26. Oktober 2026

Vampir-Revoluzzer, Kleinstadt-Detektive und Tolkien-Adepten

Phantastik-Comic-Neuheiten

Lesezeit: 4 min.

Nora Borkenhagen lässt einen Vampir an seiner Bestimmung zweifeln, in einer Kleinstadt breitet sich das Grauen Marke Stephen King aus, und David Wenzel schickt den Hobbit erneut auf seine Reise.

 

Nora Borkenhagen: Bo und der erste Biss

Das Debüt der Hamburger Comiczeichnerin Nora Borkenhagen ist herzallerliebst: In ihrer Vampirgeschichte „Bo und der erste Biss“ erzählt sie vom Anderssein, vom Versuch, sich nicht von den Erwachsenen verbiegen zu lassen. Bo wird bald 100, und die Vampirtradition verlangt, dass damit auch der erste Biss ansteht. Allerdings gefällt es Bo überhaupt nicht, anderen Lebewesen ihr Blut zu stehlen, und so begibt er sich Nacht für Nacht mit seinen Freunden Faida und Maushettar, einer lebenden Engelsstatue und einer Riesenmaus, in Klausur, um an Alternativen zu tüfteln, die die Eltern nicht enttäuschen und ihn vor dem Spott seiner Brüder bewahren. Das verläuft turbulent, in herrlichen Dialogen und mit viel Situationskomik, was alles von atmosphärischen Bildern des nächtlichen, sehr belebten Friedhofs flankiert wird, auf dem beispielsweise ein Skelett regelmäßig damit beschäftigt ist, seine verlorenen Knochen zusammenzutragen, die ihm der Hund des Friedhofwächters immer wieder abspenstig macht. Eine sanfte, verschmitzte Gruselstimmung und eine sympathische Pädagogik halten einander ideal die Waage – einer der schönsten Kindercomics des Jahres.

Nora Borkenhagen: Bo und der erste Biss • Kibitz Verlag, Hamburg 2026 • 128 Seiten • Hardcover • 20,00 Euro

 

Antje von Stemm: Der (wahrscheinlich) magische Höhlenstein

Antje von Stemm ist Autorin, studierte Kinderbuchillustration und ließ sich in Santa Fe zur Papieringenieurin ausbilden, was sie zu ihrem heutigen Arbeitsschwerpunkt führte: Wimmel-, Bastel- und Pop-up-Bücher. Für „Fräulein Pop und Mrs. Up“ erhielt sie bereits im Jahr 2000 den Deutschen Jugendliteraturpreis. Ihr Kindercomic „Der (wahrscheinlich) magische Höhlenstein“ strotzt vor visuellen Ideen, dass es eine Art hat. Womöglich ist er sogar ein Novum, denn klassische Zeichnungen kommen nur selten zum Einsatz; die Geschichte wird wird als Fotobastelcomic erzählt, d. h. sämtliche Figuren und Gegenstände sind handgefertigt und wurden dann in Miniatur-Settings abfotografiert. Der Plot ist pures Rambazamba: Eine Mäusefamilie muss ihre Behausung, einen Karton, verlassen. Weil Omma Maus bei der Suche nach einer neuen Bleibe ihren Fuß verletzt, trennt sich die Gruppe. Mika, die Hauptfigur, bleibt bei ihrer Oma, nur um zu erfahren, dass diese einst mit Außerirdischen auf zahlreichen Rettungsmissionen Kleintiere gerettet haben soll und sie selbst nun über die gleichen magischen Fähigkeiten verfüge. Schwer zu glauben, bis die etwas träge gewordenen, dafür umso redseligeren und streitlustigeren Außerirdischen selbst aufkreuzen, deren Unterkunft, ein massiver Stein, sich in Wahrheit als Raumschiff entpuppt, mit dem Mika ihre Familie retten wird. Bis dahin tut’s zur schnellen Fortbewegung aber auch ein Taubentaxi, und zu diesem Zeitpunkt ist man längst den sensationellen Figuren-Designs und der prachtvollen Diorama-Ästhetik verfallen.

