16. Juli 2026

„Die Odyssee“ – Eine antike Anti-Helden-Geschichte

Christopher Nolan wird erwachsen

Lesezeit: 3 min.

Man hätte es sich denken können, dass die Odyssee der Stoff ist, von dessen Verfilmung Christopher Nolan seit langem träumt. Nicht nur zählt Stanley Kubricks „2001-A Space Odyssey“ – einer der vielen Filme und Romane, in denen sich der Einfluss von Homer (im Shop) deutlich zeigt – zu den Lieblingsfilmen des Regisseurs, auch in etlichen anderen Filmen von Nolan zeigen sich deutliche Spuren von Motiven der Odyssee. Wenn etwa in „Inception“ das von Leonardo Di Caprio und Marion Cotillard gespielte Paar tief in einer Traumebene versunken lebt, die Jahre vergisst und keinen Weg in die Realität zurückfindet, dann erinnert das mehr als deutlich an eine Sequenz in „Die Odyssee“, in der Matt Damon als Odysseus auf einer einsamen Insel mit der mysteriösen Calypso (Charlize Theron) lebt, sieben Jahre lang, ohne Erinnerung an die Schlacht von Troja, vor allem aber ohne Erinnerung an sein eigentliches Ziel: Sein zu Hause in Ithaka, seine Frau Penelope (Anne Hathaway), seinen Sohn Telemachos (Tom Holland).

Dieser neben der Ilias zweite große Urtext der abendländischen Kultur hat Nolan also schon seit langem umgetrieben, nun konnte er ihn realisieren, zum Glück erst jetzt muss man nach den über zweieinhalb epischen Stunden sagen, denn vor vielen Jahren, als er fast einmal bei „Troja“ Regie geführt hätte, war er vermutlich weder reif genug für diesen Stoff, noch hätte er den Status gehabt, ihn so konsequent düster umzusetzen, wie er es nun tut.

Vor über 20 Jahren, kurz nach seinem ersten Mainstream-Erfolg „Insomnia“, trug Warner Bros. Nolan die Regie beim geplanten „Troja“-Film an, da der ursprünglich vorgesehene Regisseur Wolfgang Petersen sich für ein anderes Projekt interessierte. Als aus diesem Projekt nichts wurde und Petersen nun doch bei „Troja“ Regie führen wollte, war Nolan draußen und bekam von Warner ein anderes Projekt angetragen: Batman.

Was dann passierte ist bekannt: Nolan entwickelte sich zu einem der erfolgreichsten Regisseure der jüngeren Filmgeschichte, dessen Karriere vor drei Jahren ihren bisherigen Höhepunkt erreichte. Das Biopic über den Erfinder der Atombombe „Oppenheimer“ gewann nicht nur zahlreiche Oscars sondern spielte auch über 900 Millionen Dollar ein. Danach hatte Nolan endgültig Carte Blanche, konnte machen was er wollte – und nutzt nun diese Macht zu einem düsteren, brutalen Film, der als Abgesang auf all den pathetischen Heroismus verstanden werden kann, der die abendländische Erzählkultur und damit natürlich auch Hollywood seit Jahrhunderten, um nicht zu sagen Jahrtausenden prägt.

Erstaunlich zurückhaltend inszeniert Nolan die Irrfahrten des Odysseus, von dem inszenatorischen Exzess, der seine Filme sonst oft prägt ist wenig zu spüren, selbst die zwei, drei Szenen, in denen Odysseus und seine Männer mit dem Zyklop und anderen Fabelwesen konfrontiert werden, haben nichts von der kindlichen Freude eines Ray Harryhausen, sondern zeigen kampfesmüde Krieger, die nur überleben und nach Hause wollen.

Homer: Odyssee

Kurt Steinmanns vielgelobte Versübertragung der »Odyssee« verbindet in idealer Weise hohe Texttreue mit sprachlicher Eleganz. Mühelos gelingt es ihm, dem jahrtausendealten Menschheitsepos um die Abenteuer des listenreichen Odysseus und dessen Gefährten neues Leben einzuhauchen. So erstrahlen einige der berühmtesten Episoden der Weltliteratur – die Gefangenschaft beim Kyklopen Polyphem, die verführerischen Gesänge der Sirenen, die Bedrohung durch Skylla und Charybdis – in frischem Glanz. Von der Sorgfalt der reich kommentierten Neuübersetzung – erstmals 2007 bei Manesse erschienen – zeugt auch die Taschenbuch-Ausgabe des kanonischen Großklassikers.

Homer: Odyssee • Aus dem Altgriechischen von Kurt Steinmann • Penguin, München 2016 • 448 Seiten • Erhältlich als Taschenbuch und eBook • Preis des Taschenbuchs: €16,00 • im Shop

Um die Folgen der endlosen Kriege geht es hier im Kern, um die Folgen des schier endlosen Kreislaufs der Gewalt, in dem sich die Männer ergehen, während Frauen vor allem Opfer sind, die, die zu Hause warten und die, die in den eroberten Städten ermordet und vergewaltigt werden. Wenn Odysseus in kurzen Erinnerungsfetzen an die Eroberung von Trojas denkt, wirkt das nicht heroisch, sondern nur brutal und traumatisierend, wird in düsteren, ausgeblichenen Bildern die ganze Grausamkeit des Krieges deutlich. Doch in den Erinnerungen, in den Geschichten, den Sagen und Mythen, werden diese Kriege verklärt, werden aus Schlächtern Helden – und der Kreislauf geht weiter.

Die Odyssee • USA 2026 • Regie: Christopher Nolan • Darsteller: Matt Damon, Tom Holland, Anne Hathaway, Robert Pattinson, Lupita Nyong’o, Zendaya, Charlize Theron • im Kino • Abb. Universal Pictures Germany

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