15. September 2022 1 Likes

„Moonage Daydream“ – Ein Außerirdischer unter Menschen

Brett Morgans großartiger Film über David Bowie

Lesezeit: 3 min.

Mit Bildern des Mondes beginnt Brett Morgens „Moonage Daydream“, wo sonst, wurde David Bowie doch immer wieder mit einem Außerirdischen verglichen, sang von Flügen ins All und spielte in seiner ersten Filmrolle in Nicolas Roegs „Der Mann der vom Himmel fiel“ gleich selbst einen Alien. „Alles ist vergänglich“ hört man Bowie sagen, auf den Buddhismus Bezug nehmend, der Bowies Lebensphilosophie prägte, aber nicht ausschließlich. Gleich in den ersten Minuten wirft Morgen mit Zitaten aus Film- und Popgeschichte um sich, zeigt Bilder aus „Metropolis“ und „Nosferatu“, zitiert Nietzsche und Brecht, rasant montiert, mit Bowies „All the Young Dudes“ unterlegt. Ein atemberaubender Beginn, der die Fallhöhe noch steigert. Aus all dem Material schöpfen, das Bowie im Laufe seines Lebens angesammelt hat, unbegrenzten Zugriff auf Gemälde, Skulpturen, Kurzfilme und natürlich die Musik des Künstlers zu haben, dazu von den Erben mit völliger Freiheit ausgestattet sein: Von solchen Möglichkeiten dürften viele Filmemacher träumen, sie könnten aber auch leicht lähmen.

Fünf Jahre hat sich Brett Morgen durch das Material gekämpft und im Schneideraum verbracht, um am Ende einen Film vorzulegen, der sämtliche Fallstricke eines biographischen Dokumentarfilms umschifft, dem es trotz seiner Länge von 140 Minuten gelingt, nie durchzuhängen, der im Gegenteil zum Ende sogar noch einmal an Wucht zulegt. Was nicht zuletzt einer gewagten Entscheidung zu verdanken ist: Loser roter Faden von „Moonage Daydream“ ist nicht etwa das Leben Bowies an sich, nicht die banalen biographischen Daten, die jedem daran Interessierten mit einen Blick auf den entsprechenden Wikipedia-Eintrag ja ohnehin zur Verfügung stehen, sondern die emotionale Entwicklung Bowies, sein Wachsen als Künstler und vor allem als Mensch, seine Wandlung von einem tatsächlich schüchternen Mann, der sich auf der Bühne auslebte, zu einem in sich ruhenden Menschen, der mit Mitte 40 durch seine Ehe mit dem Model Iman endgültig zu sich selbst fand.

Pausen gönnt Morgen dem Zuschauer nur selten, die Interviewaussagen Bowies lassen das Bild eines komplexen, selbstreflexiven Menschen entstehen, der mit enormer Lust am Leben ausgestattet war, sich in vielfältigen Kunstformen ausprobierte, nie stillstehen wollte, jahrelang vielleicht auch mit einer gewissen Rastlosigkeit lebte, bis er in seinen letzten Jahren mit seiner Frau am Genfer See ein zu Hause fand.

Auch Morgens Film kommt kaum zur Ruhe, aber warum auch, wenn man so spektakuläres Material zur Verfügung hat. Konzertaufnahmen, dazu private Bilder von Bowie, aus Thailand und Berlin, beim Malen, beim fotografiert werden, beim schieren David Bowie-sein. Und was kam bei diesem Mann alles zusammen: Diese markanten, unverwechselbaren Gesichtszügen, ein enormes künstlerisches Talent, dazu eine mysteriöse, androgyne Aura. Alles zusammen machte aus David Robert Jones David Bowie, eine der bemerkenswertesten Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Auch wenn es kaum möglich scheint, einen langweiligen Film über David Bowie zu drehen, gelingt Brett Morgen mit „Moonage Daydream“ dennoch bemerkenswertes: Eine stilistisch atemberaubende Bild- und Tonkollage, die einen komplexen Künstler umkreist, sich ihm annähert, viel über sein Wesen und Denken verrät, ohne sein Geheimnis zu entzaubern.

Abb. © Universal Pictures

Moonage Daydream • USA 2022 • Regie: Brett Morgen • ab 15. September im Kino

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