„The Bride! - Es lebe die Braut“: Frankensteins Braut auf Abwegen!
Der wahrscheinlich beste schlechteste Film des Jahres!
Eine Szene bringt das Wesen von Maggie Gyllenhaals „The Bride! – Es leben die Braut“ auf den Punkt. Frankensteins Monster, das hier Frank heißt, und die Braut haben wilden, leidenschaftlichen Sex im Auto. Monstersex sozusagen. Von wilder Leidenschaftlichkeit wird aber nicht nur die Beziehung der beiden Horrorfilm-Ikonen angetrieben, sondern der ganze Film. Es ist das spürbare Herzensprojekt einer Regisseurin, die, so wirkt das Resultat zumindest, ihr Glück wohl gar nicht fassen konnte, nach einem ersten Anlauf, Netflix fand den Film für ein ursprünglich veranschlagtes 65-Millionen-Dollar-Budget zu „wild“ und nicht zum Programm passend, dank Warner über 80 Millionen verpulvern zu können und – vielleicht in der Ahnung, dass das so schnell nicht mehr passieren wird – regelrecht übersprudelte. Was wiederum in Warners Chefetage bei der Abgabe des Endschnitts für hochgezogene Augenbrauen sorgte – die Folge waren endlose Testscreenings, teure Nachdrehs (das Budget soll nun über 100 Millionen betragen) und Zensureingriffe.

Das Resultat ist ein Mix aus experimentalfilmartigen Ansätzen und konventionellen Blockbuster-Mechanismen, ein schrilles, dramaturgisch vor sich hin stolperndes Chaos aus disparaten Storyteilen, unterschiedlichsten Genres (Musical, Gangsterfilm, Roadmovie, Film Noir…) und mannigfaltigen Referenzen, dessen Nahtstellen kurz vor dem Platzen sind und ein Film, der sich höchstwahrscheinlich bereits in der Originalversion nicht um Subtilitäten geschert hatte und seine feministische Agenda mit bebender Stimme von der Leinwand brüllt und dabei auch anderen Produktionen ganz offen den Mittelfinger zeigt: So wirkt der Umstand, dass die Bride einen Aufstand auslöst, zahlreiche Frauen ihr prägnantes, schwarzes, tintenklecksartiges Pseudo-Make-Up emulieren und sich gegen das Patriarchat auflehnen wie eine direkt Kampfansage an die jammerlappigen Incel-Revoluzzer aus „Joker“ (2019). Platt ja, aber ehrlich gemeint und durchaus nicht verkehrt.

Der Frontalzusammenstoß zwischen ungefilterter Independent-Wildheit und Manager-Mentalität fasziniert, denn ungebremste Energie und pure Lust am hemmungslosen Fabulieren, Dekonstruieren und vor allem brachialem Anecken brechen sich trotz aller Glättungsversuche, die vor allem im letzten Drittel zum Tragen kommen, immer wieder Bahn. Besonders wenn die Handlung Frank und seiner Braut in den Fokus rückt, findet der Film ganz zu sich und dank der tollen Hauptdarsteller (Jessie Buckley, Christian Bale) zu einer gewissen Intimität, die man nicht unbedingt erwartet hätte. Wobei das Ganze nie in Kitsch abgleitet, im Gegenteil: Anders als die keimfreie Disney-Liebelei in Guillermo del Toros „Frankenstein“-Verfilmung vom letzten Jahr hat Gyllenhaals Romanze einen obszönen Twist: Das Monster ist hier ein sentimentaler Lüstling, das seit Ewigkeiten keinen Sex mehr hatte und der gedächtnislos Widererweckten-Kokolores über ihre Vergangenheit erzählt, um sich ihrer bemächtigten zu können. Später kommt schon noch Liebe ins Spiel, aber gerade für einen großen Studiofilm wirkt das schon bemerkenswert schmuddelig – offenbar war noch mehr geplant: Man hätte zu gerne gesehen, wie Frank schwarze Kotze vom Nacken seiner Braut leckt. Schade.

Apropos del Toro. In so einigen der bisher erschienenen, negativen Kritiken zu „The Bride!“ wird auf die vermeintliche Qualität seines mit dutzenden Preise und Nominierungen überhäuften „Frankenstein“ hingewiesen – ein schönes Beispiel wie genormt Rezeptionshaltungen doch mittlerweile sind. Während del Toro peinlichst genau darauf achtet, möglichst niemanden auf die Füße zu treten, weder den Fans des Romans (im Shop), noch den Studiobossen, noch dem Publikum und dabei Mary Shelleys Arbeit verwässert, sogar die feministischen Untertöne des Buchs werden angstvoll komplett tilgt, scheut sich Gyllenhaal nicht vor blutigen oder sexuell aufgeladenen Bildern, ballert ihre feministische Agenda direkt in den Kinosaal und macht Shelley mittels einer bizarren Plot-Idee sogar zu einer der zentralen Protagonisten des Films: Die Londoner Jahrhundertschriftstellerin eröffnet als kämpferischer Geist aus einem schwarzweißen Jenseits nicht nur den Film, sondern meldet sich im Laufe des Streifens immer mal wieder durch die Braut, in die sie fährt, mittels touretteartigen mit literarischen Referenzen gespickten, Verbalausbrüchen.

„The Bride!“ scheint sich momentan zu einem der größten Flops 2026 zu entwickeln, das Einspielergebnis dieses Wochenende lag noch um einiges unter den ohnehin schon nicht hohen Prognosen. Das ist einerseits schade, denn selbst in dieser verunglückten Version macht Gyllenhaals Big-Budget-Extravaganz mehr Spaß als das Gros der Filme, die Hollywood jedes Jahr vom Stapel lässt. Anderseits erhöht der totale Reinfall vielleicht die Chancen auf einen Director’s Cut für Zuhause – eventuell sehen wir die Kotze ja doch noch.
The Bride! – Es lebe die Braut • USA 2026 • Regie: Maggie Gyllenhaal • Darsteller: Jessie Buckley, Christian Bale, John Magaro, Julianne Hough, Peter Saarsgard • im Kino • Abb. © Warner Bros.
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