich auch hier, wie bei vielen Sachcomics, die Textebene tonangebend ist und auch ohne Zeichnungen keine Verständnisschwierigkeiten zu befürchten wären.
Meikel Mathias: Strong Men. Die zerstörerische Kraft fragiler Männlichkeit • Avant-Verlag, Berlin 2026 • Flexcover • 160 Seiten • 26,00 Euro
Maxe L’Hermenier, Hélène Canac: Der Zauberer von Oz
Auf dem Cover steht „Der Zauberer von Oz“, und der wird auf den folgenden 96 Seiten auch geboten. D. h., was Szenarist Maxe L’Hermenier und Zeichnerin Hélène Canac leisten wollen, ist werkgetreue Übersetzungsarbeit von einem Medium ins andere. Wenige Passagen wurden dezent gestrafft, auch der Text entspricht vornehmlich L. Frank Baums Roman. L’Hermeniers Zeichnungen hingegen mit ihren großformatigen Kompositionen des Sturms und des prächtigen Oz in satten Farben schielen eher auf das Technicolor-Filmmusical von 1939. Dieses Buch ist also dazu gedacht, von Eltern an deren Kinder, die sich mit Literatur noch schwertun, übergeben zu werden. Manchen mag das zu wenig sein. Mir gefällt es, den seinerzeit auch subversiv gedeuteten Stoff im kulturellen Gedächtnis zu bewahren: 1928 wurde das Buch aus Bibliotheken in Chicago verbannt, in der McCarthy-Ära ebenso in Detroit. Da missfielen die Frauen in Führungspositionen und das Reich Oz als vermeintlich marxistische Utopie. Und schließlich wissen wir, dass sich heutige Evangelikale und andere Rechte den Schaum vorm Maul nicht abgewischt haben.
Maxe L’Hermenier, Hélène Canac: Der Zauberer von Oz • Toonfish, Bielefeld 2026 • 96 Seiten • Hardcover • 24,95 Euro
Abb. ganz oben aus: Maxe L’Hermenier, Hélène Canac - Der Zauberer von Oz; Toonfish
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