Antje von Stemm: Der (wahrscheinlich) magische Höhlenstein • Kibitz Verlag, Hamburg 2026 • 156 Seiten • Hardcover • 24,00 Euro

 

Jacobo Starace: The Devil in the Smiling Woods

Der italienische Comiczeichner Jacopo Starace hat mit „The Devil in the Smiling Woods“ eine kleine, kompakte Horror-Story vorgelegt, die sichtlich von der Liebe zum 80er-(Horror-)Kino geleitet wird. Eine US-amerikanische Kleinstadt, ein Pharmaunternehmen, das Schindluder mit der Natur treibt, ein unerklärliches Ereignis – zahlreiche Bergarbeiter, die seit zwei Jahren spurlos verschwunden sind – ergo ein Trauma, das die Bewohner der Stadt miteinander verbindet, und eine Gruppe Teenager, die sich mit der langsam einsetzenden Resignation nicht abfinden will. Die Referenzen reichen von Stephen King über Sam Raimi bis zu John Carpenter, und sowohl Staraces Gespür für effizientes visuelles Storytelling als auch sein Händchen für eine beklemmende Kolorierung führen souverän über ein paar offene Fragen hinweg. Bei der redaktionellen Bearbeitung ließ man indes Fünfe gerade sein: Mancher Dialog klingt schon deshalb gestelzt, weil er uns nur mit Informationen versorgen soll, die die Figuren längst kennen, der Unterschied zwischen „scheinbar“ und „anscheinend“, zwischen „das gleiche“ und „dasselbe“ oder auch nur zwischen einer Straße und einem Pfad spielt keine Rolle, eine TV-Reporterin spricht Bandwurmsätze in die Kamera, die ihr kein Lokalsender durchgehen ließe, Beschlüsse des Pharmaunternehmens sind „polemisch“ statt umstritten, „Erschließungstruppen“ durchsuchen das Bergwerk, und in raren Anflügen von Poesie „scheint sich die Stille zu einem ohrenbetäubenden Schrei zu ballen“.

Jacobo Starace: The Devil in the Smiling Woods • Cross Cult, Ludwigsburg 2026 • Softcover • 144 Seiten • 22,00 Euro

 

David Wenzel, Charles Dixon: Der Hobbit

David Wenzels Adaption von Tolkiens „Hobbit“ hat auch hier eine lange Editionsgeschichte hinter sich: zwischen 1989 und 1993 als dreibändige Albenausgabe bei Alpha, von 2001 bis 2012 dann als Gesamtausgabe bei Carlsen in insgesamt vier Auflagen mit wechselnden Titelbildern im etwas größeren US-Format, die lange Zeit nur antiquarisch erhältlich war. Nun erscheint bei Klett-Cotta eine von Wenzel um 14 Seiten erweiterte Neuausgabe in DIN A4 und im edlen Hardcover nach der Übersetzung von Wolfgang Krege, noch dazu mit einem 20-seitigen Anhang, in dem Wenzel den Entstehungsprozess rekapituliert und kreative Entscheidungen kommentiert. Wenzels zeitlose Aquarellkunst sieht pompöser denn je aus, besonders die Farben faszinieren mit ihrer herben Anmutung, die ideal zur anstrengenden Reise des Hobbits passt. Es wird ausufernd auf viele Textpassagen des Romans zurückgegriffen, was in diesem Fall Tolkien-Connaisseure nur noch mehr verzücken wird.

David Wenzel, Charles Dixon: Der Hobbit • Klett-Cotta, Stuttgart 2026 • 192 Seiten • Hardcover • 26,00 Euro

Kommentare

Zum Verfassen von Kommentaren bitte Anmelden oder Registrieren.
Sie benötigen einen Webbrowser mit aktiviertem JavaScript um alle Features dieser Seite nutzen zu können.