25. Januar 2026

„Mercy“ – Von einer KI (hin)gerichtet

Ein stilistisch überzeugender, philosophisch dünner Blick in eine Zukunft mit KI

Lesezeit: 3 min.

In der nahen Zukunft sind die Zustände auf den Straßen von Los Angeles noch schlimmer geworden, Gewalt nimmt zu, der Drogenhandel eskaliert. Um das Problem zu lösen wurde ein weitestgehend automatisches Justizsystem etabliert, dass als Richter, Jury und vor allem Vollstrecker in Personalunion agiert.

Bei Mordanklagen kommt das System mit dem sinnigen Titel Mercy/Gnade zur Anwendung und hat bislang eine „Erfolgsquote“ von 18 Hinrichtungen bei 18 Fällen aufzuweisen. Nun steht der 19. Fall an. Auf der Anklagebank, die in diesem Fall ein leerer Raum ist, steht Chris (Chris Pratt) ein Polizist, der sich bislang vehement für die Verurteilung via KI eingesetzt hat.

Das ändert sich jedoch schnell, denn Chris wird beschuldigt, seine Frau Nicole (Annabelle Wallis) ermordet zu haben. Indizien weisen auf Chris als Täter hin, die gemeinsame Tochter Britt (Kylie Rogers) fand die blutüberströmte Leiche ihrer Mutter, Chris wurde betrunken in einer Bar aufgegriffen und kann sich an nichts erinnern.

Nun steht er vor Gericht, die virtuelle Richterin Maddox (Rebecca Ferguson) schätzt die Wahrscheinlichkeit von Chris’ Schuld auf exakt 97,5% und gibt ihm 90 Minuten und vor allem den Zugriff auf sämtliche zur Verfügung stehenden Daten, um seine Schuld zu beweisen.

Kaum mehr als 90 Minuten dauert auch der von Timur Bekmambetov inszenierte Film „Mercy“, eine Variante der in den letzten Jahren recht beliebten „Desktop-Filme.“ Als solche werden Filme bezeichnet, in denen der Zuschauer nur oder fast nur den Monitor eines Protagonisten sieht, auf dem sich im Internet, mittels Überwachungskameras und den vielfältigen Sozialen Medien die Story entwickelt, die fast immer einer Krimihandlung folgt, also dem Suchen und Finden von Hinweisen, die einen Fall lösen helfen.

Bekmambetov produzierte selbst zwei solcher Filme, vor einigen Jahren „Missing“, zuletzt den viel geschmähten, aber nicht unoriginellen „War of the Worlds“. Nun versucht sich der kasachisch-russische Regisseur selbst an diesem Genre, in einer Story die deutliche, wenn auch am Ende etwas oberflächliche Anlehnungen bei Steven Spielbergs „Minority Report“ macht.

Auch hier geht es zumindest unterschwellig um die Frage, wie sehr die Menschheit einem unabhängig von klassisch menschlichen Regungen funktionierenden System vertrauen soll, dass die Strafverfolgung zu einer scheinbar objektiven Wissenschaft macht. Im Prinzip also etwas, dem vermutlich viele Menschen zunächst positiv gegenüberstehen würden: Urteile, die auf reinen Fakten und glasklaren Beweisen basieren, was spricht dagegen? In diesen dystopischen Erzählungen unweigerlich, dass die scheinbar perfekte Technik, sich als eben doch nicht so perfekt erweist und Unschuldige mit größter Mühe ihre Unschuld beweisen müssen.

Dass auch „Mercy“ dieses Muster verwendet darf getrost verraten werden, denn einen Chris Pratt besetzt man nicht als Mörder seiner Frau, sondern stets als Sympathieträger. Die Spannung der kurzweiligen 90 Minuten resultiert nicht aus der Frage, ob Chris der Täter ist, sondern wie er seine Unschuld beweisen kann. Diesen Aspekt des erzählerischen Ansatz inszeniert Bekmambetov mit großer Souveränität, spielt mit Bildfenster, schneidet Bilder von Überwachungskameras neben die von Bodycams, lässt Chris wie bei einer Schnitzeljagd Spuren verfolgen, die letztlich zu seiner Entlastung führen.

Die ethischen und philosophischen Fragen des Ansatzes zu vertiefen versucht „Mercy“ zwar gar nicht erst, doch als schnörkelloser, spannender Science-Fiction-Thriller, der zumindest ansatzweise sehr aktuelle Themen aufnimmt, kann Timur Bekmambetovs Film überzeugen.

Mercy • USA 2026 • Regie: Timur Bekmambetov • Darsteller: Chriss Pratt, Rebecca Ferguson, Annabelle Wallis • Im Kino

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