18. Mai 2026

Genre in Cannes 2026 – KI: Die Zukunft des Kinos? Noch nicht ganz

Auch bei den 79. Filmfestspielen in Cannes kam man am Thema KI nicht vorbei

Lesezeit: 4 min.

Traditionell finden sich bei den altehrwürdigen Filmfestspielen von Cannes, die diese Tage im Süden Frankreichs stattfinden, Genrefilme in den Mitternachtsvorführung. Auch dieses Mal gab es hier zwei Filme aus dem aktuell wieder sehr beliebten Virus-Mutations-Zombie-Bereich zu sehen, den eher konventionellen koreanischen Film „Gun-Che“ (Colony) von Yeon Sang-ho, bei dem aus banaler Rache ein Virus ausgesetzt wird. Viel interessanter und ambitionierter war dagegen das französische Debüt „Sanguine“ (Species) von Marion Le Corroller, denn hier ist es der Stress, der junge Menschen, deren Work-Life-Balance aus den Fugen geraten ist, in bester Body Horror-Manier mutieren. Was zwar auch den Effekt hat, dass sie härter und damit erfolgreicher arbeiten können, sie aber zunehmend innerlich kaputt macht und in den Wahnsinn treibt. Ein sehr cleverer und blutiger Film, der gleichermaßen als Schocker wie als Satire überzeugt.


„Sanguine“. Abb. © Cannes Film Festival 2026

Wenn sich ein Genresujet in der wichtigsten Sektion, dem Wettbewerb, findet, dann wird es meist auf eher intellektuelle Weise verhandelt. So auch im Fall des neuen Film des brillanten Japaners Kore-eda Hirokazu. Der variiert in „Sheep in the Box“ ein Thema, das man im Kino in den letzten Jahren schon einige Male gesehen hat, nicht zuletzt deswegen, weil es auch in der Realität immer relevanter wird: Künstliche Wesen, die Menschen ersetzen sollen, in diesem Fall den bei einem Unfall ums Leben gekommenen Sohn eines Paares. REbirth heißt die Firma, die den Achtjährigen wieder zum Leben erweckt, was unweigerlich zu der bekannten Frage führt, ob Roboter von elektrischen Schafen träumen, die hier auf sehr arthousige, japanische Weise verhandelt wird.

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Ein Thema, dem man (noch) nicht unbedingt in Filmen begegnete, dass aber in Artikeln der täglich veröffentlichten Branchenzeitungen und auf Gesprächen auf dem Filmmarkt immer wieder aufkam, waren jedoch nicht Roboter, sondern KI. Bei manchen als Teufelszeug verschrien, das unweigerlich die Filmbranche ruinieren wird, für andere eine spannende neue Möglichkeit, eine neue Farbe im Malkasten der Filmemacher.

Zu Letzteren dürften David Bardos und Damià Ferràndiz zählen, die Regisseure der spektakulären Virtual Reality-Installation „The Black Mirror Experience“, ein rund 45 Minuten langer immersiver Film, der nicht umsonst so heißt wie die Erfolgsserie. Deren Macher überließen nicht nur die Namensrechte, sondern inspirierten auch das Konzept, bei dem der Zuschauer, der hier eher als Mitspieler zu bezeichnen ist, zunächst ein paar Daten über sich preisgibt, fotografiert wird und eine Stimmprobe abgibt. Was zunächst etwas albern wirkt, erweist sich im Laufe des Films als Basis für eine erschreckende, erstaunliche Andeutung, was mit KI heute schon möglich ist.


„The Black Mirror Experience“. Foto © Michael Meyns

Der Zuschauer wird als potenzieller Käufer eines Roboters in die Handlung integriert und sieht sich bald einem erstaunlich realistisch wirkenden Ebenbild gegenüber, das auch noch so spricht wie er selbst. Dieses Spiegelbild erweist sich jedoch bald als möglicher Antagonist, den man im Laufe der Handlung zerstören oder dem man vergeben kann. Teilweise wie ein interaktives Computerspiel wirkt das, teils wie eine Werbung oder eine Warnung vor KI.

An einer Stelle wird man etwa gebeten, einen Traum zu beschreiben, der dann, auch wenn man etwas völlig Obskures erzählt hat (in meinem Fall einen Dinosaurier auf einem Berg, der einen Badeanzug trägt und wegfliegt…), ein paar Momente später als KI Bilder visualisiert sieht. In der finalen Szene sieht man sich schließlich einer ganzen Armee von Ebenbildern gegenüber, was je nach Geisteszustand wie ein Albtraum oder die Erfüllung einer größenwahnsinnigen Phantasie wirkt. So oder so ein Einblick in die Möglichkeiten der KI, über die man in den nächsten Jahren noch viel sprechen wird.

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Deren Einsatz in traditionellen Filmen ist nicht nur in Hollywood ein umstrittenes Thema, wie etwa Steven Soderbergh feststellen musste, als er in einem Interview beiläufig erwähnte, dass er KI zunächst einmal für eine interessante Technik hält. Die er in seinem Dokumentarfilm „John Lennon: The Last Interview“ auch gleich einsetzt, der das letzte, ein paar Stunden vor Lennons Tod geführtes Radiointerview als roten Faden eines Porträtfilms über den Ex-Beatle nimmt. Manche abstrakteren Bemerkungen Lennons, die sich nicht mit klassischem Archivmaterial bebildern ließen, hat Soderbergh per KI visualisiert, wenn auch mit arg durchwachsenem Ergebnis: Bilder von kaleidoskokpartig schwirrenden Blumen und Mustern sind da zu sehen, dann Szenen, in denen Diktatoren von Caeser über Napoleon bis Hitler, durch Spaliere von Soldaten schreiten. Gerade letztere Bilder wirken genau so, wie man sich AI Slop vorstellt, unwirklich und künstlich, nicht richtig schlecht, aber in keiner Weise überzeugend. Bis KI also für aufwändigere Hollywoodproduktionen eine Alternative darstellt, dürfte noch einige Zeit vergehen.

Abb. ganz oben aus „Sheep in the Box“. Abb. © Cannes Film Festival 2026

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