3. November 2022 5 Likes

Diskontinuität

Das Ende der Zukunft, wie wir sie kannten, könnte eine große Chance sein

Lesezeit: 6 min.

Wenn Sie diese Kolumne zu Ende gelesen haben (laut automatischer Zählung in sechs Minuten), wird irgendwo auf der Welt eine weitere Tierart für immer verschwunden sein, mit vielleicht katastrophalen Folgen für das globale Ökosystem.

Oje. Ich habe gerade einen Fehler gemacht. Ich habe Sie nicht abgeholt. Indem ich gleich zu Beginn eine negative, pessimistische Botschaft platziert habe, habe ich das Gegenteil von dem bewirkt, was ich eigentlich wollte. Ja, womöglich lesen Sie die Kolumne jetzt gar nicht mehr zu Ende, denn was der Mamczak da an Weltuntergangsstimmung verbreitet, das brauchen Sie gerade echt nicht, oder? Das macht doch nur schlechte Laune …

Der These, man müsse „die Menschen abholen“, wenn man sie motivieren will, der ins Taumeln geratenen Biosphäre unseres Heimatplaneten die nötige Aufmerksamkeit zu widmen, begegnet man in der öffentlichen Debatte immer häufiger. Die Argumentation geht so: Viel zu lange hätten insbesondere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit apokalyptischen Szenarien operiert, was ganz offensichtlich nicht den gewünschten Effekt gehabt, sondern bei den Menschen vielmehr zu einer Lähmung und inneren Blockade geführt habe, und deshalb müsse man sie jetzt mit anderen diskursiven Methoden, nun ja, abholen.

Diese Argumentation ist ziemlich krude.

Zum einen: Wer sind eigentlich „die Menschen“? Jedenfalls keine analytisch brauchbare soziologische Größe, sondern eher eine rhetorische Figur, die so regelmäßig wie willkürlich aufgerufen wird, wenn man politische Entscheidungen rechtfertigen oder politische Forderungen unterfüttern will. Mit „die Menschen“ (oft auch: „die Leute“, früher: „das Volk“) ist logischerweise eine große Anzahl, ja, die gesellschaftliche Mehrheit gemeint. Umso seltsamer ist es, dass ich noch nie jemanden getroffen habe, der sich offen zu dieser Gruppe bekannt hätte. „Die Menschen“, das sind immer die anderen, was zur Folge hat, dass „die Menschen“ regelmäßig mit dem politischen oder moralischen Zeigefinger auf „die Menschen“ deuten.

Es kommt hinzu, dass die Behauptung, Katastrophenszenarien würden automatisch zu einer inneren Blockade führen, historisch nicht korrekt ist. Die (nicht zuletzt visualisierte) Vorstellung einer globalen nuklearen Auseinandersetzung etwa hatte in den 1980er-Jahren eine enorme politische Wirkung. Dasselbe gilt, um ein ökologisches Beispiel zu nehmen, für das damals viel diskutierte Waldsterben. Weil das entsprechende Szenario aber eben nicht eingetreten ist, lassen sich diese politischen Wirkungen nur schlecht fassen (das nennt man Präventionsparadox).

So krude die Argumentation aber auch ist, es gibt durchaus einen Zusammenhang zwischen „die Menschen“ und „Katastrophenszenario“, der uns verstehen hilft, warum Menschen die Biosphäre des Planeten mit desaströsen Folgen verändern und gleichzeitig unfähig scheinen, diese Folgen mental zu prozessieren. Warum sie sich, um mit Odo Marquard zu sprechen, bewusst sind, eine Untat begangen zu haben, und es gleichzeitig nicht gewesen sind. Dieser Zusammenhang ist keine anthropologische Konstante, er sagt nichts über die menschliche Natur aus – schon deshalb nicht, weil wir täglich in der Zeitung von Menschen lesen, die aus dem entsprechenden mentalen Prozessieren nicht mehr herauskommen. Aber er reicht doch in die kognitiven Tiefenschichten der allermeisten Menschen des 21. Jahrhunderts: dorthin, wo unsere Idee davon erzeugt wird, was „Zukunft“ ist.

Die meisten von uns tun sich nämlich denkbar schwer damit, Zukunft als etwas Diskontinuierliches zu denken. Üblicherweise projizieren wir Erfahrungen aus der Vergangenheit und Gegenwart so weit in die Zukunft, dass die Illusion von Stabilität entsteht. In dieser Illusion gleicht die Zeit einem ununterbrochenen Räderwerk: Es ändert sich etwas, aber eigentlich ändert sich nichts wirklich. Die Zukunft als Diskontinuität – als fundamentale Veränderung oder als Notwendigkeit, sich fundamental zu verändern – haben wir gewissermaßen an die Zukunft ausgelagert: Irgendwann wird das vielleicht einmal geschehen oder notwendig sein, aber nicht heute, und morgen auch nicht. So wie wir den Planeten (insbesondere seine Atmosphäre) als materielle Müllhalde benutzen, so laden wir unseren geistigen Müll in der Zukunft ab, auf dass er uns nicht mehr belästigt.

