Joe Hill: „King Sorrow II“
Drachen aus der Finsternis
Joe Hills „King Sorrow“ (im Shop) ist ein Roman wie eine Druckwelle: ein Jahrzehnte umspannendes Horror-Fantasy-Epos, das die alte Frage nach Schuld und Sühne mit dem Lärm unserer Gegenwart kurzschließt. Sechs junge Menschen beschwören Ende der 1980er Jahre in einem Akt panischer Loyalität einen Drachen aus der Finsternis – King Sorrow –, um einen unmittelbaren Feind zu tilgen.
Der Preis: Jedes Jahr zu Ostern ein neuer Name, sonst holt der König sich einen von ihnen.
Aus dieser grausamen Buchführung wächst eine Chronik moralischer Erosion, technischer Hybris und politischer Verhärtungen, erzählt in sechs Büchern, die mal Coming-of-Age, mal Thriller, mal moderne Mythe sind. Hill hetzt nicht; er moduliert. Die Kapitel sind kurz, die Zeitensprünge kühn, das Ensemble – Arthur, Gwen, Allison, die McBride-Zwillinge, Colin – so widersprüchlich, dass es weh tut, wenn das Schicksal plausibel zuschlägt.
Die knappe Inhaltsangabe verfehlt zwangsläufig, was das Buch trägt: die Reibung zwischen persönlicher Verantwortung und der verführerischen Externalisierung des Bösen. Der Drache ist kein bloßer Endgegner, sondern eine Infrastruktur: ein Outsourcing der eigenen Schuldgefühle. Hill verankert das in historischen Markern und popkulturellen Reflexen, doch wichtiger als Anspielungen ist das Ethos der Prosa: unprätentiös, rhythmisch, oft mit einer spröden Zärtlichkeit für seine Gescheiterten. Die politische Lesbarkeit – ein geduldiges Sezieren von Medienhysterie, Silicon-Valley-Übermut und ressentimentgeladenem Opportunismus – ist deutlich, ohne zur Parabel zu verflachen. Wenn der Roman am Ende seine Spiegel dreht, wirkt das weniger wie Hohn als wie Bilanz: Wir alle haben Namen genannt.
Stilistisch ist King Sorrow Hills reifstes Langprosa-Werk: weniger barock als „NOS4A2“, kontrollierter als „Heart-Shaped Box“, aber mit ähnlicher Intensität. Einzelne Sequenzen – ein Flug, der zur Höllenfahrt gerät; ein englisches Suchgelände, das ins Mythische kippt; Gefängnisszenen von beinahe dokumentarischer Kälte – zeigen eine Souveränität, die der epischen Länge Sinn verleiht. „King Sorrow“ ist ein großer, zornig-mitfühlender Roman über das menschliche Bedürfnis, das Böse zu delegieren – und den Preis, den es dafür immer fordert. Hill spendet uns keinen Trost. Er gibt uns ein Echo. Und ein Echo weiß, wo sein Ursprung liegt.
Joe Hill: King Sorrow II
King Sorrow (Band 2)
Mit seinen Romanen erobert Joe Hill regelmäßig die Spitze der internationalen Bestsellerlisten.
Jahr für Jahr fordert der mächtige Drache King Sorrow von Arthur Oakes, der inzwischen Professor für Englische Literatur ist, und seinen Freunden ein Menschenopfer. Die Folgen ihrer Wahl werden immer drastischer, immer mehr unschuldige Menschen kommen bei King Sorrows Beutezügen ums Leben. Arthur ist klar, dass sie den Drachen zurück in die Große Dunkelheit verbannen müssen. Doch einer seiner Freunde spielt ein falsches Spiel …
Der Originalroman »King Sorrow« erscheint auf Deutsch in zwei Teilen »King Sorrow 1« und »King Sorrow 2«.
Joe Hill: King Sorrow II • Roman • Aus dem Amerikanischen von Kristof Kurz, Stefanie Adam • Heyne, München 2026 • 416 Seiten • Erhältlich als Hardcover, eBook und Hörbuch Download • Preis des Hardcovers: € 24,00 • im Shop
Joe Hill wurde 1972 in Neuengland geboren. Für seine Kurzgeschichten, die in zahlreichen Zeitschriften und Anthologien erschienen, wurde er mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Ray Bradbury Fellowship, dem Bram Stoker Award und dem renommierten World Fantasy Award. Mit seinem Roman »Fireman« stand er auf Platz 1 der »New York Times«-Bestsellerliste. Viele seiner Werke wurden für Film und Streamingdienste adaptiert.

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