Inzwischen haben wir allerdings gelernt, dass man auf einem Planeten nichts wegwerfen kann, weil es kein „weg“ gibt, und mehr und mehr lernen wir, dass das dasselbe für die Zukunft gilt. Selbst im alleroptimistischsten Szenario werden die Menschen dieses und des nächsten Jahrhunderts noch schwer an den Folgen der jetzigen Naturzerstörungen zu tragen haben. Unter keinen Umständen werden sie so leben können, wie wir leben. Die Zukunft als Diskontinuität hat sich also bereits ereignet; wir können sie nirgendwohin mehr auslagern. Wie es in Tarkowskis Stalker heißt: „Früher war die Zukunft nur Fortsetzung der Gegenwart, weiter nichts. Die Veränderungen lagen irgendwo in der Ferne, hinter dem Horizont. Heute haben wir alles in einem Topf, Gegenwart und Zukunft.“

Das ist etwas Neues. Damit können wir nicht umgehen. Ja, für ganz viele von uns ist dieser Gedanke so unerträglich, dass sie sich eine Parallelwelt konstruieren, in der sie arbeiten, Kinder großziehen, in die Ferien fahren und all die anderen Dinge tun, die ein „normales“ Menschenleben so ausmachen, als wäre dort draußen alles in Ordnung, als würde nicht ein ökologischer Kipppunkt nach dem anderen überschritten, als würden wir, so ein legendäres Zitat von Helmut Kohl, „das mit der Umwelt schon hinkriegen“.

Gegenüber allzu viel Negativem und Pessimistischem schottet man sich in dieser Parallelwelt naturgemäß ab, aber das heißt eben nicht, dass man sich gegenüber einer pessimistischen Zukunftsvision abschottet, sondern gegenüber der Realität und dem eigenen Beitrag dazu. (Nur mal so ein auf Deutschland bezogenes Beispiel: Rein rechnerisch ist jeder von uns dafür verantwortlich, dass jährlich 23,4 Quadratmeter Meereis schmelzen. Bei dreiundachtzig Millionen Menschen ist das eine Fläche von zweihundertzweiundsiebzigtausend Fußballfeldern.)

Vor diesem Hintergrund hat der Zukunftsdenker Alex Steffen unsere Zeit einmal als „transapokalyptisch“ bezeichnet: Die Apokalypse geschieht, aber wir bewegen uns ziemlich gemütlich da durch. Hin und wieder ereignet sich etwas, das als bedrohlich wahrgenommen wird, doch es lässt es sich noch gut verdrängen, bis … Nun, bis nicht nur kleinere ökologische Kipppunkte überschritten sind, sondern entscheidende (wie etwa die Verwandlung des Amazonas-Regenwaldes in eine Savanne). Wenn das geschieht, geht die Welt zwar nicht unter, aber sie wird zu einem sehr, sehr ungemütlichen Ort. Es ist der Moment, in dem sich die Zukunft endgültig in der Gegenwart auflöst.

Wie weit in der Zukunft dieser Moment liegt, weiß niemand genau, aber jeder, der sich auch nur ein wenig mit der ökologischen Situation befasst, kommt zu dem Schluss, dass wir nicht über die ferne Zukunft sprechen. Und hier ist die Pointe: Eigentlich sprechen wir gar nicht über die Zukunft, denn diese Zukunft, wie wir sie kannten, existiert nicht mehr. Die Müllhalde wurde wegen Überlastung geschlossen.

Es mag sein, dass Ihnen das alles zu „negativ“ und „pessimistisch“ ist. Oder dass es Sie nicht „abholt“. Oder dass Sie sich gar nicht gemeint fühlen, weil Sie sich nicht zu „den Menschen“ zählen. Mag sein. Aber letztlich sind all diese Begriffe völlig unbrauchbar, sie taugen nicht für die elende Situation, in die wir uns gebracht haben. Wenn die Zukunft, wie wir sie kannten, nicht mehr existiert, dann müssen wir auch völlig neu über die Zukunft reden und nachdenken. Dann müssen wir lernen, die Zukunft nicht als Zukunft zu begreifen, sondern als Gegenwart. Das klingt etwas verblasen, aber es ist ziemlich konkret: Wenn wir uns mit der Zukunft befassen wollen, müssen wir uns der Gegenwart aussetzen.

Zum Beispiel so: Jetzt, da Sie diese Kolumne zu Ende gelesen haben, ist irgendwo auf der Welt eine weitere Tierart ausgestorben. Das ist natürlich nur grob gerechnet, weil wir die allermeisten Arten und ihre Bedeutung für das globale Ökosystem gar nicht kennen, doch das sollte niemanden beruhigen. Das von uns Menschen verursachte Artensterben, das kurioserweise viel weniger mediale Aufmerksamkeit erhält als andere Krisen, ist die größte Katastrophe unserer Zeit. Wenn das Netz des Lebens auf der Erde reißt, dann ist das die ultimative Diskontinuität. Ich wollte das lange nicht wahrhaben und musste gegen tiefverwurzelte mentale Widerstände ankämpfen, um mich überhaupt damit zu beschäftigen und, soweit das möglich ist, mein Leben danach auszurichten. Glauben Sie mir, ich würde mich lieber mit etwas anderem beschäftigen.

Aber genau das ist der Punkt. Wenn wir über die Zukunft nachdenken wollen, wenn wir in einer halbwegs guten Zukunft leben wollen, müssen wir uns dazu zwingen, das wahrzunehmen, was wirklich geschieht.

Der nächste Schritt ist dann einfacher.

 

Sascha Mamczak ist Autor von „Die Zukunft – Eine Einführung“ und des Jugendsachbuchs „Eine neue Welt“. Zuletzt ist bei Reclam sein Buch „Science-Fiction. 100 Seiten“ erschienen. Alle Kolumnen von Sascha Mamczak finden Sie hier.

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